https://www.faz.net/-gr0-9r5bb

Politik und Pop : Alles gar nicht so gemeint

Gut verschanzt hinter der Kunstfreiheit: Rapper Kollegah und Farid Bang Bild: dpa

In der Popmusik sind immer schon politische und soziale Konflikte ausgehandelt worden. Derzeit geschieht das aber härter denn je. Zwei neue Bücher ergründen, warum das so ist.

          5 Min.

          Zwei Rapper bringen mit antisemitischen Textzeilen einen Musik-Preis zum Kollaps. Eine linke Punkband soll im Bauhaus Dessau auftreten und wird aus Furcht vor rechten Randalen wieder ausgeladen. Eine Südtiroler Band beschwört die Liebe zur Heimat gegen „Gutmenschen und Moralapostel“. Einer kanadischen Clubmusikerin wird koloniale Herablassung vorgeworfen, weil sie eine indische Freiheitshymne als Sample benutzt. Eine Organisation ruft zum Boykott eines Berliner Popfestivals auf, weil eine Künstlerin mit staatlicher Unterstützung aus Israel anreist. Ein österreichischer Schlagerstar beklagt die „genderverseuchte Zeit“. Und das sind nur Beispiele der letzten drei, vier Jahre.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Eigentlich gilt Popmusik ja als Kunstform jugendlich-sentimentaler Affekte, die sich mit zunehmendem Alter von selbst erledigen. So hartnäckig sich diese Ansicht auch hält, so war es aber noch nie. In der Popmusik wurden immer schon politische und soziale Konflikte ausgehandelt, sexuelle Selbstbestimmung, ethnische Emanzipation, Jung gegen Alt – derzeit geschieht das aber härter denn je. Und mit umgedrehten Vorzeichen. Gleich zwei neue Bücher – das eine, von Jens Balzer, ein ernster Essay, das andere, von Michael Behrendt, ein populäres Kompendium – versuchen deswegen zu ergründen, warum es so gekommen ist. Und was man aus den Skandalen der letzten Zeit lernen kann, falls es mal wieder so kracht wie zuletzt um Andreas Gabalier und Frei.Wild, die Organisation BDS und Feine Sahne Fischfilet – und um die Rapper Kollegah und Farid Bang.

          Jens Balzer: „Pop und Populismus: Über Verantwortung in der Musik“. Körber-Stiftung, Hamburg 2019.

          Deren Album „Jung, brutal und gutaussehend 3“ war im vergangenen Jahr mit dem „Echo“ ausgezeichnet worden, obwohl die beiden Rapper darauf Holocaust-Opfer verhöhnen – und sich eine spät aufmerksam gewordene Öffentlichkeit heftig erregte. Diesem Vorgang widmen sich beide neuen Bücher ausgiebig: Der Berliner Journalist Jens Balzer denkt in seinem Essay „Pop und Populismus“ über „Verantwortung in der Musik“ nach und fordert seine Zunft – das Feuilleton samt assoziierter Popkritik – zu genauerem Hinsehen und größerer Fachkenntnis auf. Michael Behrendt wiederum, promoviert über Rocklyrik und früherer Chefredakteur Frankfurter Stadtmagazine, zählt in „Provokation!“ umstrittene Songs der letzten hundert Jahre auf, von Claire Waldoff bis Conchita Wurst. Er historisiert das Phänomen sozusagen, wenn auch in griffigen Formeln – und liefert abschließend eine Art Ratgeber im Umgang mit Popmusik, falls die zum Skandal wird wie im Fall von Kollegah und Farid Bang und dem „Echo“.

          Es war ein einschneidendes Ereignis in der jüngeren Geschichte der deutschen Popmusik. Am Ende wollte niemand es gewesen sein oder die Verantwortung dafür übernehmen, dass hier ein antisemitischer Rap ausgezeichnet wurde. Der „Echo“, ein Preis, der nach Absatz vergeben wird und trotz „Ethikrat“ und öffentlicher Beteuerungen keine Haltung erkennen lässt: Was bleibt, ist die Erinnerung an zwei feixende Rapper, die ihre Preisverleihung vor laufender Kamera als Triumph und abermalige Verhöhnung all jener inszenieren, die sich daran stießen.

          Weitere Themen

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          So riecht Sozialkritik

          „Parasite“ im Kino : So riecht Sozialkritik

          Ein Leben, das aus Füßen besteht, eine Familie, die eine andere befällt, und überall bildhafte Bedeutung: Der Cannes-Gewinner „Parasite“ steckt voller revolutionärer Energie.

          Topmeldungen

          Der Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, ruft dazu auf, Johnsons Abkommen abzulehnen.

          Nigel Farage : „Das ist einfach kein Brexit“

          +++ Jean-Claude Juncker empfiehlt Deal zur Annahme +++ Chef der Brexit-Partei und DUP lehnen Deal ab +++ EU-Gipfel beginnt um 15 Uhr +++ Alle Infos zum Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.