https://www.faz.net/-gr0-8k7cx

Galionsfigur von Polens Rechten : Rymkiewicz versus Johannes Paul II.

Jarosław Marek Rymkiewicz Bild: Elzbieta Lempp

Er begrüßt den nationalen Ruck durch die Gesellschaft: Die intellektuelle Galionsfigur der polnischen Rechten ist ein Wutschriftsteller.

          Nein, er reißt sich nicht darum, einen Gast aus Deutschland zu treffen. Schon gar nicht bei sich zu Hause. Telefonischem Kontakt ist er jedoch nicht abgeneigt. Wenigstens das! Jarosław Marek Rymkiewicz ist ein Cicerone, der uns - auf seine Weise - die geistige Landschaft Polens erklären kann. Er hat es schon einmal getan: in seinen „Polnischen Gesprächen im Sommer 1983“, so der Titel des vor langer Zeit bei Suhrkamp erschienenen Buches. Versuchen wir also, das Gespräch im Sommer 2016 wiederaufzunehmen.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Allerdings bietet der Autor, der inzwischen alle wichtigen Literaturpreise Polens abgeräumt hat, heute ein anderes Bild als in den achtziger Jahren. Der heutige Herr Rymkiewicz (gesprochen: Rimkjewitsch) ist ein polemischer Geist, ein Wutschriftsteller; vielleicht der am stärksten politisch profilierte Autor des Landes. Er ist als Künstler die Galionsfigur der polnischen Rechten, des großen, mehr oder weniger eng um Parteichef Jarosław Kaczyński gescharten Lagers.

          Rymkiewicz wohnt mit seiner Frau - der Sohn ist längst erwachsen - im beschaulichen Milanówek am Rande von Warschau. Im Sommer 1935 wurde er in Polens Hauptstadt geboren; der Name der Familie lautete damals, phonetisch erkennbar deutsch, Szulc. Unter dem Eindruck des Naziterrors legte der Vater, Anwalt und Schriftsteller, den Namen nach Kriegsende ab. Im Tauwetter nach Stalins Tod veröffentlichte der Sohn seinen ersten Gedichtband, auf den alle paar Jahre ein weiterer folgte - bis heute. Rymkiewicz studierte Polonistik in Lodz. Bald begann er, Komödien und antikisierende Dramen zu schreiben sowie zu übersetzen: Mandelstam, Wallace Stevens, Calderón.

          Von der CIA gesteuert

          Die achtziger Jahre waren in Polen auf- und anregend. Der demokratische Aufbruch im Zeichen der Solidarność-Bewegung und seine Niederschlagung durch das Kriegsrecht 1981 waren in lebhafter (und bitterer) Erinnerung, als der Autor die „Gespräche“ schrieb. Sein Prosadebüt ist vordergründig eine Plauderei unter Urlaubern, die jenen Sommer 1983 im idyllischen Nordosten Polens verbringen. Aber wenn es nicht gerade um die Suche nach Pilzen und Flusskrebsen geht, dreht sich das Gespräch um das frische Trauma, die abermalige Niederwalzung des ewigen polnischen Kampfes für Freiheit und Selbstbestimmung. Eine Plauderei, zeitweise auch ironisches Selbstgespräch, mit philosophischem Tiefgang. Einer der Teilnehmer, der „Herr Mareczek“ (die Koseform von Marek), ist Schriftsteller, das Alter Ego des Autors.

          Am Ufer des Wigry-Sees also denkt Herr Mareczek laut über Sinn und Gerechtigkeit in der Geschichte nach und landet bald in einem Zwiegespräch mit dem Teufel, dem „Großen Zerstörer“, der ihn in Versuchung führen will. Das Angebot: Ob er nicht mit einer der jungen, braungebrannten Frauen am Seeufer schlafen wolle? Natürlich will er! Am liebsten Genuss ohne Reue. Aber, sagt der Fürst der Zerstörung, dafür müsse er einen Preis bezahlen.

          Zum Beispiel könne er schreiben, der polnische Bürgerrechtler Adam Michnik werde von den deutschen Vertriebenen und der CIA gesteuert. Oder: Der Schriftstellerkollege Kazik schreibe eine miserable Prosa. Jetzt wird verhandelt. Allerdings werden die Angebote des Zerstörers, der Lage im realen Sozialismus entsprechend, immer prosaischer: Der „Genuss“ könne auch in der Zuteilung eines Autos bestehen oder in der Gewährung eines Reisepasses, der immerhin ermögliche, Buñuel zu sehen oder die Debatten in Cambridge zu verfolgen.

          Weitere Themen

          György Konrád gestorben

          Ungarischer Schriftsteller : György Konrád gestorben

          Der ungarische Schriftsteller war ein Brückenbauer zwischen Ost und West. Aus dem Dissidenten der Zeit vor dem Mauerfall wurde einer der weltweit einflussreichsten Intellektuellen, der besonders in Deutschland wirkte.

          Topmeldungen

          Supercomputer Summit von IBM

          KI statt Simulation : Den Superrechnern geht die Luft aus

          Die Leistung von Supercomputern wächst kaum noch. Der Grund ist die fatale Fokussierung auf Künstliche Intelligenz. Numerische Verfahren gelten als „unsexy“.

          Dortmunder Kampfansage : „Wir können Barcelona wehtun“

          Für das Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona hat sich der BVB einiges vorgenommen. Die Borussia hofft dabei auf ein Fußball-Fest mit Happy End. Doch etwas dürfte die Dortmunder Vorfreude gehörig trüben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.