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Plagiatsverdacht Koppetsch : Gesellschaftsdiagnose mit verschwiegenen Quellen

Cornelia Koppetsch Bild: Jan-Christoph Hartung

„Die Gesellschaft des Zorns“ von Cornelia Koppetsch gehört zu den meistdiskutierten Sachbüchern dieses Jahres. Offensichtlich enthält es eine ganze Reihe von Plagiaten.

          3 Min.

          Kaum überraschend eroberte „Die Gesellschaft des Zorns“ (Transcript Verlag) in diesem Jahr die Bestsellerlisten. Das Buch der Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch bietet unter einem griffigen Titel eine umfassende Erklärung für den Aufstieg des Rechtspopulismus und wurde als punktgenauer Beitrag zur politischen Debatte gelobt, auch in dieser Zeitung. Zitathafte Bezüge zu Autoren, die Koppetschs These im Ganzen nicht stützen, ohne dass der Unterschied ausgeführt würde, deuten darauf hin, dass das Buch unter Zeitdruck entstanden ist. Auch auf eigene Empirie hat die Autorin weitgehend verzichtet. Bis Donnerstag kandidierte Koppetsch als eine von drei Bewerbern für den Bayerischen Buchpreis. Aus dieser Shortlist wurde ihr Buch von Sandra Kegel, Ressortleiterin in diesem Feuilleton, zu Beginn der live übertragenen Preisverleihung im Konsens mit ihren Mitjuroren zurückgezogen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn mittlerweile ist klar, dass „Die Gesellschaft des Zorns“ eine signifikante Zahl von Plagiaten enthält. Abgeschrieben hat Koppetsch nach bisherigen Stand der F.A.Z.-Recherchen vor allem aus dem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz, das 2017 mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet worden war. Daneben finden sich ungekennzeichnete Übernahmen aus anderen Schriften von Reckwitz und weiteren Autoren wie Slavoj Żižek, Wendy Brown oder Sighart Neckel. Diese Bücher werden zwar an anderer Stelle erwähnt, im entsprechenden Kontext aber nicht zitiert.

          Zur Analyse der Plagiatsvorwürfe gegen Cornelia Koppetsch

          So entnimmt Koppetsch dem Buch „Europa ohne Gesellschaft“ von Maurizio Bach ohne Quellenangabe und mit minimaler Abweichung folgende Passage: „Dieser Prozess lässt sich an der deutschen Wiedervereinigung veranschaulichen. Nach dem Fall der Mauer wurden die kulturellen [Bach schreibt von ökonomischen\] und sozialen Disparitäten, die sich in der Doppelstaatlichkeit zwischen den alten und den neuen Bundesländern entwickelt hatten, in das vorherrschende Deutungsmuster der sozialen Ungleichheit überführt – mit den bekannten Folgekosten, die mit den Transferzahlungen an die neuen Bundesländer im Zeichen nationaler Solidarität verbunden sind.“

          Aus dem Buch „Die Republik der Angst“ des Historikers Frank Biess hat Koppetsch zwölf Passagen ohne Zitathinweis übernommen. Unter anderem: „Im islamophoben Diskurs [der Gegenwart] wird [nun] gerade der Bereich der Geschlechterordnung und der Sexualität als zentraler Beleg für die Unvereinbarkeit des Islam mit westlichen Gesellschaften konstruiert.“ Pikanterweise hatte sich Biess nach eigener Angabe schon vor Monaten an Koppetsch, den Transcript Verlag und später an die Ombudsstelle für die Wissenschaft der Deutschen Forschungsgemeinschaft gewendet. In der zweiten Auflage seien die Errata auf Empfehlung der Ombudsstelle teilweise korrigiert, der Eingriff aber nicht transparent gemacht worden.

          Der Transcript Verlag nimmt dazu auf Nachfrage keine Stellung. Insgesamt finden sich auf 283 Seiten nach bisheriger Recherche mindestens dreißig plagiatsverdächtige Stellen. Koppetsch hat handwerkliche Mängel gegenüber dieser Zeitung eingeräumt und sich dafür entschuldigt, besteht aber auf dem eigenständigen Charakter ihrer Arbeit.

          Originelle These trotz handwerklicher Fehler

          Das bezieht sich besonders auf die „Gesellschaft der Singularitäten“, aus dem die meisten der bislang bekannten Plagiate stammen. Beide Bücher betrachten die Spaltungen der Gegenwart vor einem epochalen Umbruch hin zu einer globalen Moderne. Reckwitz sieht die Gegenwart vom Aufstieg sogenannter Singularitäten bestimmt, vermeintlich singulären, in Wahrheit aber seriell produzierten Lebensstilen einer tonangebenden Kreativklasse.

          Bei Koppetsch ist der kosmopolitische Habitus dagegen nicht Ursache von Individualisierungstendenzen, sondern Faktor einer neuen Art von Klassenbildung, bei dem nicht die Kultur, sondern der Kampf um ökonomischen Status und Macht entscheidend seien. Diesen Unterschied hatte Koppetsch schon in eigenen Worten in einer Fachdebatte auf dem Fachportal Soziopolis dargestellt. An der Originalität ihrer These ist also nicht zu zweifeln, was an den Mängeln des Buches aber nichts ändert. Es wäre verfehlt, offensichtliche Plagiate, wie es die Freie Universität Berlin kürzlich im Fall der Familienministerin Giffey getan hat, mit dem Hinweis auf den ansonsten eigenständigen Charakter der Arbeit abzutun. Ein wissenschaftliches Sachbuch steht auf vielen Schultern und muss sie benennen.

          Dass die Preisverleihung am Donnerstagabend ungewollt zur Anklage in Anwesenheit der Autorin wurde, war angesichts des Live-Charakters unvermeidbar. Der Preisträger Jan-Werner Müller sagte in seiner Dankesrede, er hätte sich einen weniger verletzenden Umgang mit Cornelia Koppetsch gewünscht. Das Angebot der Jury, das Buch zurückzuziehen, hatte Koppetsch allerdings selbst abgelehnt. Gestern ist das Buch nun auch von der Shortlist des NDR-Sachbuchpreises zurückgezogen worden.

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