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Lyrik profitiert von Instagram : Ein Bild von einem Gedicht

  • -Aktualisiert am

Rupi Kaur weiß, dass nicht nur ihre Gedichte komponiert sein wollen: Die Bücherreihe neben der kanadischen Instagram-Berühmtheit signalisiert Belesenheit. Bild: Imago

Nirgendwo findet Lyrik derzeit so viel Aufmerksamkeit wie auf Instagram. Die bestverkaufte Dichterin aller Zeiten ist in diesem Netzwerk groß geworden.

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          Der Erfolg von Rupi Kaur begann – wie viele große literarische Karrieren seit Goethe – mit einem Skandal. Im März 2015 postete die indischstämmige Kanadierin ein Foto bei Instagram. Ein ganz gewöhnlicher Vorgang. Das Bild zeigte eine zusammengekrümmte junge Frau mit Periodenfleck an der Hose. Auch das, Menstruation, ist kein ungewöhnlicher Vorgang. Ungewöhnlich war jedoch, dass der zu Facebook gehörende Online-Dienst beschloss, das Foto zu löschen. Grundlos, denn das Bild verstieß nicht gegen die Gemeinschaftsrichtlinien. Kaur postete es abermals, erzählte von der Löschung und stellte zwei Fragen: Warum ist meine Periode für euch unzumutbar, wenn ich sie jeden Monat aushalte? Warum sollten Frauen sich für eine Natürlichkeit schämen?

          Daraufhin explodierte das Internet, wie es das häufiger tut. Die damals Zweiundzwanzigjährige wurde im Schnellverfahren zur Ikone. Wäre Kaur ein Online-Phänomen geblieben, könnte man daran nichts Besonderes finden. Aber Rupi Kaur aus Toronto, jetzt siebenundzwanzig Jahre alt, ist mittlerweile zur erfolgreichsten Lyrikerin aller Zeiten geworden. Ihre beiden Gedichtbände verkauften sich zusammen bisher sieben Millionen Mal. Das revidiert die Aussage des amerikanischen Schriftstellers Gary Shteyngart: „Gedichte werden nur noch von Lyrik-Professoren gelesen, die Studenten unterrichten, die wieder Lyrik-Professoren werden.“ Allerdings konnte Shteyngart vor fast zwanzig Jahren, als er das schrieb, schlecht ahnen, dass da etwas kommt, das Gedichte massentauglich macht, und dass es eine Internet-Fotoplattform sein würde.

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