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Deutscher Buchpreis : Buchverhinderer

Petra Hartlieb Bild: Picture-Alliance

Was für Bücher soll der Deutsche Buchpreis prämieren? Nur die gut verkäuflichen? Darum bemüht sich zumindest eine Buchhändlerin, die in der Jury sitzt.

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          Full disclosure, wie es heute heißt, gleich zu Beginn: Diese Glosse ist aus der Sicht und mit den Erfahrungen eines Literaturkritikers und ehemaligen Mitglieds der Jury des Deutschen Buchpreises geschrieben. Das ist wichtig, denn dieser Preis kommt gerade wegen seiner diesjährigen Jury ins Gerede. Ins Gerede kommen soll er aber eigentlich mit deren Entscheidungen, so wünscht sich das der Börsenverein des deutschen Buchhandels, der die jährliche Auszeichnung nach dem Vorbild des britischen Booker-Preises 2005 geschaffen hatte, damit viel über Belletristik geredet und im Idealfall auch viel davon verkauft werde. Verkauft von den Mitgliedern des Börsenvereins, den Buchhändlern. Deshalb ist diese Berufsgruppe in der jährlich wechselnden siebenköpfigen Jury meistens vertreten gewesen, zuletzt auch häufiger mit zwei Personen. Wie in diesem Jahr. Wobei dann immer noch fünf Plätze für Literaturkritiker und – selten – Schriftsteller bleiben; man sollte sich also keine Sorgen darum machen müssen, dass kommerzielle Interessen die Juryentscheidungen beeinflussen.

          Doch dann veröffentlichte das diesjährige Jurymitglied Petra Hartlieb, Buchhändlerin aus Wien und erfolgreiche Sachbuchautorin („Meine wunderbare Buchhandlung“), am vergangenen Samstag in der österreichischen Zeitung „Die Presse“ einen Erfahrungsbericht über ihre Juryarbeit. Also noch während diese stattfand, denn die Entscheidung über den Siegertitel fällt erst am kommenden Freitag. Nicht, dass Petra Hartlieb schon durchblicken ließe, wer dabei als Jury-Favorit gelten darf, sie plaudert auch nichts über konkrete Vorlieben oder Abneigungen ihrer sechs Kollegen aus, aber was an ihrem Artikel alarmiert, ist die beiläufige Erwähnung einer E-Mail des zweiten Buchhändlers in der Runde, der während des Auswahlprozesses über ein von einem anderen Juror empfohlenes Buch an Hartlieb – und nur an Hartlieb – geschrieben haben soll: „Wir müssen das verhindern.“ Wir – das sind die beiden Buchhändler, und warum das Buch verhindert werden soll, wird klar, wenn Hartlieb ihre eigenen Schwierigkeiten damit beschreibt: „Ich kann das nicht lesen, ich kann das nicht verstehen, ich kann das nicht verkaufen.“

          Das ist von Kritikern dieses Branchenpreises immer schon befürchtet worden: dass Titel nach Verkäuflichkeit statt nach Qualität nominiert, womöglich auch ausgezeichnet werden. Petra Hartlieb bestätigt das nun für sich selbst ganz unschuldig: „Bin ich in einer so wichtigen Jury fehl am Platz? In diesen Momenten des Zweifels führe ich mir mantraartig vor Augen, dass es hier um den Preis des Börsenvereins des deutschen Buchhandels geht, nicht um den Büchner- oder Bachmannpreis.“ Hartlieb ist denn auch stolz auf die zufriedene Reaktion der Buchhändler „angesichts der Liste von ,gut verkäuflichen‘ Titeln“ in diesem Jahr. So wird die literarische Reputation eines Preises, an der frühere Jurys gerade im Bewusstsein der Bedenken gegen einen Branchenpreis mühsam gearbeitet haben, zerstört. Ist Petra Hartlieb fehl am Platz in dieser wichtigen Jury? Vielleicht wirklich nicht, aber dann sind es die Kritiker.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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