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Literaturfestival in Berlin : Möge der Herrscher in sich gehen

Will auf ihrer Lesereise nur von Literatur, nicht von Politik sprechen: Petina Gappah bei der Eröffnung des Literaturfestivals in Berlin Bild: Hartwig Klappert

Fürbitte statt politischer Analyse: Petina Gappah aus Zimbabwe eröffnete das Internationale Literaturfestival Berlin, schwieg aber von ihrer Arbeit für das Regime von General Mnangagwa.

          2 Min.

          Es ist die Nemesis der besten politischen Absichten, wenn die Galionsfigur eines deutschen Literaturfestivals ins Zwielicht gerät und all das, was an ihr vorher zu loben schien, plötzlich eine andere Färbung annimmt. Genau das geschah mit der Schriftstellerin Petina Gappah aus Simbabwe, die jetzt im Hebbel Theater die Eröffnungsansprache des Internationalen Literaturfestivals Berlin hielt.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Zwei Tage vor dem Festakt hatte der Afrika-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ der Autorin vorgeworfen, einem mörderischen Diktator gedient zu haben. Während Gappahs Bücher international gelobt worden seien, darunter der jetzt auch auf Deutsch erschienene Roman „Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“, habe Petina Gappah nach Mugabes Sturz im November 2017 als neue Regierungsberaterin für Handels- und Investitionsfragen im Ausland das „freundliche Gesicht des Regimes“ gegeben. Menschenrechtsaktivisten zufolge aber sei die heutige Lage in Simbabwe unter General Emerson Mnangagwa „mindestens genauso schlimm wie unter Mugabe“.

          Petina Gappah, Jahrgang 1971, war Karrierejuristin in Genf, bevor sie Schriftstellerin wurde. Die Vorwürfe gelten ihrem anderen Leben. Sie wären in Deutschland leichter zu bewerten, wenn uns die Zustände in Simbabwe genauer vor Augen stünden. Da das nicht der Fall ist, müssen wir uns mit Medienberichten behelfen. Von den Wahlen im Sommer 2018 in Simbabwe heißt es, Wähler seien eingeschüchtert und manipuliert worden; die Polizei habe zwölf Menschen erschossen und viele festgenommen. Auch von der grotesken Verschwendungssucht des neuen Machthabers ist die Rede, ebenso wie von Massakern aus seiner blutigen Vorgeschichte als Sicherheitsminister seines Mentors Robert Mugabe.

          Eiserne Lobesabsicht

          In ihrer literarisch eleganten Einführung ging Gabriele von Arnim über die erhobenen Vorwürfe hinweg, als könnte sich das Publikum, zu dem sie sprach, einen zweiten und dritten Blick von vornherein sparen. Da sei jemand bereit gewesen, nicht nur zu reden, sondern bei den Veränderungen selbst mit anzupacken, sagte sie in eiserner Lobesabsicht. Was diese Veränderungen in Simbabwe bedeuteten und welchen Gewinn, welches Mitwissen, welche Billigung sie mit sich brachten, hätte das Publikum aber vielleicht doch gern gewusst.

          Die eigentliche Enttäuschung war die Festrede selbst. Nicht, weil sie etwas zu lang, etwas zu sehr gespickt war mit Dankadressen an „liebe Freunde“ und „wundervolle Leserinnen und Kritiker“ in Berlin, wo die Autorin ein Jahr als DAAD-Stipendiatin verbrachte. Sondern weil auch Petina Gappah es nicht für nötig hielt, auch nur ein einziges Wort über mögliche moralische Widersprüche politischen Handelns in Zeiten korrupter Regierungen zu verlieren.

          Fürbitte statt Analyse

          Sie habe die Chance ergreifen wollen, „Veränderung zu sein, nicht nur über die Notwendigkeit der Veränderung zu schreiben“, sagte sie zahm. Dem allmächtigen General Mnangagwa, genannt „das Krokodil“, dem sie anderthalb Jahre als Beraterin gedient hatte, wünschte Gappah in Berlin „Gelegenheit für Nachdenken und Selbstreflexion“, so dass er „über die Versuchungen der Macht hinausblickt und die harten und schmerzlichen Entscheidungen trifft, die nötig sind, um Simbabwe auf den Weg wirklicher Demokratie zu bringen“. Das klingt nach Fürbitte, nicht nach politischer Analyse für ein erwachsenes Publikum. Vor allem ist es weit von der harschen Kritik entfernt, die Gappah selbst vor wenigen Wochen, nach der Niederlegung ihres Beraterjobs, an den Mitgliedern der simbabwischen Regierung geübt hatte.

          Aus dem Briefwechsel zwischen der Autorin und der Festivalleitung, der dieser Zeitung vorliegt, geht hervor, dass Petina Gappah auf ihrer deutschen Buchtournee aus Furcht vor Missverständnissen, aber auch vor Anfeindungen im eigenen Land nur von Literatur, nicht von Politik sprechen will. Das ist eine kuriose Vorstellung von der öffentlichen Rolle einer Intellektuellen, die ihre Literatur zweifellos als politisch empfindet. Das Festival, das sich etwas auf seinen Einsatz für Demokratie und Menschenrechte zugutehält, hätte bei seiner Eröffnungsrednerin viel schärfer nachfragen müssen. So macht man das hierzulande: Wer öffentlich auftritt, steht Rede und Antwort. Sonst denkt man, er hätte etwas zu verbergen.

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