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Verspielt Bertelsmann die Marke Penguin? Bild: AP

Programm des Penguin-Verlags : Fischeintopf mit Kraut und Rüben

  • -Aktualisiert am

Das erste Hardcover-Programm des deutschen Penguin Verlags ist da: Verkaufsträchtiges wurde mit einigen Kostbarkeiten gemischt. Eine publizistische Linie ist darin noch nicht zu erkennen.

          Pinguine sind Feinschmecker. Setzte man ihnen einen Supermarkt in die Antarktis, watschelten sie an allen Leckereien vorbei bis zur Fischtheke. Auch sonst haben diese kuriosen Vögel sich spezialisiert: Wegrennen finden sie lächerlich, Flugmanöver können ihnen gestohlen bleiben, im Tauchen freilich macht ihnen niemand etwas vor. Ein wenig verwundert es daher schon, dass der Brite Allen Lane 1935 ausgerechnet den Pinguin zum Wappentier seines (als Imprint bei The Bodley Head gestarteten) Verlagshauses gemacht hat. Von Beginn an setzte Lane auf das große Menu.

          Die schlagende Idee, Paperbacks zum Preis einer Schachtel Zigaretten für die Masse herzustellen, sollte allen Vorlieben Rechnung tragen, und so gab es neben der „General Fiction“ im Zeichen des Pinguins schon früh Krimis, Kinderliteratur, Biographien, Poesie, Drama, Essays, Bücher über Kunst, über Reisen und diverse Spezialinteressen, alles farblich gekennzeichnet. Erste Bestseller kamen auch aus dem Bereich der „Nonfiction“. So erschien 1937 eine gefragte politische Studie über die Weimarer Republik mit dem Titel „Germany Puts the Clock Back“.

          Spätestens die im Januar 1946 mit einer Übertragung von Homers „Odyssee“ eingeführte, Editionen und Übersetzungen des Weltkanons auf akademischem Niveau enthaltende Reihe „Penguin Classics“, die erst später mit den markanten schwarzen Covern ausgestattet wurde, katapultierte den Verlag in den ewigen Kulturolymp. Trotz der enormen Erfolge kam es jedoch zu ökonomischen Engpässen. Nur sechs Wochen nach Sir Allen Lanes Tod übernahm im August 1970 der Londoner Medienkonzern Pearson PLC das angeschlagene Unternehmen, was dem weiteren Wachstum von Penguin Books durchaus zuträglich war. 2013 vereinigte Pearson seine bis dahin zur Penguin Group ausgebaute Buchsparte mit derjenigen des größten Konkurrenten, des Verlags Random House, der seit 1998 zu Bertelsmann gehört. Damit war Penguin Random House gegründet, geführt mehrheitlich (zu 53 Prozent, seit Juli 2017 gar zu 75 Prozent) vom Bertelsmann-Konzern.

          Eingliederung in Bertelsmann

          Die deutsche Verlagsgruppe Random House, eine hundertprozentige Bertelsmann-Tochter mit Sitz in München, hatte nun also ebenfalls Zugriff auf die kraftvolle englische Marke. Ließ die sich nicht auch in Deutschland bewirtschaften? Über die Jahrzehnte hatte man hier zahlreiche traditionelle Verlage übernommen, etwa das Bertelsmann-Halb-Eigengewächs Albrecht Knaus Verlag, die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), Heyne, Blanvalet, Goldmann, Luchterhand, Siedler, Manesse, Kösel oder Prestel. Insgesamt zählen heute 45 Label zur Verlagsgruppe Random House, viele davon sind Eigengründungen wie der Blessing Verlag. Das mag Synergien bringen, übersichtlich ist es nicht. Die Marke Penguin sollte also zunächst dem Taschenbuchprogramm der Random-House-Verlage eine wiedererkennbare Rahmung verschaffen. Seit Herbst 2016 veröffentlicht der deutschsprachige Penguin-Paperback-Verlag vor allem sogenannte „Erfolgsautoren“. Selbst die offizielle Selbstbeschreibung des Programms klingt eigentümlich ambitionslos nach Kraut und Rüben, solange nur der Rubel rollt: „Literatur ebenso wie Frauenunterhaltung, Spannung, populäres Wissen, Humor und anspruchsvolles Sachbuch.“ Das hat der ehrwürdige Wasservogel von der Insel kaum verdient.

          Nicht zuletzt deshalb war die Aufregung groß, als vor anderthalb Jahren der Plan zur Gründung eines deutschen Penguin Hardcover-Verlags die Runde machte. Die Verlage Knaus, DVA Literatur, Manesse und Siedler, so schien es, sollten eingemeindet werden. Die Verlagsdämmerung ist so nicht eingetreten, die Verlage Siedler (populäres Sachbuch) und Manesse (noble Klassik-Sparte) bleiben im Rahmen von Random House eigenständig. Einen Penguin Hardcover-Verlag aber wollte man in München unbedingt haben. Dort publizieren künftig die belletristischen Autoren der DVA und die Autoren des damit entkernten Knaus Verlags. Jetzt haben Britta Egetemeier (Verlagsleitung) und Wolfgang Ferchl (Publisher at Large) ihr erstes, mit Spannung erwartetes Verlagsprogramm vorgelegt. Es bietet zahlreiche bekannte Stimmen auf – und ruft doch auch Verwunderung hervor durch einen eher konfusen als frechen Eklektizismus.

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