https://www.faz.net/-gr0-8o99m

Thomas Manns Villa in Amerika : Onkel Toms Hütte

  • -Aktualisiert am

Hier lebte Thomas Mann, hier sollen bald Künstler wohnen - aber wie finden das die Anwohner? Bild: Imago

1550 San Remo Drive, Los Angeles: Hier lebte Thomas Mann. Der Bund hat das Haus gekauft, aber keiner darf rein. Die Nachbarn sperren sich. Eine Ortsbegehung.

          6 Min.

          Es muss wohl im Spätsommer dieses Jahres gewesen sein, als ich zum ersten Mal davon hörte, dass das Haus von Thomas Mann in Los Angeles zum Verkauf stünde. Mich interessierte die Nachricht vor allem deswegen, weil meine eigene Reise nach Los Angeles - in das Haus des Exilschriftstellers Lion Feuchtwanger - bevorstand. Die Villa Aurora wurde nach dem Tod der Feuchtwangers zur Künstlerresidenz ausgebaut, und ich hatte ein Stipendium für einen dreimonatigen Aufenthalt dort erhalten. Thomas Mann hatte, wie viele andere nach Kalifornien immigrierte deutsche Künstler ganz in der Nähe gewohnt, 1550 San Remo Drive, in einem ähnlich mondänen Anwesen, entworfen von dem deutsch-jüdischen Architekten Julius Ralph Davidson.

          „Das Mann-Haus soll jetzt abgerissen werden, wenn Deutschland es nicht kauft“, erzählte mir eine befreundete Autorin, „kannst du dir das vorstellen?“ Ich konnte. Einige Tage zuvor war ich in Kreuzberg auf der Demo gegen die Zwangsräumung des „M99 - Gemischtwarenladen für Revolutionsbedarf“ gewesen. Die schönen Hefte vom Packpapier-Verlag hingen noch im Schaufenster. Ich habe sie fast alle zu Hause: liebevoll gestaltete Heftchen über Utopie und Chaos, Lilli’s Kochbücher und die großartige Heftreihe „Einfälle statt Abfälle“. Hans-Georg Lindenau, Mieter und Betreiber des Ladens, erschien mit Pickelhaube auf dem Kopf und hielt eine wirre Rede.

          Abgekämpft wirkte er, zermürbt - so wie wohl jeder aussähe, wenn ihm gerade seine gesamte Existenz entzogen wird und man als Schwerbehinderter im Rollstuhl auf eine Wohnung im Erdgeschoss angewiesen ist. Auch mein Freund Jan suchte derzeit eine Wohnung, und das bereits seit Monaten: Immer wieder Hunderte Bewerber, und immer wieder Vermieter, die dreiste Forderungen stellten. Unter diesen Gesichtspunkten löste die Nachricht vom möglichen Abriss und dem eventuellen Kauf des Mann-Hauses durch die Bundesregierung gemischte Gefühle in mir aus.

          12,5 Millionen Euro, dachte ich, so viel Geld! „Dieses Mann-Haus müsste man besetzen“, sagte ich zu Jan vor meiner Abreise. Man müsste es pink anstreichen, Hans-Georg nach Pacific Palisades einfliegen und mitten in diesem reichen Viertel einen Pop-up-Shop vom M99 eröffnen. Man müsste vom Haus aus Radiobeiträge senden, so wie Thomas Mann es früher mit „Deutsche Hörer!“ getan hatte, und die Bundesregierung darin auffordern, wieder soziale Wohnungspolitik zu betreiben.

          Nun lebe ich selbst als Stipendiatin seit gut zwei Monaten dort, wo Feuchtwanger und Thomas Mann früher lebten - in Pacific Palisades, damals noch eine Hügellandschaft an den Rändern von L. A., heute eine Gegend, in der fast ausschließlich weiße Millionäre leben, die sich von der mexikanischen Minderheit im Land bedienen lassen: gärtnern, putzen, kochen, Kinder versorgen.

          Pilates mit Feuchtwanger

          Auch hier in der Villa Aurora war der Abriss des Mann-Hauses und der mögliche Kauf von Anfang an Thema, doch nach meiner Ankunft geraten Zwangsräumung, Wohnungssuche und damit auch meine durchgedrehten Squatting-Ideen schnell in den Hintergrund. Das Licht, die Wärme und vor allem die Zeitumstellung führen dazu, dass es sich anfühlt, als würde Europa nicht mehr existieren.

          Gejetlagged schleiche ich in den ersten Tagen nachts durchs Haus und betrachte nachdenklich die vielen Fotos an den Wänden: Brecht mit Feuchtwanger im Hof, Feuchtwanger beim Pilates im Garten, seine Frau Marta mit den beiden Schildkröten, auf dessen Panzern der Legende nach die Telefonnummer der Villa stand, falls sie mal wieder zu weit wegliefen, und immer wieder Thomas Mann: rauchend, traurig lächelnd, wie die Protagonistin in seiner letzten Erzählung „Die Betrogene“, die er nach seiner Rückkehr nach Europa vollendete.

          Eine schon etwas ältere Frau verliebt sich in den jungen Englischlehrer ihrer Tochter und glaubt, die Liebe habe ihre Regelblutung wiederkehren lassen, doch entpuppt sich die Blutung als Gebärmutterhalstumor. Skandalös, schrieb der ebenfalls nach Pacific Palisades geflohene Adorno damals über „Die Betrogene“, doch ist Thomas Mann vermutlich der einzige Nobelpreisträger, der je über Menstruation und Menopause geschrieben hat.

          Hätte ihm ein pinkes Haus mit einem Pop-up-Shop vom M99 womöglich doch gefallen? Das fragte ich mich, als ich wieder im Bett lag und zu schlafen versuchte.

          Die Manns in Kalifornien: Erika, Katia und Thomas
          Die Manns in Kalifornien: Erika, Katia und Thomas : Bild: AKG

          In den darauf folgenden Tagen vergesse ich Thomas Mann und sein Haus. Das Wetter in L. A. ist zu schön und die Atmosphäre in der Villa zu angenehm. Es sind banale Tage in der Sonne. Im Garten sammeln sich die Wahrzeichen Kaliforniens: Boogieboards, Flipflops, Bikinis. An einem Tag am Meer entdecken wir am Horizont Delphine. Wir zücken unsere Smartphones und fotografieren, werden aber gleich darauf melancholisch. Der Gestalter Klaus Pockrandt, der über die Kunststiftung Sachsen-Anhalt da ist, muss in ein paar Tagen schon wieder abreisen.

          Als sein Zimmer schließlich leer steht, sehe ich am Abend, dass jemand aufgeräumt und einen großen Präsentkorb auf den Schreibtisch gestellt hat. „So etwas haben wir bei unserem Einzug nicht bekommen“, sagt die Filmemacherin Annekatrin Hendel grinsend. „Macht auch nichts, wir wissen selber, wo der Wein steht“, sage ich. Es heißt, jemand aus dem Vorstand reise an und bleibe für eine Woche in Klaus’ Zimmer. Der Kauf des Mann-Hauses soll unter Dach und Fach gebracht werden.

          Matratzenlager gegen Trump im Hause Mann?

          Alle sind glücklich und erleichtert. Wir auch! Ob wir denn mal in das Haus könnten, fragen wir vorsichtig. Selbstverständlich, heißt es, denn warum soll das Haus jetzt noch so lange leer stehen, bis man dort ein Konzept auf die Beine gestellt hat? Einmal fällt das Wort „Matratzenlager“. Ich erzähle von meiner Idee mit der Radiosendung. Vor ein paar Tagen wurde Trump gewählt, man könnte eine Art Salon einrichten, so wie die Exilschriftsteller es damals öfters gemacht haben, und von dort live berichten, schlägt eine Filmemacherin aus L. A. vor, die mir auf einer Party vorgestellt wird. Das hätte Thomas Mann und seiner Familie sicher gefallen.

          Jan kommt zu Besuch. Wir planen eine Geschichte, in der wir einen Tag und eine Nacht im Mann-Haus dokumentieren wollen, aber der Schlüssel kommt und kommt nicht, obwohl er schon längst in der Villa Aurora liegen sollte. Stattdessen bleibt er unter Verschluss im Konsulat. Beim Konsul. Konsulat - ich habe das Wort lange nicht gehört, es klingt für mich nach „Pass geklaut“ oder „Pass verloren“, nach „Leute-kennen-Müssen, wenn man politisch verfolgt wird“, und damit wieder nach Thomas Mann. Konsul auch - das Wort klingt nach Buddenbrooks, nach diesem Lübecker Akzent, mit dem der Konsul Johann Buddenbrook immer zu seinen Arbeitern spricht. Werde ich auch einmal die Hilfe eines Konsuls brauchen, frage ich mich. Und wird mir dieser Text dann zum Verhängnis? Au weia.

          Egal, ich will jetzt wissen, warum wir nicht ins Mann-Haus können, dort übernachten dürfen, Fotos machen, schreiben. Warum muss das Haus leer stehen? Es war so verdammt teuer. Niemand will es ernsthaft pink anmalen oder Revolutionäre einfliegen lassen, auch ich nicht, doch dann heißt es, der Konsul könne gar nichts dafür, sondern die Home Owner Association sei schuld.

          Ich habe keine Ahnung, was das ist, also google ich und erfahre, dass Home Owner Associations (HOA) Eigentümergesellschaften sind, die rund 25 Prozent der Eigentumsimmobilien in den Vereinigten Staaten kontrollieren. Kurz gesagt funktionieren HOAs so wie Schrebergartenvereine, nur schlimmer, weil eine fette Villa eben keine Gartenlaube ist. HOAs dürfen über die Nutzung von Häusern mitbestimmen, wenn sich die Immobilie innerhalb ihrer Eigentümergemeinschaft befindet. Das beginnt bei Anbringung von Satellitenschüsseln und endet mit der Bestimmung der Hausfassadenfarbe - oder der Nutzung einer Immobilie als Künstlerresidenz.

          Über Nachbarn erfahren wir, dass das Mann-Haus in den vergangenen Jahren als Airbnb-Unterkunft gedient hat und für 15.000 Dollar im Monat vermietet wurde. „Das hätte Thomas Mann sicher nicht gefallen“, sagt Jan. Doch die HOA scheint mit dieser Form von Nutzung scheinbar kein Problem gehabt zu haben. Womit sie aber offensichtlich ein Problem haben, ist unsere mögliche Anwesenheit, dabei wollen wir nicht einmal einziehen.

          Die Macht der Anwohner

          „Wir haben doch schon eine Villa“, sagt Annekatrin, „wir brauchen nicht noch eine.“ Auf der Website der HOA sehe ich, dass im Vorstand nur Immobilienmakler, Anwälte und Broker sitzen, hauptsächlich Männer, einige wenige Frauen, die klischeehaft lange Charity-Lebensläufe haben. In den „Palisades News“ lese ich, dass eine der HOAs eine „Taskforce on Homelessness“ gegründet hat, die überall dort, wo Obdachlose schlafen oder essen, Kahlschlag betreibt, damit sich niemand im Gebüsch verschanzen kann. Das Ganze liest sich wie eine schlechte Komödie: Ein Obdachloser sei, nachdem man ihn gebeten hatte, die Siedlung zu verlassen, mit einem Joint im Mund auf seinem Fahrrad weggefahren, so schnell, dass Anwohner scharf hatten bremsen müssen, während man einen anderen - die Zeitung nennt ihn „The Beast“ - erfolgreich vertreiben konnte.

          Enttäuscht sitzen wir in unserer Villa im Garten. Der Künstler Sebastian Stumpf, ebenfalls Stipendiat in der Villa, ist vor ein paar Tagen ins Design & Architecture Museum in Santa Barbara gefahren, um dort im Archiv die Pläne für das Mann-Haus durchzusehen und davon Fotos zu machen. Gemeinsam schauen wir uns die Bilder an. Baupläne, Kostenvoranschläge, Rechnungen, alles liebevoll mit Bleistift oder Tinte geschrieben - fast so wie die Hefte vom Packpapier-Verlag, daneben kleine Kritzeleien auf zerknittertem altem Papier. Ob sie von Thomas Mann sind?

          Wir rätseln herum. Wir fragen uns, wie viel der Davidson-Bau von 1941 auf heute umgerechnet wohl gekostet hätte. 300.000 Euro erscheint heute nicht viel für ein solches Haus - aber selbst dafür bekommt man in Berlin ja keine ordentliche Wohnung mehr, höchstens in Schildow, wo Annekatrin wohnt.

          Am nächsten Tag ziehe ich mir ein Hemd, eine schwarze Hose und meine überteuerten Kate-Spade-Slipper an, und fahre mit Jan in den San Remo Drive zum Mann-Haus. Vorher habe ich mir auf Youtube angesehen, wie man mit einer Haarklammer die billigen amerikanischen Schlösser knackt, doch ich komme erst gar nicht in die Versuchung. Erstens besitze ich keine Haarnadel, und zweitens ist das Mann-Haus von einem hohen Zaun umgeben, der durch einen Zahlencode geschützt wird. „Mach mal diese Geste, wie Gerhard Schröder“, sagt Jan und holt seine Kamera raus. „Das ist dämlich“, sage ich. „Klar“, sagt Jan, „aber du willst doch da rein, oder?“ Ich werfe einen Blick auf die prunkvollen Häuser um uns herum, auf die mexikanischen Gärtner, die in der Hitze Laub zusammenfegen, auf die riesigen amerikanischen Flaggen, die im Wind wehen. „Nein“ sage ich, „irgendwie nicht mehr.“

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Die ganze Welt an einem Fleck

          FAZ Plus Artikel: Dorfleben : Die ganze Welt an einem Fleck

          Günther kennt eigentlich jeden Nachbarn im Dorf und jeden Baum. Er hat hier viel erlebt; Kindheit, Krieg, erste Liebe, Kinder, Rente. Viel hat sich verändert. Über einen Mann, der seine Heimat gefunden hat, ohne sie je zu suchen.

          Topmeldungen

          Einsatz in Kirli: Feuerwehrleute versuchen ein Feuer in der türkischen Provinz Antalya unter Kontrolle zu bringen.

          Brände in Türkei und Italien : Heftige Feuer im Mittelmeerraum

          In der Türkei und in Italien brennen die Wälder. Schuld sind womöglich Brandstifter. Eine seit Anfang der Woche andauernde Hitzewelle in Griechenland geht indes auf ihren Höhepunkt zu – mit Temperaturen von bis zu 45 Grad.
          Markus Söder im Landtag, im Vordergrund Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) am Rednerpult

          Testpflicht und Impfregime : Söders Sorgen

          Die Testpflicht ist das Eingeständnis von Bund und Ländern, dass ihre Strategie nicht aufgegangen ist. Die Impfmüdigkeit ist zu groß. Der Grund: Eigensinn und Politiker wie Hubert Aiwanger.

          Aufruhr im Schwimmen : Zurück im Doping-Sumpf

          Ryan Murphy wird von Jewgeni Rylow geschlagen. Der Amerikaner spricht im Anschluss von einem Rennen, das „wahrscheinlich nicht sauber“ war – und wird vom Olympischen Komitee Russlands als Verlierer verhöhnt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.