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Thomas Manns Villa in Amerika : Onkel Toms Hütte

  • -Aktualisiert am

Hier lebte Thomas Mann, hier sollen bald Künstler wohnen - aber wie finden das die Anwohner? Bild: Imago

1550 San Remo Drive, Los Angeles: Hier lebte Thomas Mann. Der Bund hat das Haus gekauft, aber keiner darf rein. Die Nachbarn sperren sich. Eine Ortsbegehung.

          Es muss wohl im Spätsommer dieses Jahres gewesen sein, als ich zum ersten Mal davon hörte, dass das Haus von Thomas Mann in Los Angeles zum Verkauf stünde. Mich interessierte die Nachricht vor allem deswegen, weil meine eigene Reise nach Los Angeles - in das Haus des Exilschriftstellers Lion Feuchtwanger - bevorstand. Die Villa Aurora wurde nach dem Tod der Feuchtwangers zur Künstlerresidenz ausgebaut, und ich hatte ein Stipendium für einen dreimonatigen Aufenthalt dort erhalten. Thomas Mann hatte, wie viele andere nach Kalifornien immigrierte deutsche Künstler ganz in der Nähe gewohnt, 1550 San Remo Drive, in einem ähnlich mondänen Anwesen, entworfen von dem deutsch-jüdischen Architekten Julius Ralph Davidson.

          „Das Mann-Haus soll jetzt abgerissen werden, wenn Deutschland es nicht kauft“, erzählte mir eine befreundete Autorin, „kannst du dir das vorstellen?“ Ich konnte. Einige Tage zuvor war ich in Kreuzberg auf der Demo gegen die Zwangsräumung des „M99 - Gemischtwarenladen für Revolutionsbedarf“ gewesen. Die schönen Hefte vom Packpapier-Verlag hingen noch im Schaufenster. Ich habe sie fast alle zu Hause: liebevoll gestaltete Heftchen über Utopie und Chaos, Lilli’s Kochbücher und die großartige Heftreihe „Einfälle statt Abfälle“. Hans-Georg Lindenau, Mieter und Betreiber des Ladens, erschien mit Pickelhaube auf dem Kopf und hielt eine wirre Rede.

          Abgekämpft wirkte er, zermürbt - so wie wohl jeder aussähe, wenn ihm gerade seine gesamte Existenz entzogen wird und man als Schwerbehinderter im Rollstuhl auf eine Wohnung im Erdgeschoss angewiesen ist. Auch mein Freund Jan suchte derzeit eine Wohnung, und das bereits seit Monaten: Immer wieder Hunderte Bewerber, und immer wieder Vermieter, die dreiste Forderungen stellten. Unter diesen Gesichtspunkten löste die Nachricht vom möglichen Abriss und dem eventuellen Kauf des Mann-Hauses durch die Bundesregierung gemischte Gefühle in mir aus.

          12,5 Millionen Euro, dachte ich, so viel Geld! „Dieses Mann-Haus müsste man besetzen“, sagte ich zu Jan vor meiner Abreise. Man müsste es pink anstreichen, Hans-Georg nach Pacific Palisades einfliegen und mitten in diesem reichen Viertel einen Pop-up-Shop vom M99 eröffnen. Man müsste vom Haus aus Radiobeiträge senden, so wie Thomas Mann es früher mit „Deutsche Hörer!“ getan hatte, und die Bundesregierung darin auffordern, wieder soziale Wohnungspolitik zu betreiben.

          Nun lebe ich selbst als Stipendiatin seit gut zwei Monaten dort, wo Feuchtwanger und Thomas Mann früher lebten - in Pacific Palisades, damals noch eine Hügellandschaft an den Rändern von L. A., heute eine Gegend, in der fast ausschließlich weiße Millionäre leben, die sich von der mexikanischen Minderheit im Land bedienen lassen: gärtnern, putzen, kochen, Kinder versorgen.

          Pilates mit Feuchtwanger

          Auch hier in der Villa Aurora war der Abriss des Mann-Hauses und der mögliche Kauf von Anfang an Thema, doch nach meiner Ankunft geraten Zwangsräumung, Wohnungssuche und damit auch meine durchgedrehten Squatting-Ideen schnell in den Hintergrund. Das Licht, die Wärme und vor allem die Zeitumstellung führen dazu, dass es sich anfühlt, als würde Europa nicht mehr existieren.

          Gejetlagged schleiche ich in den ersten Tagen nachts durchs Haus und betrachte nachdenklich die vielen Fotos an den Wänden: Brecht mit Feuchtwanger im Hof, Feuchtwanger beim Pilates im Garten, seine Frau Marta mit den beiden Schildkröten, auf dessen Panzern der Legende nach die Telefonnummer der Villa stand, falls sie mal wieder zu weit wegliefen, und immer wieder Thomas Mann: rauchend, traurig lächelnd, wie die Protagonistin in seiner letzten Erzählung „Die Betrogene“, die er nach seiner Rückkehr nach Europa vollendete.

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