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Potsdamer Literaturfestival : Lesefrüchte einer Sommernacht

Wer möchte hier Kind sein, wer Autofahrer? Ein Bild des nächtlichen Istanbul aus Orhan Pamuks Fotoband „Orange“ Bild: Steidl Verlag/Orhan Pamuk

Die lit:potsdam ist eines der wenigen Literaturfestivals, die in diesem Jahr stattfinden. Zu ihrem Flair gehört die Kulisse klassizistischer Villen und Parks. Dazu konnte man in diesem Jahr den türkischen Nobelpreisträger Orhan Pamuk als Fotografen entdecken.

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          Plattenbau und Preußenpalast, das ist Potsdam, von sehr weit oben gesehen. Beim Näherkommen entdeckt man, wie immer, differenzierende Details, aber man staunt doch auch darüber, wie sehr das Klischee stimmt. Da sind die Villen am Heiligen See und am Pfingstberg einer-, die Wohnquartiere in Babelsberg andererseits; da sind die Unterstützer des Wiederaufbaus der Garnisonkirche hier und die Freunde des einstigen Interhotels, heute Mercure Potsdam, eines DDR-Trumms am Havelufer, dort. Deshalb ist es von subtiler Ironie, dass eins der wenigen Literaturfestivals, die in diesem Jahr nicht ausfallen, in der Hauptstadt Brandenburgs stattfindet.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Schriftstellerei galt den Preußen wenig, den Sozialisten dagegen, wenn sie spurte, viel. Die lit:potsdam aber ist eine neupreußische, genauer: eine villenpreußische Gründung, denn die Mitglieder ihres Trägervereins wohnen, mit wenigen Ausnahmen, in bester Lage mitten im Arkadien der Friedriche und Wilhelme von ehedem. Doch in den Palästen wird nicht nur gesponsert, sondern auch gelesen.

          Die Hausherrin schreibt ebenfalls

          Wenn am heutigen Samstag die Bestsellerautorin Ursula Poznanski beim „Familientag“ im Park der Villa Jacobs aus ihrem Jugendroman „Erebos 2“ vorträgt, blicken ihre Zuhörer auf Rabatten und Buchsbaumhecken, die von Lenné und Sello geplant und von einem westdeutschen Architektenehepaar rekonstruiert wurden. Die Hausherrin der Villa, Marianne Ludes, schreibt ebenfalls, allerdings Krimis; ihr erster, den sie am Sonntag vorstellt, erzählt „von den Machenschaften eines internationalen Technologiekonzerns“.

          Das Festival, das in diesem Jahr zum achten Mal stattfindet, stellt seine Lesungen gern unter ein Motto. Thema des Eröffnungsabends im Park der klassizistischen Villa Quandt, in der jetzt das Fontane-Archiv sitzt, war ausgerechnet „Gentrifizierung“. Die drei Gäste, Anke Stelling, Lea Streisand und Jan Brandt, haben auf je eigene Weise ihre Erfahrungen mit der Wohnungsnot im neuen und der AlltagsIdylle im alten, östlichen Berlin beschrieben. Um die Stimmung nicht zu verderben, las Brandt aus seinem Doppelroman „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt“ nur eine Stelle, die in Ostfriesland spielt.

          Anke Stelling dagegen brachte gerade jene Passage aus ihrem in Leipzig preisgekrönten Buch „Schäfchen im Trockenen“ zu Gehör, in der die Verbürgerlichung der nach 1990 zugezogenen Neuberliner in beißenden Dialogen entblößt wird. Die Moderatorin Petra Gute krönte die Veranstaltung mit dem Appell an die anwesenden Immobilienbesitzer, ihre Apartments nicht nur an Gutverdiener, sondern auch an freischaffende Künstler zu vermieten. Die guten Vorsätze, mit denen man danach in die Sommernacht hinausflanierte, dürften die nächste Wohnungsbesichtigung kaum überleben.

          Bilder aus einem Istanbul, das verschwindet

          Auf der Spur der Gentrifizierung wandelt auch Orhan Pamuk mit seiner Leica-Kamera. Das Erscheinen von Pamuks zweitem Fotoband, „Orange“, im Göttinger Steidl-Verlag gab den Anlass zu einer allzu kurzen, hinreißend schönen Ausstellung, die noch bis Sonntag im Kunstraum Potsdam zu sehen ist. Auf gut zweihundert Aufnahmen hält der türkische Nobelpreisträger jenes Istanbul fest, in dem er seine Kindheit verbracht hat und das mit dem rasanten Wachstum der 22-Millionen-Metropole immer mehr verschwindet. Da sind windschiefe Häuschen aus der Osmanenzeit, die sich an byzantinische Mauern anlehnen; Greise und spielende Kinder unter Fenstergittern, vor denen Wäsche zum Trocknen aufgehängt ist; Passanten vor Bauzäunen und Straßenecken im Schnee.

          Vor allem das gelborange Licht der alten Straßenlaternen fasziniert Pamuk, deshalb sind seine Fotografien ausschließlich abends und nachts entstanden. Seit 2007, erzählt er im Vorwort, steht er wegen seiner Aussagen zum türkischen Völkermord an den Armeniern unter Polizeischutz. In den letzten Jahren hat er die ständige Anwesenheit eines Leibwächters dazu genutzt, jene Viertel zu beiden Seiten des Goldenen Horns zu durchstreifen, in die er sich allein nicht getraut hätte. So ist das Bild einer Welt entstanden, die nichts Touristisches hat, obwohl sie direkt neben den Sehenswürdigkeiten Istanbuls liegt. Auch wenn Durs Grünbein, Ingo Schulze und der diesjährige „writer in residence“ Matthias Brandt noch auf der Leseliste für das Wochenende stehen, wird die Ausstellung der Höhepunkt der lit:potsdam gewesen sein: weil man die Sehnsucht nach dem Unwiederbringlichen, die sich durch Pamuks ganzes Schreiben zieht, selten so stark gespürt hat wie in diesen Bildern.

          Am Donnerstag war Peter Sloterdijk zu Gast. Er brachte das Kunststück fertig, eine Sloterdijk-Vorlesung zu halten, ohne einen Blick in sein Manuskript zu werfen. Dabei half ihm die aus Oxford angereiste Publizistin Kübra Gümüşay, die eine Kirchentagsrede ohne Kirchentag hielt, über „Sprache und Sein“ (so heißt ihr neues Buch) und alles, was gerade so anliegt: Postkolonialismus, Gendersprache, alte weiße Männer. Als sie geendet hatte, wartete man auf die Retourkutsche des alten Weißen Sloterdijk. Aber der dachte gar nicht daran, den Ball aufzunehmen. Er umschmeichelte Gümüsay, bis sie vor Rührung strahlte, dann redete er eine Stunde lang über Götter, Riten, den Tod, das Internet und die endgültige Befreiung der Religion zur Funktionslosigkeit.

          Wenn im Herbst in Berlin das Humboldt-Forum eröffnet wird, sollte man Sloterdijk als Festredner einladen. Er wird das Berliner Schloss so lange einseifen, bis es niemandem mehr weh tut. Außer den Preußen vielleicht.

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