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Gespräch mit Orhan Pamuk : Schluss mit den Repräsentationsmaschinen!

Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk in seinem Museum Bild: Agata Skowronek

Istanbuls „Museum der Unschuld“ ist Europas Museum des Jahres. Orhan Pamuk erklärt, warum seine Sammlung von alten Telefonen, Streichholzschachteln und vergilbten Fotos eigentlich als Revolte gemeint ist.

          Ihr „Museum der Unschuld“ entspringt ganz und gar Ihrer persönlichen Leidenschaft. Hätten Sie erwartet, einen großen Museumspreis dafür zu erhalten?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir wussten, dass in den Vorjahren immer große, repräsentative und viele Millionen Euro teure Museen diese Auszeichnung bekommen hatten. Mehr als eine kleine Anerkennung für unseren Eigensinn, unsere Dickköpfigkeit und Individualität durften wir nicht erhoffen. Jetzt sind wir Europas Museum des Jahres und freuen uns, dass damit das Konzept des kleinen Museums geehrt wird.

          Wie sieht dieses Konzept aus?

          Die Gegenstände, die wir hier ausstellen, habe ich gesammelt, während ich an meinem Roman „Das Museum der Unschuld“ schrieb. Es sind Objekte aus dem Istanbul der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: alte Telefone, Ausweise, Kinokarten, Küchenutensilien, Uhren, Streichholzschachteln, was auch immer Menschen aus der Mittelschicht in jenen Jahren benutzt haben mögen. Dass ich all dies auf möglichst schöne Weise präsentieren wollte, hat die Eröffnung um zwei ganze Jahre verzögert. Aber ich denke, der Aufwand hat sich gelohnt, denn wir haben die Auszeichnung bestimmt nicht nur für die Individualität der Sammlung erhalten, sondern auch für ihre kunstvolle Präsentation sowie die Museumsarchitektur.

          Welche Erfahrungen haben Sie seit der Eröffnung im Mai 2012 gesammelt? Haben alle Besucher Ihren Roman gelesen?

          Wir verfolgen das sehr genau. Unsere Statistik besagt, dass 55 Prozent der Besucher den Roman gelesen haben. Das macht mich glücklich, aber natürlich haben wir überdies alle möglichen Arten von Besuchern. Dabei haben wir eine sehr interessante Beobachtung gemacht: Schon nach kurzer Zeit verschwinden alle Unterschiede, denn die Leser, die mit dem Buch in der Hand von Vitrine zu Vitrine gehen und für jedes Objekt die entsprechende Stelle im Roman suchen, merken, dass sie auf diese Weise viele Stunden im Museum zubringen müssten. Also überlassen sie sich wie die anderen auch dem ganz eigenen Reiz des Museums, seiner Sammlung, seiner Atmosphäre. Auf diese Weise entdecken sie die Differenz zwischen dem, was sie gelesen haben, und dem, was sie nun sehen. Es ist, als ob sie den Unterschied zwischen Fiktion und Realität unmittelbar erfahren würden.

          Wie meinen Sie das?

          Im Museum geht es nicht wie im Roman um eine Geschichte, die in einer bestimmten Zeit spielt, sondern es geht um einen Raum, in dem sich zahlreiche Kunstgegenstände befinden. Als Besucher spüren Sie, dass all diese Dinge gleichzeitig mit Ihnen im Raum sind, aber Sie können sie unmöglich alle gleichzeitig erfassen, ganz egal, wie genau Sie den Roman gelesen haben mögen. Bei dieser Erfahrung kann einem schon ein wenig schwindlig werden.

          Wie reagieren die Besucher darauf?

          Sie überlassen sich dem Reiz der Sammlung. Manche beklagen sich allerdings heftig, dass es keine Fotografien von Kemal und Füsun, den wichtigsten Romanfiguren, gibt. Sie wollen Gesichter sehen.

          Sie haben nicht nur ein Museum ganz nach Ihren Vorstellungen geschaffen, sondern auch ein Museumsmanifest verfasst. Warum?

          Zunächst habe ich meinen Launen völlig freien Lauf gelassen. Das Museum der Unschuld folgt meinen Eingebungen, nicht strengen Überlegungen. Ich bin vorgegangen wie ein Künstler, der von einer Sache vollständig besessen ist. Am Anfang wusste ich gar nicht so genau, worauf ich hinaus wollte. Als das Projekt Form annahm, beschloss ich, ein Manifest zu verfassen, in dem ich eine Lanze für kleine Museen brechen wollte. Manifeste werden normalerweise von wütenden Menschen verfasst. Ich bin nicht wütend, ich liebe Museen, sie machen mich glücklich. Ich nehme sie sehr ernst, und deshalb habe ich dieses Manifest verfasst: nicht als Zornesausbruch, sondern als Plädoyer dafür, auch kleine Museen zu fördern und an öffentlichen Mitteln teilhaben zu lassen, Museen, die Ausdruck von individueller Kreativität sind. Ich kämpfe für das persönliche, individuelle Museum, nicht für die großen Nationalmuseen.

          Große Museen erzählen große Geschichten. Was ist dagegen einzuwenden?

          Wir alle bewundern den Louvre, das British Museum, Münchens Pinakothek, aber diese Nationalmuseen erzählen die Geschichten der jeweiligen Nationen. Sie sind nationale Symbole, große Touristenattraktionen. Diese großen und machtvollen Repräsentationsmaschinen zerstören individuelle Geschichten, sie verwüsten die Architektur ganzer Stadtteile und dominieren die lokale Kultur. Nehmen wir das neue Museum, das Rem Kohlhaas in Peking gebaut hat. Es würdigt ganz bestimmt Chinas Geschichte und den Reichtum seiner Kultur, aber es repräsentiert nicht die Individualität der heutigen Chinesen. Ich bin sehr einverstanden mit der Macht, über die das Museum als Repräsentationsinstanz verfügt, aber ich bin gegen die Idee des nationalen Monumentalmuseums. Solche Museen sind einfach nicht das beste Mittel, um die Menschlichkeit einer Nation zu entdecken. Wir alle verstehen den Übergang vom Königspalast zum Nationalmuseum oder vom Epos zum Roman. Nun sollten wir uns darauf vorbereiten, den Übergang vom großen Nationalmuseum zum kleinen Individualmuseum zu vollziehen. Nur kleine Museen können den Einzelnen würdigen, seine Menschlichkeit, sein Schicksal, seine Kreativität. Deshalb sage ich: Bitte vergesst nicht, auch kleine Museen zu fördern, nicht zuletzt in Asien, wo nur noch Museen mit Markennamen gefragt zu sein scheinen, Leuchttürme, Touristenattraktionen, die alles andere überdecken.

          Soll Ihr Museum der Unschuld also ein Modell für neue Museen auf der ganzen Welt sein?

          Man kann schlecht Individualität einfordern und gleichzeitig Modell für andere sein wollen. Wenn kleine Museen gefördert werden, wird sich zeigen, dass niemand Modelle braucht und dass menschliche Individualität und Kreativität keine Grenzen kennt. Aber wir müssen daran glauben. Ich konnte mein Museum verwirklichen, weil ich als Nobelpreisträger über das nötige Geld verfügte. Jetzt sollten staatliche Stellen, Kulturfonds und große Stiftungen damit beginnen, Projekten von Menschen zu unterstützen, die genauso denken wie ich, aber nicht über entsprechende finanzielle Mittel verfügen.

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