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Online-Fortsetzungsroman : Lang lebe der Shandyismus!

  • -Aktualisiert am

Berühmt für seine Deadline-Wagnisse: Tilman Rammstedt auf der Leipziger Buchmesse Bild: Picture-Alliance

Jeden Tag eine Deadline, das ist der ultimative Literatenstress: Tilman Rammstedt schreibt einen Online-Fortsetzungsroman. „Morgen mehr“ wird ihn in den nächsten drei Monaten täglich beschäftigen.

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          Beim Schreiben auf den letzten Drücker genießt Tilman Rammstedt große street credibility. Seit er aus seinem Bachmannpreis-Siegertext „Der Kaiser von China“ (2008) unter Hochdruck ein ganzes Buch machen musste, eilt ihm der Ruf voraus, noch die ultimative Abgabefrist zu strapazieren. Geschadet hat das seinen hochkomischen und zugleich melancholischen Meta-Romanen nicht.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt versucht der Hanser Verlag, zu dem Rammstedt seinem Verleger Jo Lendle aus der alten Heimat bei Dumont nachgefolgt ist, das Termindruck-Schreiben mit diesem Autor auf die Spitze zu treiben: Am Montag begann Rammstedt mit dem Online-Fortsetzungsroman „Morgen mehr“, an dem er nun drei Monate lang jeden Tag weiterschreiben wird. Auf Nachfrage bei Hansers Presseabteilung zwecks Vorabtexten hieß es in der vergangenen Woche konsequenterweise, Rammstedt habe noch keinen einzigen Satz in der Tasche und werde wohl erst am Sonntag zu schreiben beginnen, wenn er keine Wahl mehr habe.

          Kann man allein durch die Erscheinungsform eines Online-Romans noch jemanden vom Hocker reißen? Wohl kaum, Rainald Goetz’ „Abfall für alle“ wird ja demnächst schon volljährig! In vielen Fällen kommt bei solchen Projekten auch wirklich nur Abfall heraus. Entsprechend skeptisch war man. Doch was sehen unsere an immer verzweifeltere Social-Media-Einfälle der Literaturverlage gewöhnten Augen? Das Wichtigste, die Substanz, ist in diesem Fall gut.

          Zwischen Kalauer und weltliterarischem Witz

          Rammstedt legt los im Stil eines pikaresken Romans mit Kapitelüberschriften von zunehmend barocker Länge – und mit einer Verbeugung vor einem der größten Meta-Romane der Literaturgeschichte, Laurence Sternes „Tristram Shandy“. Auch Rammstedts Ich-Erzähler ist nämlich zu Beginn noch gar nicht geboren und muss paradoxerweise die eigene Zeugung erst noch vorbereiten. Dabei kommt der zwingenden Verbindung von Mutter und Vater ein sonderbarer Franzose namens Jean-Baptiste Drieu de la Chapelle in die Quere: „Meine Mutter war schön, verloren und auf der Durchreise, eine für ihn bestechende Kombination, und er selbst fundamental gelangweilt, er hatte ein paar Wochen zuvor sogar begonnen, Münzen zu sammeln, nach zweien aber die Lust verloren und außerdem gerade Kleingeld für Zigaretten gebraucht.“ In einem zwischen Kalauer und weltliterarischem Witz, zwischen dämlicher Idee und großem Stoff changierenden Ton bindet Rammstedt auch Leserwünsche in die Fiktion mit ein, die zudem jeden Tag als Audiodatei gelesen vorliegt und von Abonnenten kommentiert werden kann.

          Dass dabei auch Verleger und Lektorat mitmischen, scheint eine der Zeit angemessene Fortführung des Shandyismus. Andererseits treten am dritten Tag auch schon die Gefahren des social reading zutage: Neben witzigen Einwürfen stehen ausufernde oder auch völlig irrelevante Kommentare und beginnen schon jetzt ermüdende Schlachten der Letztes-Wort-Fetischisten. Ob man da die tägliche Fortsetzungslektüre über drei Monate durchhält? Alle Regeln der medialen Aufmerksamkeitsspanne sprechen dagegen. Die ersten drei Lieferungen aus Rammstedts eigener Feder aber sprechen dafür.

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