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Oliver Maria Schmitt in Trier : Es gibt eine Alternative für Deutschland

Bild: Marcus Kaufhold

Sein Wahlkampfauftritt war schlau als Lesung annonciert worden: Oliver Maria Schmitt, Kanzlerkanidat der Partei „Die Partei“, steckt in Trier das Land in den Sack. Wer ihn erlebt hat, der weiß: Diese Wahl ist gelaufen.

          „Die Wahl ist noch nicht gelaufen“, rief eine nervös werdende Angela Merkel vor wenigen Tagen vor der Porta Nigra in Trier. Die Tage dieses Römerklumpens dürften indes gezählt sein, denn der erst auf den letzten Metern dieses Wahlkampfs aufgetauchte und locker an der tölpelhaft dahinstolpernden Politbagage vorbeiziehende Kanzlerkandidat der Herzen, der charismatische Orator Oliver Maria Schmitt von der Partei „Die Partei“, plant dessen Abriss und Verbauung der Brocken in der großen Mauer, die Trier von Luxemburg und dem Nachbarkaff Schweich (sowie auf Wunsch der Anwesenden - „ist mir scheißegal, ich bin das letzte Mal hier“ - auch vom Saarland) abtrennen soll, nein: abtrennen wird.

          Denn wer in Trier dabei war, wer diese „große Trierer Rede“ erlebt hat, die Cato den Älteren, Goebbels, Obama, Luther mit oder ohne King, ja, selbst Brüderles Röchel- und Spuckrede auf dem Parteitag im „für Parteitage überhaupt hervorragend geeigneten Nürnberg“ (Schmitt) in den Schatten stellte, der weiß: Diese Wahl ist gelaufen! Denn plötzlich hat jemand die Unverdrossenen herumgerissen. Und das auch noch in Trier (“niemand kommt gerne nach Trier“), wo man sich sonst nur für Heckspoiler, Schnitzeldurchmesser und Moselfusel interessiert, aus Reflex CDU wählt und den lieben Tag lang damit beschäftigt ist, Chinesen zu erklären, dass der berühmteste Sohn der Stadt nicht Karl mit Vornamen heißt, sondern Guildo. Wer es in Trier schafft, der schafft es überall.

          So werden Herzen erobert

          Rappelvoll mit dynamischen Entscheidern (manche sehr dynamisch) war der große Saal im Exzellenzhaus: ein bierverklebter Jugendclub, in dem Guildo Horn bis zur Volljährigkeit eingesperrt gewesen sein soll. Und alle - Schmitt gäbe auch einen passablen Finanzminister ab - hatten tatsächlich horrend viel Eintritt gezahlt, denn dieser Wahlkampf war schlau als Lesung annonciert worden aus der zugleich nach hinten und vorn schauenden, krachlustigen und doch mehr als sämtliche „Unterm Strich“- und „Damit der Staat den Menschen dient“-Bücher über Politik aussagenden Bekenntnisschrift „Mein Wahlkampf“ (Rowohlt Berlin, 256 S., br., 9,99 €): „Beim Titel habe ich mich an einem Bestseller orientiert, ein Autor aus Österreich.“ Was bitte wollen all die planlosen Plakategrinser und Fernsehverstopfer ausrichten gegen Claims wie „Inhalte überwinden“, „Ich brauch den Job“ und „Das Bier entscheidet“?

          Zweieinhalb Stunden lang redete, las und kämpfte sich Schmitt, neuerdings stolzer Träger eines äußerst billig erstandenen Doktortitels „of Metaphysical Science“, durch seinen „kleinen Parteitag der Vernunft“, plädierte für sinnlose Großprojekte, totalen Stillstand und die sofortige Ausweisung aller nicht niedlichen (Nilpferd!) und redundanten Tiere (Zebras: „Es gibt schon Pferde“) aus den Zoos. Ein Politiker zum Anfassen werde er nicht sein, gelobte der Kanzler in spe, auch nicht in der Menge baden („wäre ja grässlich, schauen Sie sich um“), sondern er werde - Ehrenwort - nach der Wahl vollkommen abtauchen und niemanden nerven. Dann folgte die große Rede an die „Freunde gemütlicher Mittelaltermärkte“, deren Stimme längst gewonnen war mit dem Versprechen, Trier ans Elektrizitätsnetz anzuschließen und das Web 1.0 an die Mosel zu bringen. Nun wurden Herzen erobert: „Ich sage das in aller Arschoffenheit: Ich habe einen Traum von einem Land namens Deutschland - in dem ich der Kanzler bin.“ Das Hurra schlug in besinnungslose Ekstase um bei den abschließenden Worten: „Und im Übrigen bin ich dafür, dass Schweich zerstört wird.“ Hallo, Berlin, so wird geliefert!

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