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Offener Brief an Michael Kumpfmüller : So werden Sie nicht verletzt

  • -Aktualisiert am

Michael Kumpfmüllers Bericht über die Preisverleihung in Cognac sorgte in Deutschland und Frankreich für Aufsehen Bild: Maria Irl

Der Schriftsteller Michael Kumpfmüller war zu einer Preisverleihung in Frankreich eingeladen und fühlte sich schlecht behandelt. Eine Kennerin des französischen Literaturbetriebs weiß, wie das zu vermeiden gewesen wäre.

          Lieber Herr Kumpfmüller,

          als Lektorin des französischen Verlags Actes Sud hätte ich beinahe Ihr hervorragendes Buch „Die Herrlichkeit des Lebens“ in mein Programm aufgenommen, und ich gratuliere Ihnen herzlich zum europäischen Literaturpreis von Cognac, der während des dortigen Literaturfestivals verliehen wird.

          Bei allem Respekt, musste ich doch beim Lesen Ihres Erfahrungsberichts aus Cognac schmunzeln. „Hier wird auf einen Krankenwagen geschossen“, würde man auf Französisch sagen. Frankreich hat im Moment eine solch katastrophale Presse in Deutschland. ... Schmunzeln auch, weil Sie im Rundschlag alle Klischees treffen, die im deutsch-französischen Kulturaustausch gehandelt werden. Da ich beide Seiten kenne, bin ich auch keineswegs über die französische Reaktion erstaunt: Wie üblich, macht ein Deutscher aus einer Mücke einen Elefanten und richtet die anderen nach seinen Maßstäben.

          Leider wird keines der wechselseitigen Klischees von Ihnen reflektiert. Das ist schade, denn all das ist ein Missverständnis und zeugt von Unverständnis. Das tut mir leid, denn alles, was Sie verletzt hat, hätte vermieden werden können. Ich habe viele deutsche Autoren in Frankreich begleitet, auch nach Cognac, auch zu Preisverleihungen. Natürlich hätten Sie jemanden gebraucht, der Ihnen die französischen Gepflogenheiten auf einem Literaturfestival erklärt und Sie schon vorab einweiht.

          Bücher signieren gehört dazu

          • Auf einer solchen Veranstaltung mit Hunderten von Menschen (und nicht nur Kulturfreaks!) werden üblicherweise Bücher signiert, aber Ihr Verlag hätte Sie dabei nicht allein lassen sollen. Diese Übung ist natürlich etwas erniedrigend – ich erinnere mich an Judith Schalansky auf dem Salon de Livre in Paris... –, da ist oft kein Buchhändler weit und breit, und wenn man noch nicht so sehr bekannt ist, dann lernt man nur vereinzelte Leser kennen, aber ist das so tragisch?

          Laudatio und Danksagung (völlig anders als in Deutschland)

          • Ich muss das meinen Autoren immer erklären: Hier ist das anders. Stellen Sie sich nur einfach mal andersherum vor, wie sich eine deutsche Preisverleihung für einen französischen Schriftsteller anfühlt: stundenlange Reden, Ehrungen, Danksagungen, bis endlich alle ein Glas Sekt bekommen. Nein, bitte dem Nachbarn keine Vorwürfe machen, wenn er etwas anders macht als man selbst.

          Gespräche

          • In Frankreich wäre es unhöflich, auf einem Empfang einem Autor dieselben Fragen zu stellen, mit denen die Journalisten sie ununterbrochen quälen: „An was arbeiten Sie im Moment?“ Man will doch den Gast nicht an seine Arbeit erinnern, wenn es gerade ums Feiern geht! Jemand hätte Ihnen erklären können, dass Blicke, Lachen, kurzer Austausch da viel helfen können.

          Preisgeld

          • Typisches Missverständnis: Die französischen Zeitungsleser denken jetzt, dass Sie wirklich mit dem Riesenscheck aus Pappe zur Sparkasse gegangen sind (und lachen sich tot). Das glaube ich Ihnen nicht. Aber da hat wieder jemand gefehlt, der das Prozedere erklärt. Ja, die Verwaltung in Frankreich ist sehr langsam, ja, das kann einen aufregen, und es ist nicht das erste Mal, dass ich bei Preisen von Zahlungsverzögerungen höre. Aber bitte, niemals die Franzosen mit ihrer Verwaltung verwechseln.

          Autoren

          • Viele Deutsche haben das Gefühl, dass sie Opfer einer tragischen, unerwiderten Liebe zu Frankreich sind und immer daran arbeiten müssen, um den Ruf, der ihnen vorausgeht, zu widerlegen. Das ist in der Literatur auch so, es ist nicht leicht, Interesse für unsere Autoren in Frankreich zu wecken. Aber lassen wir doch solche Gefühle beiseite. Und vermeiden wir, unsererseits neue Vorurteile in die Welt zu setzen.

          Wir arbeiten alle an der deutsch-französischen Freundschaft, weil sie nicht selbstverständlich ist. Verständigung braucht man, wenn man sich manchmal fremd ist. Leider haben Sie dazu nicht wirklich einen Beitrag geleistet. L’heure est grave, die Stunde ist ernst, wenn sich ein Deutscher in Cognac, einer wunderbaren Stadt und Hochburg von französischen Köstlichkeiten (wie kann man die nur Häppchen nennen?), auf einem sehr gut besuchten, hervorragend organisierten Literaturfestival langweilt! Ist es nicht eher so, dass man auf der ganzen Welt große Kulturveranstaltungen nur nach zwei Gläsern Cognac genießen kann?

          Mit herzlichen Grüßen,

          Ihre Martina Wachendorff

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