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Kinderbuchplattform Oetinger34 : Wo Autoren und Illustratoren ihre Werke ausbrüten

Wer zum Team gehört, kann das Projekt über jede Internetverbindung erreichen: Der „Weißraum“ ist das Herzstück der Plattform Oetinger34 Bild: Oetinger34

Partnerbörse und Plattform zum Arbeiten oder Austauschen: Der Kinder- und Jugendbuchverlag Friedrich Oetinger will im Netz Werke entstehen lassen, wie sie die Branche noch nicht gesehen hat.

          Die Bilder lehnen an der Glaswand, die das Büro des Verlegers vom großen Mittelraum der Etage des alten Speicherhauses in Hamburg-Altona trennt: Astrid Lindgren im Frühlingswald. Astrid Lindgren, wie sie Inger Nilsson bei den Dreharbeiten zu „Pippi Langstrumpf“ umarmt, als das Mädchen der berühmtesten Kinderbuchheldin der Welt ihren aufgekratzten Blick und ihre Stupsnase lieh. Ja, sagt Till Weitendorf, er habe Lindgren noch persönlich gekannt. Schon als Kind habe er sie oft gesehen, wenn sie bei ihrem deutschen Verlag in Hamburg zu Gast war, und einmal habe er sie auch besucht, oben in Schweden, zusammen mit seiner Oma.

          Die Oma, das ist Heidi Oetinger, über Jahrzehnte deutsche Verlegerin und Vertraute der schwedischen Autorin. Unter ihr wurde aus dem Verlag Friedrich Oetinger eine der hierzulande bedeutendsten Adressen für Kinder- und Jugendbücher: Paul Maar und sein Sams erscheinen hier, die Bücher von Kirsten Boie oder die erfolgreiche Trilogie „Die Tribute von Panem“ der amerikanischen Autorin Suzanne Collins. Astrid Lindgren allerdings, sagt Weitendorf und wirft einen kurzen Blick zur Glaswand, sei Oetingers wichtigste Autorin geblieben. Eine Gründungsfigur des Verlags nennt er sie, zusammen mit ihrer Pippi Langstrumpf, deren erstes Buch Oetinger schon 1949 veröffentlicht hat, als die unerhörten Abenteuer des stärksten Mädchens der Welt unter Pädagogen und Eltern nicht nur für Erstaunen, sondern auch noch für Argwohn und Ablehnung sorgten.

          Astrid Lindgren und Inger Nilsson bei den Dreharbeiten 1968

          Seit 2009 leitet der 36 Jahre alte Hamburger mit seinem Bruder Jan, seiner Mutter Silke und seiner Schwester Julia Bielenberg die Verlagsgruppe, und er lässt sich lachend die Unterstellung gefallen, mit seinen Bemühungen, das Familienunternehmen ins Digitale zu öffnen, zunächst als Rebell in der Geschäftsführung gegolten zu haben: „Man hat das nicht immer nur goutiert“, bestätigt er, „man hat mich aber zum Glück machen lassen. Ich glaube, heute sind sie ganz glücklich, dass es so war.“

          Sein neuestes Vorhaben, verspricht Till Weitendorf kühn, werde die Welt verändern. Nichts weniger als eine Revolution ist für ihn „Oetinger34“: eine Online-Community und Partnerbörse, bei der sich die passenden Autoren und Illustratoren finden können, eine Plattform, auf der sie mit eigens geschulten „Junior-Lektoren“ online an ihren Büchern, E-Books, Apps arbeiten können sollen, und schließlich ein Verlag. An den Projekten arbeiten die Beteiligten zunächst unter Ausschluss der Community mit einer eigens programmierten Software namens Weißraum. Sie ist browserbasiert, lässt sich also über jede Internetverbindung aufrufen, und zeigt das entstehende Werk schon in etwa so, wie es nachher aussehen soll. Dann wird der Vorhang gelüftet, die Arbeit den anderen Nutzern gezeigt und zur Wahl gestellt. Aus den beliebtesten Titeln sucht schließlich ein klassisches Lektorat die Werke für die Veröffentlichung aus, gibt ihnen den letzten Schliff und entscheidet, in welcher Form sie erscheinen sollen. Dreißig Titel im Herbst 2015, später bis zu siebzig Titeln im Jahr sollen es auf verschiedenen Wegen werden. Im Augenblick befindet sich das Unternehmen in der „Closed beta“-Phase: Der Testbetrieb läuft als geschlossene Gesellschaft, knapp zweihundert handverlesene Autoren, Illustratoren und Junior-Lektoren arbeiten schon auf der Plattform und haben einander gerade die ersten 32 Titel vorgestellt: Bis zu diesem Montag konnten sie ihre zehn Lieblinge bestimmen, in anderthalb Wochen wird dann der Community verkündet, welche das sind.

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