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Kinderbuchplattform Oetinger34 : Wo Autoren und Illustratoren ihre Werke ausbrüten

Seit fünf Jahren in der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Oetinger: Till Weitendorf

Dass die Software, die sie hierfür entwickeln, auch andere Verlage interessieren könnte, war Till Weitendorf anfangs gar nicht klar. Dabei hat er erst im vergangenen Jahr ein weiteres Programm an den Start gebracht, dem er breiten Einsatz in der Branche wünscht: „TigerCreate“ bietet die unkomplizierte Möglichkeit, Bilderbücher nicht nur zu digitalisieren, sondern sie auch um kleine interaktive Funktionen - Verstecke, Bewegungen, Geräusche - zu erweitern. Für Oetinger34 hat Weitendorf nicht nur die Branche, sondern auch deren Schreckgespenst im Blick: „Auf dem großen Buchmarkt“, erklärt er, „gibt es an Amazon kein Vorbei mehr. Aber in unserer kleinen Nische, dem Kinder- und Jugendbuchmarkt, kann man noch etwas wagen.“

Verlag der Zukunft

Dabei ist die Nische für den Versandriesen keineswegs zu klein, um interessant zu sein: Am Tag nach dem Gespräch in Hamburg veröffentlicht das Unternehmen aus Seattle nicht nur mit „KDP Kids“ einen neuen Direct-Publishing-Kanal speziell für Kinderbücher im Kindle-Format, sondern mit dem „Kindle Kids’ Book Creator“ auch ein Programm, mit dem, so Amazons Versprechen, Kinderbuchinhalte problemlos im Kindle-Format ausgearbeitet werden können. Das Ziel ist klar: Autoren und Illustratoren direkt an Amazon zu binden, ohne dass ein Verlag dazwischengeschaltet wäre, ein anderer Vertrieb in Konkurrenz zum Riesen träte oder auch nur ein anderes Lesegerät als der Kindle genutzt werden könnte.

Etwas zurückgesetzt steht das alte Speicherhaus, dessen Hausnummer dem Unternehmen seinen Namen gegeben hat, in der Max-Brauer-Allee. In den oberen Etagen umgeben die Büros von Geschäftsführung und Lektorat mit ihren Sprossenfenstern große Innenräume mit Besprechungstischen auf Holzdielen und einer kleinen Ausstellung mit Büchern aus der Verlagsgruppe. Im Erdgeschoss gehört der linke Laden zu Oetinger34: ein heller, hoher Raum mit einfachen Tischen und großen Bildschirmen. Hier arbeiten die Leute, die den Kontakt zur Community halten, und die Programmierer. Ob hier das Fundament eines Verlags der Zukunft entsteht? Vorstellen kann man sich das schon.

Vielleicht Freiheit

Wobei sich erst noch zeigen muss, ob Till Weitendorf diesmal die richtige Balance gefunden hat aus den Vorzügen der Vernetzung und denen klassischer Verlagsarbeit. Was wäre wohl mit „Pippi Langstrumpf“ passiert, wenn dieses kühne Buch damals die Abstimmungs- und Angleichungsphasen durchlaufen hätte, auf die es Oetinger34 anlegt? Bliebe im Abgleich von Eigenwilligkeit und Massentauglichkeit nicht unweigerlich die Originalität solcher Werke auf der Strecke?

Astrid Lindgren 1988

Bei Triboox, überlegt der Verleger, wäre das Buch kraft der Community vielleicht wirklich glattgebürstet worden. Diesmal aber steht ein Werk nicht bereits in der Entstehungsphase unter allgemeiner Beobachtung und Kommentierung, sondern wächst erst einmal im Schonraum einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter. „Hier können Sachen passieren, die vielleicht bei uns im Verlag so nicht passiert wären“, hofft Till Weitendorf: „Es wird auf Oetinger34 vielleicht viel mehr Freiraum und viel mehr Wille zur Kreativität geschaffen, es wird uns vielleicht viel mehr überraschen, was hier entsteht, als bei jedem Verlag.“

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