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Kinderbuchplattform Oetinger34 : Wo Autoren und Illustratoren ihre Werke ausbrüten

Training on the job

Der Junior-Lektor ist die ungewöhnliche Rolle in der Konzeption von Oetinger34: Teil der Community, aber kein Kreativer, an der Entstehung des Werks beteiligt, aber aus dem Rennen, sobald er sein abschließendes Gutachten geschrieben und das Werk den „richtigen“ Lektoren übergeben hat. Ein Amateur, der sich mit passenden Studien- oder Praktikumsnachweisen für diese Rolle bewerben kann, von dem die Programmleiterin Weller allerdings weitreichende Ratschläge an den Autor erwartet: Auch in die Plot-Konstruktion soll er bereits eingreifen können, dazu raten, ganze Figuren oder, bei einem umfangreichen Jugendbuch, auch mal hundert Seiten zu streichen. Und das alles für 7,50 Euro pro Gutachten?

„Der Junior-Lektor bekommt bei uns eine Art Training on the Job“, erklärt Till Weitendorf: Er werde durch Video-Tutorials, Webinare individuell geschult und beraten und könne so schon als Student Verantwortung tragen und Erfahrungen sammeln in einer ebenso attraktiven wie schwer zugänglich wirkenden Branche. Dass die Junior-Lektoren dem Absprung näher kommen, je besser sie geworden, je länger sie dabei sind, lässt sich dabei nicht vermeiden. Dass er auch hier versuchen werde, große Talente „auf die eine oder andere Art“ zu halten, steht für den Verleger aber fest.

In der Test-Community sind die Junior-Lektoren die kleinste Gruppe: Fast doppelt so viele Illustratoren und fast dreimal so viele Autoren arbeiten hier bereits, dazu kommen gut fünfzig einfache Leser, die ihre Lektüreeindrücke beisteuern und ohne eigene Ambitionen an den Wahlgängen teilnehmen sollen. Zwischen vierzehn und 59 Jahre alt sind die Teilnehmer der noch verhältnismäßig kleinen Testgruppe, drei Viertel von ihnen sind Frauen.

Nur eine Form

Die gut dreißig Projekte, die sich dieser Tage dem ersten Voting bei Oetinger34 stellen, sind zu je einem Drittel Bilder-, Kinder- und Jugendbücher: Von witzigen Wort- und Bildspielereien für die Kleinsten über die turbulenten Abenteuer einer abgestürzten Schildkröten-Agentin bis zu düsteren Geschichten von Mobbing und Gewalt unter Schülern reicht ihr Spektrum. Es sind durchaus Werke mit Potential darunter, aber auch die unvermeidlichen Arbeiten, bei denen abzusehen ist, dass auch wohlwollende Unterstützung der anderen und guter Rat sie nicht zur Veröffentlichungsreife bringen können. Aber das ist ja nicht nur bei Kollaborationsplattformen im Internet so, sondern selbst bei Büchern, die längst ihren Verlag gefunden haben.

Dass ihr Buch auch gedruckt würde, sei das Größte für die bei Oetinger34 versammelten Kreativen, da ist sich Weitendorf sicher. Deshalb haben sie den Editor im Weißraum auch angelegt, als schaute man in ein aufgeschlagenes Buch: mit leichtem Schatten, wo die Seiten zusammentreffen. „Für uns“, schränkt der Verleger allerdings ein, „ist es nur eine Darstellungsform.“ Und auch digital werden Textausschnitte und Bilder noch vorzugsweise auf nachempfundenen Seiten angeordnet, zum Blättern.

Hier kann man etwas wagen

„Ich glaube“, sagt Weitendorf, „das Buch hat etwas Sympathisches, und das ist ja auch gut so. Ich selbst bin ja nicht nur so ein Digital-Nerd, sondern auch ein leidenschaftlicher Leser. Das Buch hat ja ganz viel, gerade wenn man damit aufgewachsen ist. Ob die nächste Generation das auch noch so sieht - Fragezeichen.“ Schließlich greifen schon Grundschulkindern wie selbstverständlich zum E-Book, und das nicht nur, wenn ihnen im Urlaub das Lesefutter ausgegangen ist und in den schwedischen Schären deutschsprachige Kinderbücher nur elektronisch zu bekommen sind. Und gerade unter den jüngeren Jugendbuchautoren, im Fantasy-Genre zumal, wären einige ganz einverstanden damit, dass ihr Lesefutter ausschließlich als E-Book produziert wird, berichtet Katrin Weller.

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