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Ödes Oberhausen : Ein Straßenschreiber für die Fußgängerzone

Leere Läden, gesichtsloser Ramsch, alles billig: Hier schlägt also Oberhausens Herz. Bild: dpa

Zwei Kilometer Trostlosigkeit: Die Innenstadt von Oberhausen ist nicht gerade ein lebendiges Pflaster. Dem soll nun abgeholfen werden – mit literarischen Mitteln.

          Die Marktstraße in Oberhausen hat bessere Tage gesehen. Ein teures Pflaster war sie nie, doch, als der Pott noch kochte, die Shoppingmeile der Stadt. Ihr schleichender Niedergang beschleunigte sich, als 1996 die Neue Mitte fertig war und dort, wo die Gutehoffnungshütte, eines der größten Montan- und Maschinenbauunternehmen Europas, gestanden hatte, der Konsum- und Freizeittempel Centro zu glitzern begann. Die Kauf- und die Käuferströme wurden umgeleitet, Alt-Oberhausen blutete aus.

          Strukturwandel mit der Brechstange. In der Marktstraße gibt es schon lange keine Kaufhäuser mehr, nur ein Outlet von P&C ist übrig geblieben. Ein-Euro-, Billig- und Kettenläden, Döner- und Imbissbuden wie überall, fast zwei Kilometer Trostlosigkeit. Viele Ladenlokale, mehr als in anderen vom Internethandel ausgezehrten Innenstädten, stehen leer, für etwas Belebung soll das im Bau befindliche Jobcenter sorgen. Die Straße, knapp zur Hälfte Fußgängerzone, ist selbst zum Schaufenster der Krise geworden, Oberhausen ist die Kommune mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland.

          Literarisches Leben für die Marktstraße

          Dabei führt das Stadtmarketing mehr als fünfzig Einzelhändler auf, auch Juweliere und Weinhändler sind darunter, ein paar Boutiquen sitzen in den Nebenstraßen, und um die Ecke hat der Lichtburg Filmpalast überlebt, ein 1931 gegründetes Traditionshaus, das die Kurzfilmtage als Festivalkino nutzen. Vor ein paar Monaten aber hat sich ein Literaturhaus in der Marktstraße angesiedelt, dem eine Winelounge ihren leerstehenden Nebenraum spendiert hat, keine Einrichtung der Stadt, dafür fehlt ihr das Geld, sondern ein gemeinnütziger Verein von Bücherliebhabern, der sich nichts Geringeres vorgenommen hat, als dem grauen Oberhausen literarisches Leben einzuhauchen.

          Einen Stadtschreiber zu engagieren, kann er sich (noch) nicht leisten, aber ein Dutzend Förderer fand sich bereit, einen Autor mit Unterkunft und Unterhalt auszustatten, damit er mit den Menschen auf der Marktstraße ins Gespräch kommt, Stimmen und Stimmungen einfängt, Beobachtungen und Begebenheiten sammelt und hinter die Fassaden von Schlagwörtern wie „Quartiersentwicklung“ oder „Revitalisierung“ blickt. Als „Straßenschreiber“ soll er ein Leseheft anlegen, und der Autor Ralph Hammerthaler, der dafür gewonnen wurde, hat sich hohe Ansprüche gesetzt. Die Marktstraße wird nach dem Essay, den er über sie schreiben möchte, noch die gleiche sein, aber sie könnte mit anderen Augen gesehen werden.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

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