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Strand Bookstore : Bangen um New Yorks berühmteste Buchhandlung

  • -Aktualisiert am

Strand Buchhandlung in New York (Archivbild) Bild: AFP

Eine legendäre Buchhandlung am Broadway kämpft um ihre Existenz, während die Geschäftsführerin in Amazon-Aktien investiert. Über einen Kampf mit fragwürdigen Mitteln.

          3 Min.

          Wessen Strand? Unser Strand!“, riefen die Demonstranten. New Yorks berühmteste Buchhandlung, der „Strand Bookstore“, wollte im Juli die Eröffnung einer neuen Filiale an der Upper West Side feiern. Doch viele ehemalige Mitarbeiter standen mit Schildern vor dem neuen Laden und stimmten Sprechchöre an: „Wir werden krank, Sie werden reich“. „Strand“ hatte wegen der Pandemie im Frühjahr 188 Mitarbeiter entlassen, nur 24 Angestellte konnten bleiben. Die Buchhandlung stieg auf Online-Bestellungen um, Ende Juni konnte das Stammhaus am Broadway südlich des Union Square dann wieder öffnen.

          Doch längst nicht alle Mitarbeiter wurden zurückgeholt, und als bekannt wurde, dass das Geschäft ein bis zwei Millionen Dollar über PPP-Kredite von der Regierung erhalten hatte zur Absicherung von Lohnfortzahlung, kam es zu den Protesten. Vergangene Woche bat die Inhaberin Nancy Bass Wyden nun via Twitter um Hilfe: Unter dem Hashtag #savesthestrand rief sie dazu auf, in ihren Läden und der Online-Plattform Bücher zu kaufen. Die Einnahmen seien dieses Jahr um siebzig Prozent eingebrochen, und das Überleben des „Strand“ stehe in Frage. Kurze Zeit später postete Bass Wyden ein Video von einer langen Warteschlange vor ihrem Laden.

          Täglich 6000 Besucher

          „Strand“ hat sowohl in linken Kreisen als auch bei Touristen Kultstatus. Für die Enkelin des Gründers war es daher besonders unangenehm, als die Gewerkschaft im Sommer gegen sie mobilisierte. Viele New Yorker lieben den Laden mit den altmodischen roten Markisen und den schicken Logo-Taschen, und immer wieder erscheinen hymnische Geschichten über das Geschäft mit seinen engen Regalen und dem verwinkelten Untergeschoss. Mehr als zwei Millionen Bücher lagern dort und in weiteren Räumen auf 23 Meilen oder 38 Kilometern Regalfläche, wie das Unternehmen sagt. Der litauische Einwanderer Benjamin Bass hat die Buchhandlung 1927 nicht weit vom heutigen Standort eröffnet und nach der Straße in London benannt.

          Täglich sechstausend Besucher kommen in den Laden, die nach Büchern suchen oder an einer der mehreren hundert Lesungen und Diskussionen teilnehmen, die jedes Jahr stattfinden. Die Podien sind prominent besetzt, und es finden sich Demokraten wie Republikaner dort ein, denn auch konservative Parteistrategen lassen es sich nicht nehmen, im „Strand“ zu lesen. In den engen Gängen zwischen den Büchern wurden schon Hollywoodfilme gedreht und Heiratsanträge gemacht. Doch mit Protest und negativer Presse hatte der Lieblingsladen vieler Linker auch in der Vergangenheit schon zu tun.

          Nicht nur die Punkerin Patti Smith, die als junge Frau im „Strand“ gearbeitet hat, beschrieb die Buchhandlung später als „nicht sehr freundlich“. Auch die Autorin Mary Gaitskill, ebenfalls eine ehemalige Mitarbeiterin, schrieb in „Bad Behavior“ über einen „dreckigen, heruntergekommenen“ Buchladen, dessen Belegschaft aus „unglücklichen Homosexuellen“ bestehe. 2012 dann taten sich „Strand“- Mitarbeiter mit der „Occupy Wall Street“ Bewegung zusammen, um gegen die schlechten Vertragsbedingungen zu protestieren. Und im Jahr darauf beklagten sich Obdachlose im Stadtmagazin „DNAinfo“, dass die Sprinkleranlage des „Strand“ sie von ihren Schlafplätzen unter den Markisen vertreibe.

          Privat in Amazon investiert

          Die Inhaberin Nancy Bass Wyden arbeitet gleichwohl unermüdlich daran, den Mythos ihres Ladens aufrechtzuerhalten. Bei SWR 2 beschwor die „Königin der unabhängigen Buchläden“ vor der Pandemie etwa den „schokoladigen Duft“ und das „erotische Gefühl“ in ihrer Buchhandlung. Dabei erzählte sie auch von ihrem Großvater Benjamin – und davon, wie ihr kleines Geschäft sich gegen die großen Ketten und die Internet-Riesen, allen voran Amazon, behaupte: Bücher müssten als „sinnliches Erlebnis“ verkauft werden, meinte Bass Wyden gegenüber dem amerikanischen Sender NPR, und Amazon sei ein großer Störfaktor für die gesamte Branche.

          Privat aber setzt Nancy Bass Wyden nun ausgerechnet auf den Internethändler Amazon. Die Buchhändlerin und ihr Ehemann Ron Wyden, der den Bundesstaat Oregon im Senat vertritt, kauften im April und Mai dieses Jahres Amazon-Aktien im Wert zwischen 115.000 und 250.000 Dollar, wie der Branchendienst „Barron’s“ unlängst publik machte. Der Kauf wurde überhaupt nur deshalb bekannt, weil Senatoren dazu verpflichtet sind, Aktiengeschäfte dieser Art zu melden. Als kleine Unternehmerin müsse sie ihre Investitionen diversifizieren und eben auch in erfolgversprechende Wertpapiere investieren, begründete Nancy Bass Wyden den Erwerb, der natürlich nur aufgrund der durch Corona verursachten Not erfolgt sei, um die Buchhandlung über Wasser halten zu können. Dass es sich dabei um ihre Investition und nicht die ihres Ehemannes handle, bekannte die Buchhändlerin, die nach wie vor gegen unfaire Steuervorteile für Unternehmen wie Amazon wettert.

          Tatsächlich wurden die unabhängigen Buchhandlungen besonders hart getroffen, als New York im März alle Läden dichtmachte, die keine lebensnotwendigen Güter verkauften. Während die kleinen Ladenbesitzer um ihre Existenz bangten, weil sie ihre Miete weiter zahlen und nun auf Online-Handel umsteigen mussten, war Amazon der Krisengewinnler. Allein bis Mitte April stieg der Preis einer Amazonaktie um 53 Prozent, dessen Gründer Jeff Bezos vergrößerte sein Vermögen um 24 Milliarden Dollar. Gleichzeitig gab sich sein Unternehmen gegen jede Kritik immun, als etwa Tausende Amazon-Arbeiterinnen und -Arbeiter positiv auf das Coronavirus getestet wurden. „Strand“ mag nicht das politisch korrekte Bücherparadies sein, das manche Nostalgiker in ihm sehen wollen, als inhabergeführte Buchhandlung aber ist der Laden weiterhin eine New Yorker Alternative zu Amazon.

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