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„The Sweet Flypaper of Life“ : Vom Leben in der Stadt

Roy DeCarava, „Man sitting on stoop with baby“ (1952). Bild: The Estate of Roy DeCarava 2018/

Das Buch „The Sweet Flypaper of Life“ wurde im Laufe der Jahrzehnte immer wieder einmal gedruckt, galt jedoch seit den achtziger Jahren als vergriffen. In New York wird der Klassiker nun gerade wieder neu entdeckt und gefeiert.

          4 Min.

          Ein junger Fotograf lernt einen älteren Dichter kennen. Der Fotograf hat gerade ein Jahr mit einem Guggenheim-Stipendium hinter sich, der Dichter ist längst berühmt. Er schaut sich die Fotos des jungen Künstlers an und ist begeistert: „Das muss ein Buch werden“, sagt er und läuft los, zu den Verlagen, die er kennt, und sammelt Absagen ein. Zu radikal, um Geld damit zu verdienen, heißt es immer wieder, was auch damit zu tun hat, dass auf den Bildern nur schwarze Menschen in ihrer Umgebung zu sehen sind. Selbst sein eigener Verlag, Simon & Schuster, winkt ab. Es sei denn, er, der berühmte Dichter, schriebe zu den Bildern des unbekannten Fotografen einen Text.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Fotograf war Roy DeCarava, der Dichter Langston Hughes, der ein väterlicher Freund wurde. Die Zeit: Mitte der fünfziger Jahre. Das Buch, das auf diese Weise entstand, heißt „The Sweet Flypaper of Life“, ein Buch aus Harlem und über Harlem. Es ist keine wirkliche Kollaboration der beiden Künstler, eher ein Hintereinanderherarbeiten. Hughes wollte nichts vom Kontext der 140 Bilder wissen, wollte keine Informationen über die Personen oder deren Anschrift, nichts wissen über die Ereignisse, die zu den Bildern führten. Er wollte ihre Rätsel, Mysterien möglicherweise intakt lassen und ließ sie völlig für sich sprechen.

          Er erfand eine Figur, Sister Mary Bradley, und ihre poetische „oral history“. Sie erzählt zu den Personen auf den Bildern Geschichten, erklärt ihre Beziehungen zueinander, spricht über die Situationen, deren Zeugnis die Bilder sind, gibt Mutmaßungen ab, all dies fiktiv, aber ausgehend von den Fotos, deren besondere Qualität es ist, dass in ihnen Räume, Straßen, Eingänge, Fenster mit den Menschen in ihnen Gestalt annehmen. Es ersteht eine fiktive Authentizität, angefüllt mit Wahrheiten über das Leben, das sich hier ausdrückt.

          Die Geschichte, wie dieses Buch in die Welt kam, das als eine Serie von Fotografien begann, erzählte kürzlich die Kunsthistorikerin Sherry Turner DeCarava, die Witwe des Fotografen, aus Anlass der Neuausgabe von „The Sweet Flypaper of Life“. Das Buch wurde für einige Jahrzehnte immer wieder einmal gedruckt, seit den achtziger Jahren aber war es vergriffen. Die Galerie David Zwirner (die kürzlich den Nachlass von Roy DeCarava, der von 1919 bis 2009 lebte, erworben hat) hat das Buch gemeinsam mit First Print Press jetzt neu herausgebracht, und zwar im Vorgriff auf den hundertsten Geburtstag des Künstlers, der immer berühmter wurde, eingeladen von Edward Steichen zur großen Schau der „Familiy of Man“ und schließlich 1996 mit einer umfassenden Retrospektive im Museum of Modern Art geehrt – während „The Sweet Flypaper of Life“ nach und nach und schließlich für dreißig Jahre vom Markt verschwand. Es fügt sich gut in das brennende Interesse, das der Kunst schwarzer Künstler im Augenblick entgegengebracht wird, wobei die Gründe dafür in ganz unterschiedlichen Interessen liegen mögen. Der Markt braucht neues Futter und wird deshalb offener. Aber wir brauchen auch dringend einen umfassenderen Blick auf die Welt.

          Etwas schaffen, das kein Abbild ist, sondern Kunst

          Der erste Eindruck, wenn man heute den Nachdruck in die Hand nimmt, ist Intimität. Eine Intimität, die nichts Indiskretes an sich hat, weil sie durch Zuwendung in Text und Bild hergestellt wird, nicht durch Ausstellung. Es ist die Intimität zwischen den abgebildeten Personen und dem Fotografen, ein spürbares Vertrauen, dessen Grund in DeCaravas Arbeitsweise liegen mag. Fotografieren, so etwa hat er es einmal ausgedrückt, heißt laufen, viele Kilometer unterwegs sein, und zwar zu Fuß. Sich bekannt machen. Erkennen, wo man ist und wem man gegenübersteht. Um dann etwas zu schaffen, das kein Abbild ist, sondern Kunst.

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