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„New Dark Age“ von James Bridle : Im Dunkeln denkt es sich besser

Ästhetische Albträume

Die gruseligste von Bridles Geschichten aber ist die, in der er vom seltsamen Eigenleben erzählt, welches die Bilder auf Youtube entwickeln. Seit einiger Zeit tauchen auf der Videoplattform Unmengen albtraumhafter Comicfilmchen auf, in denen sich niedliche Kinderhelden gegenseitig massakrieren und in die Luft jagen. In billigen Imitationen beliebter Cartoons frisst Peppa Pig ihren Vater oder vergewaltigt Spiderman die Eiskönigin Elsa. Durch die beliebige Aneinanderreihung populärer Suchbegriffe in Titeln wie „BURIED ALIVE Outdoor Playground Finger Family Song Nursery Rhymes Animation Education Learning Video“ mogeln sich die Videos in die Playlists der Kinder. Mittlerweile gibt es Millionen solcher Videos, und sie werden unfassbar oft angeklickt: Alleine vom „Finger Family Song“ gibt es 17 Millionen Versionen auf Youtube, und nicht nur die harmlosen davon werden millionenfach aufgerufen, sondern auch die Varianten mit Adolf Hitler oder Donald Trump.

Es sind nicht nur die drastischen Inhalte der Videos, die verstören, es ist schon ihre reine Existenz. Das Phänomen zeigt, welche ästhetischen Albträume wahr werden, wenn die Algorithmen die Kontrolle über die Fabrik der virtuellen Warenproduktion übernehmen. Dabei lässt sich nicht einmal sagen, wer diese Videos überhaupt macht. Ob sie in asiatischen Sweatshops von Hand erstellt oder von diabolischen künstlichen Intelligenzen zusammengebaut werden – und was davon erschreckender wäre. Fast noch gruseliger als die schlecht animierten Monstervideos sind die unzähligen Versionen des „Finger Family Songs“, die mit vergleichsweise viel Professionalität vom australischen Vorschulkanal Bounce Patrol produziert werden. In den Kostümen bekannter Kinderfiguren führen menschliche Darsteller Hunderte von Versionen desselben Liedes auf, bis sie auch die letzte Kombination algorithmisch generierter Suchbegriffe nachgestellt haben. „So sieht die Produktion von Inhalten im Zeitalter der algorithmischen Entdeckungen aus: Sogar, wenn du ein Mensch bist, ahmst du am Ende die Maschine nach“, schreibt Bridle.

Kein Buch gegen Technologie

Und doch wird etwas sichtbar, in all den düsteren Beispielen der wahnsinnig gewordenen Automatismen und der einfältigen Vorhersagen, als wollte uns das Unbewusste der Maschinen etwas Wichtiges sagen. Wenigstens dann, wenn sie derart surreale Ergebnisse produzieren, wird uns bewusst, dass es nicht die kühle Logik der Computer und ihre unmenschliche Effizienz ist, vor der wir uns fürchten müssen. Sondern dass sie nur fortschreiben und hochrechnen, was in der analogen Welt oft noch viel weniger wahrnehmbar ist: die falschen Begierden, das alltägliche Ressentiment, die unhinterfragten Konventionen, die Ungerechtigkeiten, die sich tief in unser alltägliches Verhalten gefräst haben.

Bridles Buch ist kein Buch gegen Technologie; es ist nicht einmal eines über sie. Es geht um viel mehr: Schließlich kann man heute in der politischen Praxis täglich miterleben, dass man nichts von Maschinen verstehen muss, um wie eine zu denken. Wie die Apps auf unseren Smartphones wollen die Programme der Parteien nur noch Symptome therapieren, niemand redet mehr über die Ursachen der existentiellen Probleme. Kein Wunder, dass in solchen Zeiten diejenigen mit den einfachsten Antworten den größten Erfolg haben und das Problem der globalen Migrationsbewegung zur Frage nach dem persönlichen Schicksal einer Politikerin schrumpft.

Höchste Zeit, dass jemand mal die Fenster aufreißt und ein wenig Dunkelheit ins Zimmer lässt. Bridles Buch ist die beste App dafür.

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