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„New Dark Age“ von James Bridle : Im Dunkeln denkt es sich besser

Technologiekritik arbeitet sich daran ab, die Algorithmen genauer zu untersuchen; es käme aber darauf an, die Welt um sie herum anders zu beschreiben. Für Bridle zeigt sich das Wesen der Technologie vor allem dann, wenn sie aus dem Ruder läuft. Und er hat einen sehr genauen Blick für die Situationen, in denen offensichtlich wird, wie wenig die Simulationen aus dem Computer mit der Wirklichkeit zu tun haben, für die Momente, in denen sie an der Unberechenbarkeit und Unsicherheit der Welt scheitern und uns vor Augen führen, was wir alles nicht wissen können. Bridle erzählt die Geschichte der Computerisierung als eine Geschichte des Versagens, eine Geschichte, die oft vergessen wird, wenn die gefährliche Macht der Algorithmen beschworen wird.

Wirklichkeit gegen Modell

Dass Bridle ein sehr guter Erzähler solcher übersehenen Geschichten ist, hat er auch als Künstler schon oft gezeigt: Er hat die Umrisse von Drohnen und Satelliten, die über unseren Köpfen kreisen, auf Straßen und Plätze gezeichnet. Er hat, in seiner vielleicht bekanntesten Arbeit, ein selbstfahrendes Auto mit ein paar Kreisstrichen in die Falle gelockt: Er hat zwei konzentrische Kreise auf einen Parkplatz gezeichnet, den äußeren als gestrichelte, den inneren als durchgezogene Linie. Das Auto fuhr hinein, kam aber nicht mehr raus, weil es brav das Verbot befolgte, das ihm die Markierung signalisierte. Und immer noch sucht er mit Zeitungsannoncen nach den echten Menschen, deren Abbilder ein Parallelleben in den Visualisierungen der Stadtplaner und Architekten führen, nach den Gestalten, die er die „Render Ghosts“ nennt: Aus den Datenbanken der Stockfotografie werden sie an die imaginären Orte einer schönen neuen Welt verpflanzt, wo sie so lange bleiben dürfen, bis aus den Entwürfen irgendwann Gebäude werden, Häuser für Menschen, deren Leben sich die Architekten oft so eindimensional und planbar vorstellen wie das ihrer Simulation.

Auch in „New Dark Age“ nimmt Bridle seine Leser mit an jene bizarren Orte, an denen sich heute schon zeigt, wie es aussieht, wenn man die Wirklichkeit mit ihrem Modell verwechselt, in die Lager von Amazon, wo ferngesteuerte Arbeiter durch eine Welt wandeln, deren Ordnung nur noch Roboter verstehen, weil die Waren in den Regalen nicht nach üblichen Kategorien sortiert werden, sondern so, dass sich möglichst kurze Laufwege ergeben: Fernseher neben Halsketten, Bücher neben Windeln. Und vor den Lagern campen die unterbezahlten Mitarbeiter im Wald, weil sie sonst nicht rechtzeitig ihre Schicht in den abgelegenen Hallen antreten können. Er erzählt von japanischen Touristen, die mit ihrem Mietwagen ins Meer fuhren, weil sie statt ihren Augen nur dem Navi trauten, und davon, wie Geheimdienste sich immer schwerer tun, aus der Masse ihrer gesammelten Daten irgendwelche nützlichen Erkenntnisse zu ziehen.

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