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„New Dark Age“ von James Bridle : Im Dunkeln denkt es sich besser

Nicht aufhören zu denken

Inmitten all der mehr oder weniger erhellenden Versuche, die Komplexität der Welt zu durchleuchten, ist in diesen Tagen ein Buch erschienen, das auf den ersten Blick wie eine Kapitulation vor all den kommenden Verhältnissen erscheint. Schon der Titel wirkt unmissverständlich apokalyptisch: „New Dark Age“ heißt das Buch des Autors und Künstlers James Bridle, sein Untertitel „Technology and the End of the Future“ (Verso, 304 Seiten). Es ist ein finsteres Gespensterbuch voller Horrorgeschichten unserer Tage. Dass es trotzdem dazu beiträgt, den Blick auf die Gegenwart zu schärfen, liegt an einer entscheidenden Verschiebung der klassischen Metaphorik: Für Bridle ist Dunkelheit weder ein Synonym für Unwissen, wie es etwa im Mittelalter herrschte, noch „Ausdruck von Nihilismus und Hoffnungslosigkeit“. Im Gegenteil: Dunkelheit, schreibt Bridle, „bezieht sich sowohl auf das Wesen der gegenwärtigen Krise als auch auf die Gelegenheit, die sie bietet“. Wenn das Wissen, die totale Transparenz, die Durchschaubarkeit der Welt das Problem ist, ist Dunkelheit, wie Bridle schreibt, „ein Ort von Freiheit und Möglichkeit“. Nur wenn wir akzeptieren, dass wir nichts mehr erkennen können, können wir uns neu orientieren. Bridles Buch ist im besten Sinn desillusionierend. Er bringt kein Licht ins Dunkel, sondern ein Nachtsichtgerät.

Durch diese Veränderung der Perspektive lassen sich wenigstens die Umrisse der Probleme erkennen, welche durch moderne Technologien verstärkt und vor allem verschleiert werden. So wichtig es ist, die Prozesse zu untersuchen, die innerhalb der Black Boxes im Herzen einer technisierten Gesellschaft ablaufen, die Architektur der Software und die Infrastruktur der Hardware, so kurzsichtig ist es, sich auf die immanenten Schwachstellen und Fehler zu konzentrieren. Nur weil wir nicht alles verstehen, dürfen wir nicht aufhören, zu denken, warnt Bridle: „Die Fähigkeit zu denken, ohne zu behaupten oder sogar zu versuchen, etwas komplett zu verstehen, ist der Schlüssel zum Überleben im neuen Dark Age.“

Über Versagen und Computerisierung

Denken, ohne zu verstehen: Das klingt wie ein Plädoyer für Dilettantismus. Doch es ist eher der Versuch, die Debatte zurückzuerobern, die von Spezialisten gekapert wurde, über die Dinge zu reden, von denen die Designer all der Weltverbesserungsapps kein Bewusstsein haben: Nicht über Formeln und Codes, aus denen ihre Algorithmen gemacht sind. Sondern über all die Prämissen, die ihnen im Blut stecken; über die Vorurteile und Erfahrungen, Wünsche und Interessen, über all die Daten, aus denen sie ein Gefängnis der Vergangenheit errichten. Nirgends ist der Bruch mit alten Mustern so ausgeschlossen wie dort, wo man so gerne von „Disruption“ redet; und sich die Zukunft doch nur als Hochrechnung der herrschenden Verhältnisse vorstellen kann, als beste aller bisher erprobten Praktiken.

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