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Deutsche Nationalbibliothek : Bildschirm als Schonung

Ein Idyll: Leipziger Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek im Februar 2009 Bild: dapd

Wenn es ein digitales Exemplar gibt, bekommt der Besucher das materielle Buch nur auf Anfrage: Für die Deutsche Nationalbibliothek gelten neue Leseregeln. Sind sie sinnvoll?

          Wenn vor Gericht ein Urteil ergeht, sind selten beide Kontrahenten zufrieden. So stieß dann auch die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zum Verleih von E-Books an Bibliotheken auf ein geteiltes Echo: Während der Deutsche Bibliotheksverband für seine 2100 Mitglieder die Entscheidung vom 10. November bejubelte, dass künftig E-Books grundsätzlich nach denselben Regeln verliehen werden dürfen wie gedruckte Bücher, war der Börsenverein des Deutschen Buchhandels enttäuscht. Denn digitale Kopien nutzten sich nicht ab und müssten deshalb, anders als gedruckte Bücher, nicht nach einer bestimmten Zahl von Ausleihen durch neue Exemplare ersetzt werden, so dass für diese Medien auch besondere Lizenzverträge ausgehandelt werden müssten.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Hinter dem Protest steckt die richtige Erwägung, dass jede Ausleihe, überhaupt jede Benutzung eines gedruckten Buches Spuren hinterlässt, unter denen etwa der schiefgelesene Rücken nur die früheste und auffälligste ist. Allerdings sind Bücher, die man aus Vorsicht gar nicht erst zu lesen wagt, komplett sinnlos, weswegen etwa Stadtbibliotheken in der Regel mit dem Verschleiß rechnen. Sie ersetzen Exemplare, deren Seiten sich gelockert haben, durch neue, so wie sie überhaupt ihren Bestand austauschen, wenn die Titel nicht mehr gefragt sind. Große Häuser wie etwa die 2011 eröffnete Stuttgarter Stadtbibliothek, die in Bahnhofsnähe in einem riesigen Würfel des koreanischen Stararchitekten Eun Young Yi thront, haben daher über das Lager für die aktuellen Medien hinaus kaum Magazinfläche. Dafür schwelgt der Bau in großzügigen Lesesälen und abgetrennten Arbeitsnischen; wer mag, kann hier Zeitung lesen oder mit Kopfhörer Klavier üben, im Internet surfen oder PC-Spiele ausprobieren, und die Ausgabe von Kaffee oder Lesebrillen gehört längst zum Standart vieler Stadtbibliotheken. Damit erfüllen sie eine Funktion, die längst über die der klassischen Leihbücherei hinausgeht, und weil es in ihnen eben nicht mehr nur um Bücher geht, haben sich einige schon in „Mediothek“ umbenannt.

          Das Wort „Bibliothek“ bezeichnet heute jedenfalls eine Reihe durchaus heterogener Einrichtungen. Unter ihnen nimmt die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) mit ihren Häusern in Leipzig und Frankfurt eine Sonderstellung ein. Sie ist laut Gesetz die „zentrale Archivbibliothek“ und das „nationalbibliografische Zentrum der Bundesrepublik Deutschland“ und sammelt alle Bücher, Zeitschriften sowie eine Reihe anderer Medien, die in Deutschland erscheinen oder im Ausland in deutscher Sprache publiziert werden, in jeweils zwei Exemplaren. Damit geht sie zurück auf die 1912 vom Börsenverein in Leipzig gegründete „Deutsche Bücherei“. In einer Broschüre des Börsenvereins zur Gründung heißt es über die Institution: „Der Schwerpunkt ihrer Aufgaben wird mehr auf archivalisches als bibliothekarisches Gebiet verlegt werden. In erster Linie handelt es sich hier um ein Archiv des gesamten deutschen Buchhandels und deutschen Schrifttums von möglichst lückenloser Vollständigkeit.“

          Erst auf Anfrage

          Ausleihen kann man die Bestände daher nicht, aber man kann sie in den Lesesälen beider Häuser benutzen. Nun hat die DNB ihrer Benutzerordnung überarbeitet und damit einige Kritik auf sich gezogen. Liegt ein Buch auch als E-Book vor, so die neue Regel, dann erhält der Nutzer in Frankfurt wie in Leipzig nur die elektronische Fassung. Das betrifft bislang etwa 300.000 Werke. Etwa ein Drittel der 305 Arbeitsplätze in Frankfurt sind bereits mit einem Bildschirm für E-Books versehen, weitere sollen folgen.

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          Die Bibliothek begründet die Abkehr von der jahrzehntelangen Praxis mit dem Schutz der gedruckten Bücher vor Abnutzung und mit der technischen Entwicklung - heute könne man eben einen gleichwertigen digitalen Ersatz zur Verfügung stellen. Wenn sich allerdings das Interesse eines Benutzers auf Aspekte richte, die digital nicht dargestellt würden wie etwa die Haptik, die Schrift oder der Satz, dann könne er selbstverständlich wie früher ein gedrucktes Exemplar einsehen. Aber eben erst auf Anfrage.

          Wenn man so will: ein Reservat

          Für regelmäßige Nutzer ändert sich also einiges. Wer es gewohnt war, jedes Buch im Lesesaal der DNB zur Lektüre in die Hände zu bekommen, wird, wenn es um Neuerscheinungen geht, andere Wege einschlagen müssen. In Frankfurt heißt das: andere Kataloge konsultieren. Denn trotz der beklagenswerten Situation in manchen Stadtteilen, wo lokale Zweigstellen erst kaputtgespart und schließlich geschlossen oder durch Bücherbusse weitergeführt werden, ist das Bibliothekennetz dichtmaschig genug, um die allermeisten Bedürfnisse auch außerhalb der DNB zu befriedigen. Sucht man einen populären Roman, so findet man ihn dutzendfach an den Standorten der Frankfurter Stadtbibliothek vertreten, andere Institutionen wie etwa die der Universität nicht einmal mitgerechnet.

          Die DNB ist - wie die Nationalbibliotheken anderer Länder auch - der Ort, an dem jedes Buch mit Referenzexemplaren bewahrt werden soll, selbst wenn es nirgendwo sonst mehr anzutreffen wäre. Wenn man so will, ein Reservat. Das ist Grund genug, etwas Mühsal in Kauf zu nehmen.

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