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Deutscher Widerstand : „Die Weiße Rose war besser vermittelbar“

  • -Aktualisiert am

Harro Schulze-Boysen und seine Frau Libertas im Jahr 1941. Bild: Sueddeutsche Zeitung Photo

Netzwerk gegen Nazis: Der Autor Norman Ohler hat die unglaubliche Widerstandsgeschichte von Harro und Libertas Schulze-Boysen aufgeschrieben. Ein Gespräch.

          6 Min.

          Norman Ohlers Buch „Der totale Rausch“ über Drogen im „Dritten Reich“ war nicht nur in Deutschland ein Bestseller. Jetzt ist auch seine Widerstandsgeschichte „Harro & Libertas“ in England und in Amerika erschienen – ein England unter „The Infiltrators“ und in den Vereinigten Staaten als „The Bohemians“.

          Ihr Buch erzählt davon, wie das Ehepaar Harro und Libertas Schulze-Boysen gemeinsam mit Freunden aus verschiedenen Lebensmilieus gegen die Nazi-Diktatur kämpfte. Warum ist das Netzwerk weit weniger bekannt als zum Beispiel die Weiße Rose?

          Dass Harro und Libertas so lange kaum Beachtung fanden, hat zwei Gründe: Hitler persönlich hat die Hinrichtungen angeordnet, als die Gruppe 1942 aufflog, und es durfte, das fand ich besonders brutal, keiner überleben, der die Geschichte weitererzählt. Nicht einmal die Personen, die am Rande beteiligt waren.

          Und der zweite Grund?

          Die Denunziation der Gruppe als Sowjetagenten. Das Gericht verurteilte sie 1942 als Spione, was sie nicht waren. Die Legende von der „Roten Kapelle“ hat sich deshalb so lange gehalten, weil nach dem Krieg auch in der Bundesrepublik Deutschland von Seiten der Politik kein Interesse bestand, die Gruppe anders zu sehen. Harro passte nicht in den Zeitgeist der Nachkriegszeit. Er war ein Linker, er hat mit Kommunisten geredet, und tatsächlich hoffte er, durch die Weitergabe geheimer Informationen an die Sowjetunion die Nazis zu schwächen. Ich habe Harros Bruder Hartmut Schulze-Boysen in Bonn besucht; er war ein bundesdeutscher Diplomat.

          Wie ging er damit um, dass sein Bruder als Spion der Sowjetunion gesehen wurde?

          Er hat sich für die Wahrheit eingesetzt. Leider lange Zeit ohne Erfolg. Er zeigte mir einen Brief, den er Helmut Kohl geschrieben hatte, und dessen Antwort aus dem Jahr 1987. Darin stand, der deutsche Widerstand habe aus der Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg bestanden und aus der Weißen Rose, Harros Gruppe gehöre nicht dazu. Hartmut Schulze-Boysen hat sich jahrzehntelang um eine andere Deutung bemüht. Aber die Weiße Rose und von Stauffenberg waren einfach besser vermittelbar.

          Wie konnte der Vorwurf entkräftet werden, dass Harro und Libertas Schulze-Boysen Spione im Dienste der Sowjetunion waren?

          Die Wahrnehmung hat sich erst Anfang der neunziger Jahre langsam verändert, als man während der Perestroika aus den für einen kurzen Zeitraum geöffneten Sowjetarchiven klar ersehen konnte: Harro war kein Spion und auch die anderen nicht. Er hat sich explizit dagegen verwahrt, in den Dienst eines anderen Landes zu treten.

          Was hat das Netzwerk um das Ehepaar Harro und Libertas Schulze-Boysen ausgezeichnet?

          Viele Frauen waren darin engagiert, weit mehr als in anderen Widerstandsgruppen – Künstlerinnen ebenso wie Frauen aus dem Arbeitermilieu. So unterschiedlich ihre biographischen Hintergründe waren, sie stellten sich gegen die Nationalsozialisten. Und auch wenn ihr Widerstand 1942 aufflog und ihre Versuche, die Alliierten über Strategien der Nationalsozialisten zu informieren, scheiterte, ist dieser Widerstand doch wichtig als Beleg dafür, dass man nicht schweigend zusehen musste.

          Interessant ist ja, dass Libertas Schulze-Boysen anfangs sogar in der NSDAP war.

          Sie hat ihre Haltung nach und nach verändert, nachdem sie Harro kennengelernt hatte. Sie war nie eine glühende Anhängerin der Partei, eher eine Mitläuferin – und natürlich damit stellvertretend für die vielen, die sich zu lange von der Wahrheit nicht betroffen gefühlt haben.

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