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Bachmann-Preis : Den Schmerz wegtanzen

  • -Aktualisiert am

Gewinnerin des Bachmannpreises: Nava Ebrahimi Bild: dpa

Nava Ebrahimi gewinnt hochverdient den Bachmannpreis 2021. Im Vordergrund stand aber eher die Frage, wie man über Literatur reden soll.

          5 Min.

          Vermessenheit war immer schon Programm beim Ingeborg-Bachmann-Preis, und zwar bis in den Titel hinein: „Tage der deutschsprachigen Literatur“ suggeriert eine Gesamtschau, die in Klagenfurt nie zur Debatte stand. Das ist beim „Eurovision Song Contest“ freilich nicht anders. Und wie beim ESC entstammen die meisten der inzwischen vierzehn Teilnehmer an diesen Festspielen deutschsprachiger Literatur einer bestimmten Alterskohorte, wobei Ausnahmen möglich sind: Im vorigen Jahr gewann die achtzigjährige Helga Schubert den Preis. Diesmal trug der reifere österreichische Schriftsteller Fritz Krenn eine köstliche Leseszenen-Groteske vor, eine verspielte Inversion von Goethes „Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent“, in der nun Kerberos den Autor anfällt. So ganz passte Krenns Text freilich nicht. Früher wurden Lesende in Klagenfurt noch zähnefletschend zerfetzt – erinnert sei an Jörg Fauser –, aber diese Tage sind vorbei. Begrüßenswert ist das Interesse an migrantisch imprägnierter Prosa, von der heute die stärksten Impulse ausgehen; dass die Jury selbst kulturell nicht sonderlich divers besetzt ist, bleibt ein kleiner Makel.

          Doch war der Kärntner „Bewerb“ eigentlich nie der „Literaturgerichtshof“, als den ihn Michael Köhlmeier einmal apostrophiert hat, auch wenn er 1977 nach dem Modell der Gruppe 47 ins Leben gerufen wurde. Von Anfang an handelte es sich eher um eine Manege, und zwar um eine doppelte. In diesem Zirkus treten neben den Akrobaten – Hochseilartisten, Jongleure, Gaukler –, eben auch Dompteure auf: die Kritiker, die ihren Kopf ins Löwenmaul stecken und ihn durchaus verlieren können, sei es, weil die Bestie hin und wieder doch zeigt, wie unbezähmbar sie ist (Rainald Goetz, Urs Allemann), sei es, weil die Berechenbarkeit der Jury offen ausgestellt wird (Kathrin Passig), oder sei es, weil man sich mit geschmäcklerischen Urteilen blamiert. Das jedenfalls ist die tiefere Konfrontation am Wörthersee: Literaten versus Kritiker, zwei Königskinder, die einander lieben und nicht lieben dürfen.

          Großteil der Texte: arg mittelmäßig

          In diesem Jahr standen vor allem die Kritiker im Rampenlicht. Das lag weniger daran, dass die Jury anders als die digital zugeschalteten Autorinnen und Autoren vier Tage lang in Klagenfurt präsent war (im vergangenen Jahr hielt allein der wackere Moderator Christian Ankowitsch die Stellung), sondern eher schon daran, dass der Großteil der Texte sich als arg mittelmäßig erwies: mit Lyrismen gespickte Verzweiflungsklagen, Institutsprosa der Identitätssuche, Gesellschaftssatiren, erzähltechnisch alles in altbekannten Bahnen. Vor allem aber finden derzeit die interessanteren Umbrüche auf der Ebene der Literaturkritik statt, die sich noch nie so massiv vor die Frage gestellt sah, welche Relevanz sie noch hat, zumal, wenn sie sich nicht als Empfehlungsservice verstehen will. Das empathische Sprechen über Literatur hat jedoch immer größere Geländegewinne vorzuweisen, auch beim Bachmannpreis.

          Die Verschiebung der Aufmerksamkeit begann schon mit der traditionellen „Klagenfurter Rede zur Literatur“. Der im vergangenen Jahr ausgeschiedene, langjährige Juryvorsitzende Hubert Winkels machte sie zu einer Rede „zur Literaturkritik“ (F.A.Z. vom 18. Juni), wobei er seinen Rundumschlag gegen nivellierende Tendenzen in Funk und Print derart oberseminarhaft angelegt hatte, dass der maximale Schaden eintrat. Dabei hatte Winkels den Klagenfurter Bewerb von seiner Grundthese – früher war weniger Lametta, dafür mehr Erkenntnis – explizit ausgenommen, denn aus der Großkritiker-Schreibude sei ein Diskursraum für das tiefe Sich-Einlassen auf das innere Geheimnis der Literatur entstanden. Hier aber musste er sich am zweiten Tag für seinen neoromantischen Vorstoß öffentlich rechtfertigen, wobei ihm Vea Kaiser, eine der zwei neu berufenen Jurorinnen – und eine glatte Fehlbesetzung, weil sie nur subjektive Geschmacksurteile parat hatte und fast alles „grandios“ fand –, vorhielt, die Literaturkritik habe eine dem Publikum dienende Funktion.

          Winkels wurde patzig: „Jede Form der Vermittlung“ halte er für „Feigheit vor dem Angesicht einer Theorie, einer Einsicht.“ Gerade deshalb habe er in seinem Vortrag „eine Leiter aufgebaut. Wenn man die nicht hochsteigt, hat man ein Problem.“ Er habe sich zum Ende seiner Karriere diesen „intellektuellen Luxus“ geleistet, den man gerne für abgehoben halten könne, aber das sei „fast schon gewollt“: Das Numinose sei etwas, das man nicht „einfach so unters Volk schleudern“ könne. Allzu viel Numinoses war in den ausgewählten Texten freilich nicht vorhanden; aber wo es sich in Ansätzen zeigte, wurde es finster in Klagenfurt.

          Das lag zu einem großen Teil an Philipp Tingler, der in strammer Selbstgefälligkeit alle Diskussionen zu dominieren suchte, ohne sich in seinen Schwurbeleien an literaturtheoretische Kategorien gebunden zu fühlen. Offenbar ein Freund lebensnaher Plots, hinter denen vielleicht etwas Mitgemeintes hindurchschimmert (die absolute Minimalbedingung für Literatur also), laberte er gegen alles Freischwebende an. Auch für die meisten anderen Juroren war Verständlichkeit allen Ernstes ein Kriterium: Endlos wurde über Inhalte und deren Realismus schwadroniert. Die angesichts des Debattenniveaus mitunter gequält dreinschauende Juryvorsitzende Insa Wilke hatte es jedenfalls schwer, mit ihren Analysen zu Sprache, Rhythmik und Intertextualität durchzudringen. Für die Form als entscheidendes Merkmal der Literarizität machte sich sonst nur die ebenfalls neue, leider zu zurückhaltende Kritikerin Mara Delius stark. Klaus Kastberger assistierte mit literaturgeschichtlichem Wissen.

          Da nützt auch der Gartenzwerg nichts

          Auf der Unterhaltungsebene stimmte es: Die Meinungen waren vielfältig (wenn auch nicht immer argumentativ gedeckt); die Auswahl der gern appellativen Texte wirkte abwechslungsreich. Da gab es etwa Nadine Schneiders Beschwörung einer engen Dorfwelt, in der eine Roma-Familie trotz Übererfüllung des Deutschseins (Gartenzwerg) nicht willkommen ist. In Julia Webers feministischer Befreiungsgeschichte entkommt eine Frau durch Sex mit einer engelhaften Prostituierten ihrem falschen Leben. Man fand das alles ganz gut. Arg gefleddert wurde Heike Geißlers nur von Insa Wilke hochgehaltene, formstarke Erregung einer sich an der Schwelle zum Unsichtbarwerden wähnenden vierzigjährigen Frau, die sich eine radikal andere Zukunft erträumt und zugleich weiß, dass einer Woche bloß die nächste folgt: „Wir sind so zuverlässig bedroht.“

          Natürlich wurde wieder viel an den Eltern gelitten, gern auch in transnationaler Perspektive oder aus einem Sanatorium heraus. Der Theatermacher Necati Öziri las einen leicht überinszenierten, aber packenden „Brief an den Vater“ mit dem Titel „Morgen wache ich auf, und dann beginnt das Leben“, in dem ein (vielleicht) todkranker türkischer junger Mann die linksradikale Schuldverstrickung, eigentlich jedoch die Abwesenheit des Vaters beklagt. Dafür gab es den Kelag-Preis und den Publikumspreis. Die komplexere Auseinandersetzung mit einem verwandten Thema stammte von der in Graz lebenden und in Iran geborenen Autorin Nava Ebrahimi. Ihr selbstreflexiver, verspielter Text „Der Cousin“ handelt von der Frage, wie sich traumatische Lebenserfahrungen in einem zur Heimat gewordenen Exil vermitteln lassen. Hier führt das zur gegenseitigen Benutzung zweier Opfer, was in einer moralisch uneindeutigen, reinigenden Tanzperformance mündet: der wohl beste Text im Bewerb, weshalb die Auszeichnung mit dem Bachmannpreis 2021 hochverdient ist.

          Sehr angemessen ist auch die Kelag-Auszeichnung für Dana Vowinckel, die in „Gewässer im Ziplock“ ganz gegenwärtig von einer zwischen Berlin, Chicago und Jerusalem zerstreuten jüdischen Familie erzählt, wobei alltägliche Teenagerprobleme klug mit der Diaspora-Erfahrung verschränkt werden. Einen „Hurz“-Moment erlebte das Publikum bei Timon Karl Kaleyta, der die Jury mit einer talentierten Ost-West-Ripleyiade aus Soziopathenperspektive narrte, eine subversive Pop-Nummer im naiven Plapperton, zu der die Kritiker-Verrenkungen („man könnte denken an: den ‚Zauberberg‘“; „der Text ist dadurch, dass er nicht politisch ist, auch politisch“) dazugehörten und die mit dem 3sat-Preis belohnt wurde.

          Leider leer ausgegangen ist der poetisch anspruchsvollste Text. Die junge Klagenfurterin Verena Gotthardt überführte in einem an Handke oder Bachmann angelehnten und doch eigenen Ton das Vergehen von Zeit gelungen in Sprache. Glücklicherweise nicht einmal auf die Shortlist schaffte es Lukas Maisels trivial loriothafte Szene aus dem Leben eines Tinder-Nutzers, obwohl Tingler sie für ein protokollarisches Meisterstück hielt: „Es interessiert die Leute da draußen.“ Immerhin dieses Argument wurde als boulevardesk verworfen.

          Letztlich also hat die Jury überzeugt, auch wenn es oft so wirkte, als habe es hundert Jahre Literaturtheorie nicht gegeben. Insa Wilke betonte zum Abschluss, der gegenseitige Respekt sei gewachsen, so verschieden die ästhetischen Auffassungen auch seien. Wer aber so vermessen ist, das Unmessbare messen zu wollen, sollte dies mit harten Kriterien tun und sich absetzen vom Handlungsfetischismus „da draußen“. So viel Winkels-Vermächtnis darf es schon sein.

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