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Nachlass von Jonas Fränkel : Eine vergessene Schuld

Die Klause des Geistes: das Arbeitszimmer von Jonas Fränkel Bild: Schweizerische Nationalbibliothek

Jonas Fränkel war einer der herausragenden Philologen der Schweiz. Seine Karriere fiel dem Antisemitismus des Alpenlandes zum Opfer. Jetzt übergibt Fränkels Familie seinen Nachlass dem Schweizer Literaturarchiv.

          4 Min.

          Fünf Koffer. Aufgereiht im prächtigen Arbeitszimmers eines Gelehrten, als stünden Aufbruch und Abreise unmittelbar bevor. Aber der Gelehrte ist vor fast sechzig Jahren gestorben und sein Arbeitszimmer seither unverändert. Sein Name dürfte hierzulande wohl nur Literaturhistorikern ein Begriff sein: Jonas Fränkel.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          In der Schweiz ist das anders. Hier müsste man ihn kennen und rühmen als einen der bedeutendsten Philologen des Landes. Tatsächlich aber steht der Name Jonas Fränkel für eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Schweizer Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Wenn ein Schriftsteller diese Geschichte hätte erzählen wollen, er hätte sich kein besseres Sinnbild dafür ausdenken können als dieses: fünf vollgepackte Koffer im Zimmer eines toten Gelehrten.

          Die verdiente Professur bekam er nie

          Jonas Fränkel wurde 1879 in Krakau geboren. Zum Studium ging er zunächst nach Wien, dann nach Bern, wo sein außergewöhnliches philologisches Talent rasch erkannt wurde. Er wurde mit einer Arbeit über den Dramatiker Zacharias Werner promoviert, erhielt von der Schweizer Regierung den ehrenvollen Auftrag, die bis dahin kümmerlich dahinsiechende Ausgabe der Werke des Nationaldichters Gottfried Kellers zu verantworten und wurde von Carl Spitteler, dem bis heute einzigen gebürtigen Schweizer Literaturnobelpreisträger, gebeten, seine Biographie zu schreiben. Spitteler in einem bislang unbekannten Brief an Fränkel im Januar 1908: „Wenn Sie aber Notizen über mich wollen, da bin ich, da lebe ich, fragen Sie bloss, ich werde antworten“.

          All das sieht nach einer glanzvollen Karriere aus. Aber Fränkel war in Bern zunächst lediglich Privatdozent, eine ordentliche Professur hat er in der Schweiz nie erhalten. Die Keller-Ausgabe konnte er nicht abschließen, die Biographie Spittelers blieb unvollendet. Fränkel wurde beleidigt, geschmäht und in seiner Arbeit von allen Seiten gehindert: von den Kollegen, der Regierung, Teilen der Presse. Bereits 1912 wurde er in der Baseler Zeitschrift „Der Samstag“ als „Literaturjude“ und „hergewehter Asiate“ diffamiert. Ein Zürcher Regierungsrat unterstellte Fränkel „hebräische Bosheit“.

          Will Vesper, ein fanatischer Antisemit und verantwortlich für das NS-Blatt „Die Neue Literatur“, verlangte 1936, die Keller-Ausgabe müsse „den störrischen Händen des jüdischen Herausgebers entwunden werden“. Die Zürcher Regierung setzte Vespers Forderung 1942 in die Tat um. Zwei Jahre später wurde Fränkel die Herausgeberschaft der Werke Spittelers, die der Nobelpreisträger des Jahres 1919 dem Freund noch selbst anvertraut hatte, vom Bundesrat verweigert.

          Ein entschiedener Warner vor dem Nationalsozialismus

          Man kann all dies nachlesen, etwa in Texten des Literaturwissenschaftlers Charles Linsmayer, der auch das streitbare Temperament des Philologen skizziert hat. Linsmayer zufolge war Fränkel „ein Polemiker von einer Schärfe, einer Treffsicherheit und einer argumentativen Virtuosität, wie es ihn in diesem Lande vor ihm nicht gegeben hat und wie es ihn leider, leider auch heute nicht mehr gibt“. Seine Positionen habe Fränkel „in ebenso unschweizerischer wie undiplomatischer Weise frank und ohne Rücksicht auf Verluste“ vertreten.

          Einer der bekanntesten Texte Spittelers ist seine im Dezember 1914 gehaltene Rede„Unser Schweizer Standpunkt“, mit der er der Schweiz eine neutrale Position im Ersten Weltkrieg empfahl. Sie spielte noch einmal eine große Rolle, als die Eidgenossen 1992 über ihren möglichen Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum abzustimmen hatten. Fränkels folgenreichste Schrift trägt den Titel „Gottfried Kellers politische Sendung“, erschien 1939 und kündet vom Gegenteil einer neutralen Haltung.

          Fränkel formuliert darin eine entschiedene Warnung vor dem Nationalsozialismus: „Das Dritte Reich ist eine Festung in dauerndem Belagerungszustand. Der Einzelne hat keine Verfügung über sich. Mit eiserner Hand leitet der Staat den Menschen durch das Leben, damit er ihm als willenloses Werkzeug diene“. Drei Jahre nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes sah sich Fränkel einer Schweizer Regierung gegenüber, die ihm mit Enteignung drohte. Und jetzt kommen die Koffer ins Spiel.

          Spuren eines Zeitalters in fünf Koffern

          Als Spittelers Töchter, tatkräftig unterstützt von den Schweizer Behörden, Fränkel bedrängten, die Dokumente ihres Vaters herauszugeben, packte die Familie alles in besagte fünf Koffer, die auf verschiedene Zweige der Familie verteilt und zum Teil ins Ausland verbracht wurden. Etwa tausend Briefe, die der Nobelpreisträger an Fränkel geschrieben hatte, mehrere Werkmanuskripte, autobiographische, zum Teil eigenhändig illustrierte Texte Spittelers sowie Teile seiner Privatkorrespondenz, all das wanderte, nachdem es inventarisiert worden war, in die Koffer. Der Umfang dieses Kryptonachlasses entspricht ungefähr dem bislang bekannten Nachlass Spittelers, der seit den dreißiger Jahren in der heutigen Nationalbibliothek liegt. Für die Spitteler-Philologie dürfte nun ein neues Zeitalter anbrechen.

          Fränkels eigener Nachlass ist indes kaum weniger bedeutend. Er umfasst Werkmanuskripte, Aufzeichnungen sowie umfangreiches Dokumentationsmaterial zu seinen Editionsprojekten, biografisches Material wie Notizhefte und Tagebücher sowie Akten zu den juristischen und medialen Auseinandersetzungen rund um Spitteler und die Keller-Ausgabe. Beeindruckend ist auch die Korrespondenz. Zu Fränkels Briefpartnern gehören so bedeutende Autoren wie Romain Rolland, Werner Kraft oder Arthur Schnitzler, von dem sich 42 Briefe und Karten aus den Jahren 1900 bis 1928 erhalten haben.

          Fränkel starb 1965. Seine Familie konnte die Anfeindungen und die staatlichen Repressionen jahrzehntelang nicht verwinden. Sein jüngster Sohn Salomon hielt den Nachlass des Vaters sein Leben lang unter Verschluss. Erst seine Urenkelin Jael Bollag entschloss sich jetzt zusammen mit ihrem Vater David Fränkel, das Erbe Jonas Fränkels dem Schweizerischen Literaturarchiv und somit der Öffentlichkeit anzuvertrauen. Es gibt viel aufzuarbeiten – in mehr als einer Hinsicht. Über die Zukunft der Gelehrtenbibliothek wird noch verhandelt. Im Literaturarchiv heißt es unverblümt, es fehle an Geld. Von einer halben Million Franken ist die Rede. Wie wird der „Schweizer Standpunkt“ in der Sache sein? Auch diesmal handelt es sich um eine Frage von nationaler Bedeutung. Zu dieser Einschätzung wird jedenfalls kommen müssen, wer sich vergegenwärtigt, wie Jonas Fränkel zu seinen Lebzeiten behandelt wurde.

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