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Buch über Mörder : Das Töten kennt viele Varianten

Wieso tötet jemand? Und was bringt denjenigen dazu, es wiederholt zu tun? Bild: Picture-Alliance

Der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber hat schon zahllosen Mördern gegenüber gesessen. In seinem Buch „Mord im Rückfall“ dokumentiert er nun Fallgeschichten über das Töten. Eine Erklärung für das Unerklärliche sucht man vergebens.

          Wer einen Menschen ermordet, schließlich überführt wird und eine sehr lange Strafe im Gefängnis oder im Maßregelvollzug verbüßt, wer also erlebt hat, was Freiheitsentzug bedeutet, dem unterstellt man, zumindest so weit geläutert zu sein, dass er nie wieder tötet. Nur ist der Mensch bekanntlich ein unberechenbares Wesen, er raubt, vergewaltigt, tötet, ein einziges Mal, mehrmals, mit Grund, grundlos oder eben erneut nach einer Haftentlassung.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber, einer der renommiertesten Gutachter hierzulande, der im Laufe seiner Karriere zahllosen Mördern gegenübersaß, nimmt sich in seinem nicht gerade als Bettlektüre geeigneten Buch „Mord im Rückfall. 45 Fallgeschichten über das Töten“ jetzt diejenigen vor, die wieder zu Tätern geworden sind. Es handelt sich ausschließlich um Männer. Männer wie etwa Thomas M., ein sozial und emotional verwahrloster Täter, der als Möbelpacker arbeitet und früh zum Alkohol greift. Mit 27 begeht er sein erstes Delikt – gleich eine Tötung. Das Opfer ist eine ihm entfernt bekannte Witwe, klein, zierlich, sechzig Jahre alt, chancenlos.

          Thomas M. sucht sie in ihrer Wohnung auf, vergewaltigt sie, wobei er das Gesicht der mit Paketschnur gefesselten hilflosen Dame derart brutal ins Kissen drückt, dass sie erstickt. Fünfzehn Jahre sitzt er dafür ein, durchläuft etliche Therapiestunden, absolviert eine Lehre zum Koch, und als er entlassen wird, wartet Hartz IV auf ihn – und der Alkohol. Thomas M., dieser aggressive, abgestumpfte Charakter, zieht mit einer ebenfalls alkoholabhängigen Frau zusammen, es kommt zum Streit, er verprügelt sie und bemerkt nicht, wie sie neben ihm wegstirbt, während er gemeinsam mit einem Freund zecht.

          Kein übergeordnetes Psychogramm

          Wer erwartet, dass Kröbers Fallgeschichten eine Erklärung für das Unerklärliche liefern, dass sie die Entscheidung, die dem barbarischen Akt des (erneuten) Tötens zugrunde liegt, enträtseln, dass so etwas wie ein übergeordnetes Psychogramm existiert, der wird enttäuscht. Die in Motivgruppen wie „Raubmord“, „Vergewaltigung und Tötung“, „sadistisch motivierte Taten“ oder „reine Gewalt und Gewöhnung ans Töten“ unterteilten Taten könnten unterschiedlicher nicht sein, und gerade das macht sie interessant.

          Zumindest ein bekanntes Muster kehrt wieder: Die ausschließlich männlichen Wiederholungstäter waren selbst meist Opfer, wurden früh missbraucht, verprügelt, emotional vernachlässigt, in Heime abgeschoben. Eine Ansammlung düsterer Biographien des Scheiterns, in denen es immer nur bergab geht. Freilich gibt es Ausnahmen. Andreas M. beispielsweise, der in relativ geordneten Verhältnissen aufwächst und trotz einer fürsorglichen Mutter sowie eines zugewandten Stiefvaters bereits während der Grundschule Probleme macht: „Stehlen, Lügen, Weglaufen. Er quälte mit einem Kameraden Meerschweinchen. Ab dem Alter von 12 Jahren zunächst Erziehungsheime, ab 16 Jugendstrafanstalten.“ Später tötet Andreas M. aus Geldgier eine Rentnerin, um an deren PIN-Nummer zu kommen, sowie einen einundfünfzigjährigen Familienvater. Beide Personen waren Zufallsopfer, zur falschen Zeit am falschen Ort. Kröber schreibt lapidar: „Er beging seine Taten, weil er sie begehen wollte, – angstfrei, unbeeindruckt vom Leiden der Opfer, stolz auf seine Durchsetzungskraft.“

          Keine Tat geschieht aus heiterem Himmel

          Doch ganz gleich, aus welchem Milieu der Täter stammt und wie er sozialisiert worden ist: Keine Tat geschieht aus heiterem Himmel, es gibt Faktoren, die die statistisch betrachtet äußerst geringe Rückfallwahrscheinlichkeit beeinflussen: „Erstens das Selbstkonzept und das Motivationsgefüge eines Täters. Zum Zweiten der soziale Rahmen, in dem er sich bewegt und der die Person und ihre motivationalen Ideen immer wieder in akuten sozialen Situationen verknüpft, in denen etwas geht – oder nicht. Und drittens der glückliche oder unglückliche Zufall, der diesen Verknüpfungsprozess im Sinne von Kontingenz mal stärker, mal weniger stark beeinflusst.“

          Beim Lesen von Kröbers erschütternden Fallgeschichten fällt auf, wie duldsam, blind und masochistisch das weibliche Geschlecht in Liebes- und Erniedrigungsdiensten sein kann. Bereit, noch die schrecklichste Tat zu verzeihen, bisweilen gar zu decken, halten Frauen ihren vernichtungsbereiten Männern erstaunlich oft die Treue, als glaubten sie an nichts so sehr wie an die eigenen Retterqualitäten – ohne zu erkennen, dass sie selbst rettungslos verloren sind. Es gibt keinen Trost in diesem Buch über das Böse, nirgendwo.

          Hans-Ludwig Kröber: „Mord im Rückfall“. 45 Fallgeschichten über das Töten. Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2019. 247 S., geb., 19,95 .

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