https://www.faz.net/-gr0-80rvn

Lektüre in der Oberstufe : Der Klassenzimmer-Club der toten Dichter

Dem Manne kann geholfen werden, gern mit Schiller, aber dafür ohne Leseliste: Szene aus „Fack Ju Göhte“ Bild: Christoph Assmann/Constantin Film Verleih

Das kann ja wohl nicht wahr sein: Der modernste Autor, der in Berliner Schulen gelesen wird, ist seit fast sechzig Jahren tot. Zur Lage der zeitgenössischen Literatur in deutschen Oberstufen.

          6 Min.

          Die Schule hat Schriftsteller schon immer herausgefordert. Von Hermann Hesses „Unterm Rad“ über William Goldings „Herr der Fliegen“ bis zu Friedrich Torbergs „Schüler Gerber“ und in jüngerer Zeit Judith Schalanskys „Hals der Giraffe“ reicht die Liste der Literaten, die sich mit der mal mehr, mal weniger quälenden Situation im Klassenzimmer literarisch auseinandergesetzt haben. Doch wie sieht es umgekehrt aus? Was lesen Schüler im Unterricht heute, wenn sie zeitgenössische Literatur lesen?

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Die Frage stellt sich dieser Tage nicht von ungefähr. Denn wenn sich an diesem Donnerstag die Tore der Leipziger Buchmesse öffnen und die Straßenbahnlinie 16 wieder Hunderttausende Besucher zu den gläsernen Messehallen befördert, treffen diese beiden Sphären - Schule und Literatur - unmittelbar aufeinander. Denn das Leipziger Lesefest ist nicht nur einer der wichtigsten Treffpunkte der Verlagswelt, bei dem sich Autoren, Lektoren, Kritiker und Leser gemeinsam über die neuesten Erscheinungen beugen. Die Messe hat sich außerdem mit ihrem Fachprogramm und mehr als zweihundert Veranstaltungen längst zu einem Didaktik-Event entwickelt, das jedes Jahr mehr als dreißigtausend Lehrer anzieht und noch einmal so viele Schüler.

          Von Kiel bis Konstanz

          Aber sind Lehrer und Literaten, wenn sie sich in Leipzig auf Augenhöhe begegnen, im Gespräch? Kommt die zeitgenössische Literatur, um die sich in Leipzig alles dreht, kommen die Romane von Thomas von Steinaecker, Michael Wildenhain oder Sibylle Berg, die Gedichte von Jan Wagner, Steffen Popp oder Nora Gomringer in den Klassenzimmern überhaupt je an? Die Antwort fällt ernüchternd aus: fast nie.

          Ein Blick in die Oberstufenlehrpläne deutscher Gymnasien zeigt, was vor Jahren schon eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung ergab: dass die Gegenwart im Literaturunterricht kaum je eine Rolle spielt. Natürlich lässt sich der Befund in einem föderalen System nicht generalisieren. Ausnahmen gibt es, doch der Befund trifft auf die Mehrheit der Bundesländer zu. Was in den Klassenzimmern von Kiel bis Konstanz dagegen flächendeckend und ganz zurecht gepflegt wird, sind die klassischen Lektüren: ob Goethes „Faust“, Büchners „Lenz“ (oder wahlweise „Woyzeck“), Kleists „Prinz von Homburg“ oder Fontanes „Frau Jenny Treibel“ und immer wieder Kafka - es wird gelesen, sogar intensiver als früher.

          Seit der Einführung des länderspezifischen Zentralabiturs sind die sogenannten Leselisten hierfür das Maß aller Dinge. Sie sind für die Oberstufen verbindlich, und sie werden ohne öffentliche Beteiligung hinter verschlossenen Türen der Kultusministerien erstellt. Sie bestimmen seither in Ländern wie Hessen, was die Schüler bis zum Abitur gelesen haben müssen. Und als habe man in den Ministerien auf die Kanon-Debatte der neunziger Jahre wie auch auf das schlechte Pisa-Abschneiden reagiert, herrscht das Primat traditioneller literarischer Texte vor. So weit, so gut. Doch was auf Klassik, Romantik und bürgerlichen Realismus folgt, hat, schulisch gesehen, Sendepause.

          „Ich will ,Das Parfum‘ nicht unterrichten“

          In Berlin und in Brandenburg etwa ist Bertolt Brecht der modernste Autor, mit dem es die Gymnasiasten in ihrer gesamten Oberstufenzeit laut Rahmenlehrplan zu tun bekommen. Was würde der Verfasser des „Liedes von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens“ zu solchen Plänen wohl sagen? „Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein kluges Licht, und mach dann noch ’nen zweiten Plan, geh’n tun sie beide nicht.“ Dabei hat gerade Berlin heute nicht anders als zu Brechts Zeiten eine pulsierende literarische Szene, an die Schulen anknüpfen könnten.

          In manchen Bundesländern der Modernste auf der Leseliste der Schulen: Bertolt Brecht.
          In manchen Bundesländern der Modernste auf der Leseliste der Schulen: Bertolt Brecht. : Bild: Picture-Alliance

          Doch wenn die Hauptstadtschüler Zeitgenössisches verabreicht bekommen, dann allenfalls im Leistungskurs in Form von Lyrik, weil das Abitur einen historischen Gedichtvergleich vorsieht. Die vermeintlich kleine Form aber vermag das weite Feld der Gegenwartsliteratur nicht einmal symbolisch abzudecken. Anderswo sieht es nicht viel anders aus. Ausgerechnet ein Longseller aus dem Jahr 1985 führt seit Jahren die schulischen Leselisten an: Patrick Süskinds „Das Parfum“. In Hessen ist der Roman über den geruchsbegabten Jean-Baptiste Grenouille seit Jahren die einzige Ganzschrift der Gegenwart, die Grundkursschüler in ihrer gesamten Oberstufenzeit lesen. Man fragt sich, wer in Wiesbaden den historischen Roman aus dem Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts Jahr für Jahr wieder auf die Liste setzt und warum.

          Goele Proesmans ist nicht die einzige Lehrerin Hessens, die sagt: „Ich will ,Das Parfum‘ nicht unterrichten.“ Von verpflichtenden Leselisten hat die Belgierin Proesmans noch nie viel gehalten. Aber die Wiesbadener Wahl ist für sie unverständlich: „Was soll hier besprochen werden, außer vielleicht Techniken, wie man einen Bestseller schreibt?“

          Reicht die Auseinandersetzung mit dem literarischen Erbe?

          Eigene Schwerpunkte im Unterricht zu setzen ist für engagierte Lehrer angesichts der obligatorischen Leselisten kaum noch möglich. Dass sich Goele Proesmans seit Jahren alle sechs Wochen mit Kollegen von anderen Schulen trifft, um sich über neue Lektüreerfahrungen auszutauschen, ist damit im Grunde überflüssig geworden. Zwar steckt die Lehrerin eines humanistischen Gymnasiums in Offenbach voller Ideen für den Unterricht. Sie könnte sich ebenso gut vorstellen, Terézia Moras Romane zu lesen wie Geschichten von Katja Petrowskaja oder Karen Köhler - doch stattdessen muss sie auch dieses Jahr wieder „Das Parfum“ aufschlagen.

          Von der in letzter Zeit befürchteten Beliebigkeit im Unterricht also keine Spur, von Wahlfreiheit allerdings auch nicht: „Wissen die Ministerien, dass unser Unterricht zu 95 Prozent darin besteht, diese Listen abzuarbeiten?“, fragt sich Proesmans. Hessische Leistungskurse lesen fürs Abitur immerhin seit diesem Jahr ein Werk, das nach 2000 erschienen ist: Uwe Timms Roman „Halbschatten“ über die Langstreckenfliegerin Marga von Etzdorf, der Christa Wolfs „Medea“ abgelöst hat. Dafür findet sich unter den jeweils neun für Grund- und Leistungskurse zu lesenden Ganzschriften keine Autorin mehr und auch kein lebender internationaler Autor von Rang.

          Warum tut sich die Schule mit neuerer Literatur so schwer? Anderseits: Muss sie überhaupt vorkommen? Man könnte sich auf dem Standpunkt stellen, dass es, schulisch gesehen, ausreicht, sich mit dem literarischen Erbe auseinanderzusetzen. Die Diskussion um einen stärkeren Einsatz zeitgenössischer poetischer Texte ist in der Literaturdidaktik jedenfalls nicht neu. Schon 1929 löste die Forderung eines Berliner Deutschlehrers nach einem zeitgemäßeren Umgang mit Literatur eine heftige Kontroverse unter Pädagogen aus - bei der die Gegenseite die Preisgabe der „Ewigkeitswerte der Vergangenheit“ durch „Modernitätsdünkel“ und „Aufklärungswahn“ fürchtete.

          Ganze Industrie für die Leselisten

          Im Kern werde die Diskussion heute nicht anders geführt, weiß der Literaturdidaktiker Clemens Kammler von der Universität Duisburg-Essen. Während die Schulen nach dem Zweiten Weltkrieg interessanterweise durchaus in der Lage waren, ihren Unterricht so zu aktualisieren, dass sie Werke wie Alfred Anderschs „Sansibar oder Der letzte Grund“, Max Frischs „Homo Faber“ oder Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ bald nach Erscheinen auch in den Klassenzimmern rezipierten, ist die Bereitschaft heute, sich am literarischen Gespräch der Gegenwart zu beteiligen, deutlich geringer. Auch Kammler beobachtet eine Tendenz zur Auswahl von Bestsellern. Wichtige Gegenwartsautoren wie Reinhard Jirgl, Elfriede Jelinek oder Botho Strauß vermisst er auf den Listen. Manche Beispiele zeigen umgekehrt aber auch, dass es Vorteile haben kann, in der Schule auf Eingängiges zu setzen. Mit Reinhard Jirgls avancierter Diktion jedenfalls haben auch manche erwachsenen Leser ihre Mühe. Klar ist, dass sich für den Unterricht im starren Korsett des Stundenplans nicht jede zeitgenössische Literatur eignet, um daran mit ungeübten Lesern zu arbeiten. Dass sich Baden-Württemberg zu Peter Stamms „Agnes“ von 1998 entschlossen hat, Hamburg mit Finn Ole Hinrichs „Räuberhände“ ein Werk von 2007 und Sachsen mit Juli Zehs „Corpus Delicti“ eines von 2009 auf den Lehrplan gesetzt hat, aber bleiben Ausnahmen.

          Dabei ermöglicht es das Gespräch über Gegenwartsliteratur, Themen mit Schülern zu verhandeln, die über den historisch-klassischen Epochenunterricht hinausweisen. Dreißig Prozent der Gymnasiasten sind ausländischer Herkunft, warum nicht mal Werke von Feridun Zaimoglu, Melinda Nadj Abonji oder Sherko Fatah auf die Listen setzen? In der Literatur geht es immer auch darum, das kritische Bewusstsein der jungen Leser zu wecken und sie ihre Umwelt in ihrer Prozesshaftigkeit erkennen zu lassen. Dass sich dies mit neueren Schriften ebenso gut herstellen lässt wie mit klassischen Texten, davon ist der Lehrer und Ausbilder Johannes Preissner überzeugt, weil die Leselust im Klassenzimmer oft erst geweckt werden müsse. Dass Persönlichkeitsbildung mit Werken der literarischen Moderne möglich ist, haben etliche Schulgenerationen gezeigt; ob es bei zeitgenössischen Stoffen ebenso funktionieren kann, wäre ein Versuch wert.

          Die festgelegten Leselisten haben zuletzt eine ganze Industrie herausgebildet. Nicht nur die Theaterhäuser reagieren in ihren Spielplänen auf die Lektürevorgaben. Wenn Frisch und Dürrenmatt gespielt werden, kann man fast sicher sein, dass Stücke dieser Autoren irgendwo zum Curriculum gehören. Auch Schulbuchverlage produzieren mittlerweile Lese- und Lernhilfen im großen Stil, die unmittelbar auf die Leselisten abgestimmt sind.

          Die Leseliste als Misstrauenserklärung

          Auch wenn die zeitgenössische Literatur keinesfalls gegen das literarische Erbe ausgespielt werden darf: Das korsetthafte Programm gibt vielen Lehrern zu wenig Gestaltungsspielraum, weil an den Leselisten nun einmal kein Weg vorbeiführt. Das hat für Johannes Preissner etwas von „Planerfüllungsdikdatik“. Er vermisst den Raum, im Unterricht außer vielleicht in einer Stunde vor den Ferien über den Tellerrand hinaus einen komplexeren Epochenbegriff in den Blick zu nehmen, der Bezüge zur Technik- und Sozialgeschichte ebenso herstellt wie zu wissenschaftlichen Strömungen anderer Künste wie Malerei, Film und Musik.

          Deshalb empfinden viele Lehrer die Listen weniger als Entlastung denn als Demotivation, weil sie darin eine Form der Misstrauenserklärung sehen, die ihnen kaum eigene Auswahlentscheidungen zugestehen. Es lässt sich darin zugleich eine Linie ziehen zu Standardisierung und Modularisierung im Studium, in dem das Sammeln von Kreditpunkten immer mehr zur höchsten Tugend gerät.

          Goele Proesmans sieht eine Grundvoraussetzung für gelungenen Unterricht darin, dass Deutschlehrer nicht zum x-ten Mal ihr Pflichtprogramm abspulen. Die Schule ist ein Ort, an dem der Kanon wesentlich fortgeschrieben wird. Gerade deshalb sollte sie, bei aller Hinwendung zum Erbe, auch gegenüber gegenwärtigen literarischen Entwicklungen aufgeschlossen sein. Die Deutschstunde sollte nicht den Anschluss an das literarische Leben verlieren, das dieser Tage in Leipzig sein Fest feiert. Daran nehmen dieses Jahr auch die obersten Bildungshüter aller Bundesländer teil. Denn diese Woche tagt auch die Kultusministerkonferenz auf der Leipziger Buchmesse.

          Weitere Themen

          Der Michael-Althen-Preis für Kritik 2021

          Bitte einsenden : Der Michael-Althen-Preis für Kritik 2021

          Zur Erinnerung an den Redakteur und Filmkritiker Michael Althen hat die F.A.Z. einen Preis ausgeschrieben. Zum zehnten Mal soll eine Form der Kritik gewürdigt werden, die analytische Schärfe und emotionale Integrität verbindet.

          Topmeldungen

          Ursprung des Pandemie-Virus oder nicht:  Das staatliche Institut für Virologie in Wuhan, das auch mit westlichen Virologen kooperiert hat?

          Shitstorms für Genpioniere : Im sozialen Strudel von Sars-Cov-2

          Der Ursprung bleibt unklar, die genetischen Tricks des Virus ein Rätsel. Zwei Genpioniere, die auch im hohen Alter nach Antworten darauf suchten, fanden sich plötzlich in Deutungskämpfen verwickelt, die in den sozialen Netzwerken toben.

          Globaler Kraftakt : Klima und Marktwirtschaft

          Das Klimathema wird vor allem von Kritikern der Marktwirtschaft vorangetrieben. Die vor uns liegende gewaltige Transformation bedarf jedoch einer leistungsfähigen Wirtschaft.
          Israels Raketenabwehrsystem Iron Dome fängt Raketen ab, die vom Gazastreifen aus abgefeuert wurden, gesehen von Aschkelon am Freitag.

          Mehr Geschosse aus Gaza : Im Hagel der Hamas-Raketen

          Laut den israelischen Streitkräften wurden seit Montag mehr als zweitausend Geschosse auf Israel abgefeuert. Das zeigt: Die Feuerkraft der Hamas und anderer Milizen ist gewachsen. Doch wie ist ihnen das gelungen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.