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Mit Ransmayr durch Peking : Im Uhrwerk liegt die Erfindung der Welt

  • -Aktualisiert am

Über einen Besuch in der Verbotenen Stadt fand Christoph Ransmayr einen Zugang in den Roman. Bild: BLOOMBERG NEWS

Christoph Ransmayr stellt in seiner Literatur das Erfundene über das Gefundene. Auf den Spuren des historischen Romans „Cox oder Der Lauf der Zeit“ durch das Peking von heute.

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          Am Ende von Christoph Ransmayrs 2016 erschienenem Roman „Cox“ zögert der Kaiser von China, der „Herr der zehntausend Jahre“, die neu gebaute Uhr für die Ewigkeit tatsächlich in Gang zu setzen. Würde sie die Allmacht jenes Mannes, der Herr über die Zeit ist, mehr noch: „die Zeit selbst war“, nicht in Frage stellen und an eine Maschine abtreten? Ransmayr erzählt in seinem Roman vom Kaiser Qiánlóng, genannt der Himmelssohn, der Gottgleiche, der Allerhöchste, der Erhabene, der Herr der Welt. Für ihn soll ein Team englischer Uhrenbauer, damals die besten überhaupt, ein Wunderwerk der Zeitmessung konstruieren.

          Länger als jeder andere Kaiser herrschte Qiánlóng im achtzehnten Jahrhundert, insgesamt mehr als sechzig Jahre. Das war in der mandschurischen Qing-Dynastie, die seit 1644 ganz China beherrschte. Erst 1911 endete sie mit Puyi, wie wir alle aus Bernardo Bertoluccis unvergesslichem Film „The Last Emperor“ (1987) wissen. Auch wenn Ransmayr in einem Epilog betont, dass Qiánlóng wie andere wirklichkeitsnahe Figuren seines Romans „keine Gestalten unserer Tage“ seien und lediglich als Vorwurf für seine „Erfindung eines Landes“ dienten, so schimmert gleichwohl zwischen den Zeilen überall auch der Machtgestus des neuen Reichs der Mitte hindurch.

          Das beginnt mit der grausamen Abstrafung einiger Börsenhändler und der qualvollen Hinrichtung von zwei Ärzten wegen angeblicher Verbreitung von Gerüchten, reicht über die „Observationsprotokolle“ des „Mienenspiels“ Verdächtiger in der Verbotenen Stadt und der Sommerresidenz Jehol und kulminiert in dem Wunsch nach uneingeschränkter, ewiger Macht. Dass Staatspräsident Chi Jinping sich diesem Ziel mit der am 11. März 2018 aufgehobenen Amtszeitbegrenzung jetzt nähert, konnte Ransmayr vor drei Jahren freilich noch nicht wissen.

          Ein einziger Satz fasst das Wunderkabinett zusammen

          Seit seinem Ovid-Pastiche „Die letzte Welt“ verteidigt der Schriftsteller sich energisch gegen den Verdacht des historischen oder – noch schlimmer – des postmodernen Romans. Dennoch hat sein Anspruch einer narrativen „Erfindung der Welt“, so der Titel seiner Kafka-Preisrede, ungeheuer viel mit der Wirklichkeit zu tun. Vieles ist aus der früheren Beschäftigung mit Reisereportagen hervorgegangen, nicht erst mit dem „Atlas eines ängstlichen Mannes“. Darin erfasst Ransmayr die gesamte Welt in siebzig prägnanten Miniaturen, die alle mit dem fast biblisch-mythischen „Ich sah“ beginnen.

          Teils erlebte, teils geschaute oder zusätzlich erlesene Schauplätze und Ereignisse liegen allen seinen Büchern zugrunde: „Morbus Kitahara“ führt in den Kurort Moor am Traunsee zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In den „Schrecken des Eises und der Finsternis“ geht es mit dem Marineleutnant Carl Weyprecht und seinem späteren Spurensucher Josef Mazzini hinauf ins sibirische Polarmeer. Im modernen Epos „Der fliegende Berg“ besteigen zwei Brüder im Himalaya einen unbenannten Berg, von dem – wie im Fall des befreundeten Reinhold Messner – nur einer zurückkehrt. Und „Cox oder Der Lauf der Zeit“ führt uns nach Peking, dort in die Verbotene Stadt und den Sommerpalast mit dem wunderbaren Kunming-See sowie die in den nordöstlichen Bergen gelegene Sommerresidenz Chengde mit dem älteren Namen Jehol.

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