https://www.faz.net/-gr0-7u037

Martin Walser : Sein Ritt über den Bodensee

Beseelt vom „Lesewunder“ der Texte Sholem Yankev Abramovitshs: Martin Walser am Montagabend im Kursaal Überlingen Bild: Jens Sikeler

Martin Walser hat sein Verhältnis zum Judentum überdacht. Gemeinsam mit Susanne Klingenstein erinnert er in Überlingen an den jiddischen Romancier Sholem Yankev Abramovitsh.

          Eine Woche ist es her, dass Günter Grass die Gelegenheit verpasst hat, in einem Lübecker Gespräch mit dem Publizisten und ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland Avi Primor ein klärendes Wort zu dem ihm seit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ unterstellten Antisemitismus zu sagen. Er beschränkte sich auf Schuldzuweisungen an seine jüdischen Kritiker.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch nach genau dieser Woche tritt am anderen Ende der Republik ein anderer hochberühmter, gleichfalls einmal des Antisemitismus verdächtigter deutscher Schriftsteller in ähnlicher Konstellation auf: Martin Walser stellt gemeinsam mit der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein, einer Koryphäe für jüdische Kulturgeschichte, im Kursaal der Stadt Überlingen am Bodensee den jiddischen Autor Sholem Yankev Abramovitsh (1835 bis 1917) vor. Klingenstein wie Walser haben jeweils gerade ein Buch über Abramovitsh geschrieben; beide werden jetzt in Überlingen vorgestellt. Von Seiten Walsers ist es eine veritable Liebeserklärung geworden. Und er versäumt dabei die Gelegenheit für ein klärendes Wort nicht.

          Walser ist, wie Grass, Jahrgang 1927 und war über Jahrzehnte hinweg eine moralische Instanz - bis seine Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998 und mehr noch sein vier Jahre später erschienener Schlüsselroman „Tod eines Kritikers“ über Marcel Reich-Ranicki heftige Verstörungen auf jüdischer Seite hervorriefen. Davon war wiederum Walser, genau wie Grass, tief verletzt; er gestand nicht einmal Missverständnisse ein. Es bedurfte des Todes von Frank Schirrmacher, um Walser in seinem Nachruf zu dem Satz zu bewegen: „Dass er im Jahr 2002 Reich-Ranicki mir vorzog, verstehe ich heute besser als damals.“

          Literarisches Kunstprodukt

          Man darf gespannt sein, wie nun Walsers Einsatz für Abramovitsh auf jüdischer Seite ankommt. Susanne Klingenstein berichtet jedenfalls, dass sie gemeinsam mit Walser derzeit in keiner jüdischen Gemeinde willkommen sei. Nur kannte bis jetzt auch noch niemand Walsers neues Buch und die darin dokumentierte, grenzenlose Begeisterung für einen Autor, in dessen Schaffen der deutsche Schriftsteller dasselbe „Genie der Zustimmung“ am Werk sieht, das auch sein eigenes Schreiben antreibt. Und den er nun in Überlingen zum Anlass für sein klärendes Wort nimmt.

          Es ist das erste öffentliche Gespräch von Walser und Susanne Klingenstein, obwohl sich beide seit mehreren Jahren kennen und in ständigem Austausch miteinander standen, während Klingenstein an ihrer gewaltigen Studie „Mendele der Buchhändler - Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh“ (Harassowitz Verlag, Wiesbaden) schrieb. Durch dieses Buch, das weitaus mehr ist als individuelle Biographie und Werkdeutung, nämlich auch eine Gründungsgeschichte der jiddischen Hochliteratur, ist Walsers Begeisterung für Abramovitsh erst geweckt worden. Deshalb hat er sein eigenes Buch, den in der kommenden Woche bei Rowohlt erscheinenden Essay „Shmekendike Blumen - Ein Denkmal für Sholem Yankev Abramovitsh“, Susanne Klingenstein gewidmet. Und sie wiederum dedizierte ihm ihr fünfhundertseitiges Werk. Beide, so erzählen sie in Überlingen, wussten dabei jeweils nichts von der entsprechenden Absicht des anderen.

          Doch es ist nicht so, als würde im restlos gefüllten Kursaal dem Publikum die harmonische Feier eines Lieblingsliteraten geboten. Klingenstein und Walser lieben ihren Abramovitsh vielmehr denkbar disharmonisch. Denn was Walser an dessen Büchern bewundert, die Feier des jüdischen Lebens in Osteuropa als wahrheitsgemäßes Porträt einer verschwundenen Welt, das sieht Susanne Klingenstein als literarisches Kunstprodukt: Natürlich basiere Abramovitshs Erzählen auf eigenen Erfahrungen, aber im Prozess der Niederschrift trete der Kunstwille in den Vordergrund. Es sei ein Missverständnis, diese Bücher wie Quellentexte zum ostjüdischen Dasein zu lesen - „sobald es ans Schreiben geht, ist alles an ihnen Erfindung“. Für Walser wiederum ist diese Aussage inakzeptabel: „Von Erfindung zu reden ist Unsinn. Diese Genauigkeit muss man erfahren haben.“ So steht die eigene Praxis des Schriftstellers gegen die ästhetische Deutung des Werks.

          Persönliches Schuldeingeständnis

          Und dagegen steht für Walser auch das eigene Verständnis fürs jüdische Leben, das er dank der Lektüre Abramovitshs erfahren habe. Damit verbunden ist ein neues Verständnis für die Monstrosität der Schoa: „Ich merke, wenn ich jetzt Abramovitsh lese, dass mich das ungeeignet macht für alles, was ich jetzt tun oder sein müsste. Ich erlebe ein Nicht-mehr-in-Frage-Kommen für das Hier und Heute. Eine vollkommene Eingenommenheit. Von ihm. Ich kann nichts dagegen tun, in mir dominiert die Mitteilung, dass wir dieses Volk umbringen wollten und zu Millionen umgebracht haben. Und dieses Volk ist mir jetzt, erst jetzt, wirklich bekannt geworden. Durch Abramovitsh.“

          Diese Ausführung - die bei böswilliger Lesart auch eine viel zu lange währende Verblendung beschreiben könnte - macht erst das in vollem Gewicht verständlich, was Walser wenige Minuten vorher im Hinblick auf den Mord am europäischen Judentum gesagt hat: „Wir, die Deutschen, bleiben die Schuldner der Juden. Bedingungslos. Also absolut. Ohne das Hin und Her von Meinungen jeder Art. Wir können nichts mehr gutmachen. Nur versuchen, weniger falsch zu machen.“ Wenn es etwas wie ein aus der kollektiven Schuldzuweisung entwickeltes persönliches Schuldeingeständnis gibt, dann ist es hier gefallen. Und wörtlich - also nachlesbar - findet es sich so auch in Walsers Essay.

          Zu dessen Titel „Shmekendike Blumen“ befragt, führt Walser aus, dass er sich für Abramovitsh auch deshalb so begeistert habe, weil ihm beim lauten Lesen die teilweise Herkunft des Jiddischen aus jenen alemannischen Dialekten aufgefallen sei, mit denen er selbst aufgewachsen ist. Was anderen Ohren nach „schmeckenden Blumen“ klinge, das seien für ihn wie für Abramovitsh „wohlriechende“, und die Erkenntnis, dass es sich beim Jiddischen um eine aus deutschen Wurzeln erwachsene Sprache handele, mache die Bösartigkeit des nationalsozialistischen Mords an den Juden auch noch zur Absurdität. Walser streckt nach zwölf Jahren also die Hand aus. Abramovitsh und Susanne Klingenstein haben sie ihm geführt.

          Weitere Themen

          Keine Angst vor Schreib-Maschinen

          Literatur im Internet : Keine Angst vor Schreib-Maschinen

          Steht das Internet der Literatur im Weg? Kathrin Passig steht virtuellen Autorenkollektiven nicht nur mit Abneigung gegenüber, doch in ihren Grazer Vorlesungen, die nun als Buch erscheinen, überschätzt sie Künstliche Intelligenz auch nicht.

          Wer ist der Mensch hinter „Der Herr der Ringe“? Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Tolkien“ : Wer ist der Mensch hinter „Der Herr der Ringe“?

          Im Biopic „Tolkien“ erfährt der Zuschauer, woher der Schöpfer von „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ seine Ideen für die weltbekannten Mittelerde-Romane nahm. Tilman Spreckelsen hat den Film bereits gesehen – und ist nicht ganz überzeugt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.