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Martin Walser : Sein Ritt über den Bodensee

Doch es ist nicht so, als würde im restlos gefüllten Kursaal dem Publikum die harmonische Feier eines Lieblingsliteraten geboten. Klingenstein und Walser lieben ihren Abramovitsh vielmehr denkbar disharmonisch. Denn was Walser an dessen Büchern bewundert, die Feier des jüdischen Lebens in Osteuropa als wahrheitsgemäßes Porträt einer verschwundenen Welt, das sieht Susanne Klingenstein als literarisches Kunstprodukt: Natürlich basiere Abramovitshs Erzählen auf eigenen Erfahrungen, aber im Prozess der Niederschrift trete der Kunstwille in den Vordergrund. Es sei ein Missverständnis, diese Bücher wie Quellentexte zum ostjüdischen Dasein zu lesen - „sobald es ans Schreiben geht, ist alles an ihnen Erfindung“. Für Walser wiederum ist diese Aussage inakzeptabel: „Von Erfindung zu reden ist Unsinn. Diese Genauigkeit muss man erfahren haben.“ So steht die eigene Praxis des Schriftstellers gegen die ästhetische Deutung des Werks.

Persönliches Schuldeingeständnis

Und dagegen steht für Walser auch das eigene Verständnis fürs jüdische Leben, das er dank der Lektüre Abramovitshs erfahren habe. Damit verbunden ist ein neues Verständnis für die Monstrosität der Schoa: „Ich merke, wenn ich jetzt Abramovitsh lese, dass mich das ungeeignet macht für alles, was ich jetzt tun oder sein müsste. Ich erlebe ein Nicht-mehr-in-Frage-Kommen für das Hier und Heute. Eine vollkommene Eingenommenheit. Von ihm. Ich kann nichts dagegen tun, in mir dominiert die Mitteilung, dass wir dieses Volk umbringen wollten und zu Millionen umgebracht haben. Und dieses Volk ist mir jetzt, erst jetzt, wirklich bekannt geworden. Durch Abramovitsh.“

Diese Ausführung - die bei böswilliger Lesart auch eine viel zu lange währende Verblendung beschreiben könnte - macht erst das in vollem Gewicht verständlich, was Walser wenige Minuten vorher im Hinblick auf den Mord am europäischen Judentum gesagt hat: „Wir, die Deutschen, bleiben die Schuldner der Juden. Bedingungslos. Also absolut. Ohne das Hin und Her von Meinungen jeder Art. Wir können nichts mehr gutmachen. Nur versuchen, weniger falsch zu machen.“ Wenn es etwas wie ein aus der kollektiven Schuldzuweisung entwickeltes persönliches Schuldeingeständnis gibt, dann ist es hier gefallen. Und wörtlich - also nachlesbar - findet es sich so auch in Walsers Essay.

Zu dessen Titel „Shmekendike Blumen“ befragt, führt Walser aus, dass er sich für Abramovitsh auch deshalb so begeistert habe, weil ihm beim lauten Lesen die teilweise Herkunft des Jiddischen aus jenen alemannischen Dialekten aufgefallen sei, mit denen er selbst aufgewachsen ist. Was anderen Ohren nach „schmeckenden Blumen“ klinge, das seien für ihn wie für Abramovitsh „wohlriechende“, und die Erkenntnis, dass es sich beim Jiddischen um eine aus deutschen Wurzeln erwachsene Sprache handele, mache die Bösartigkeit des nationalsozialistischen Mords an den Juden auch noch zur Absurdität. Walser streckt nach zwölf Jahren also die Hand aus. Abramovitsh und Susanne Klingenstein haben sie ihm geführt.

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