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Marcel Reich-Ranicki zum 100. : Lauter Verrisse

  • -Aktualisiert am

Ein weites Feld: Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass in Frankfurt 1995 Bild: dpa

Nicht aus Milzsucht: In der Einleitung zu seinem Buch „Lauter Verrisse“ legte Marcel Reich-Ranicki sein kritisches Programm dar. Es provoziert bis heute – und gerade heute, wo manche gar keine echte Kritik mehr wollen.

          3 Min.

          Tatsächlich erlaube ich mir, hier lauter Verrisse vorzulegen.“ Die vierzigseitige Einleitung zu Marcel Reich-Ranickis erster Sammlung seiner schärfsten Rezensionen, die 1970 bei Piper erschien, enthält das Programm seiner Literaturkritik. Es ist ein Programm, das bis heute provoziert, vielleicht sogar heute erst recht, und alle, die sich mit Literaturkritik beschäftigen, sollten es gelesen haben. In einem historischen Aufriss belegt er zunächst, wie hart erkämpft eine souveräne, an der Sache und am Publikum orientierte Kritik in Deutschland ist. Die „kritische Einstellung“ sei hierzulande lange „allen Ernstes und mit Erfolg als undeutsch, als etwas Fremdartiges“ diffamiert worden.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit Gewährsleuten von Lessing, dem „Vater der deutschen Kritik“, über Friedrich Schlegel („In der Tat kann keine Literatur auf die Dauer ohne Kritik bestehen“) bis zu Theodor Fontane („Schlecht ist schlecht und es muss gesagt werden“) zeichnet Reich-Ranicki die Tradition der mutigen, um der Sache willen harten Kritik gegen alle Widerstände bis in die Moderne nach. Und Widerstände gibt es viele: Sei es Goethes Vorstellung von einem Dichter, der dem Fürsten dient, oder auch die neuromantische Liebe zum Dunkel-Unklaren, nur scheinbar Tiefsinnigen: „Wo man der Beschwörung mehr traut als der Analyse“, da könne kein Platz für Kritik sein. Mit dem französischen Theoretiker Roland Barthes teilt Reich-Ranicki die Einsicht, dass Kritik im Grunde schulmeisterlich sein müsse, auch wenn manche darüber die Nase rümpfen. Die pädagogische Absicht gehöre seit eh und je zum Gewerbe, und für sie müsse man sich nicht schämen, sondern im Gegenteil skeptisch gegenüber jenen Kritikern sein, die sie nicht erkennen lassen.

          Dass die Möglichkeit, Kritik zu üben, Freiheit bedeutet, ist bei Marcel Reich-Ranicki auch eine der persönlichen Erfahrung mit dem Nationalsozialismus sich verdankende Einsicht, die bei der Lektüre seines späteren Jahrhundertbuchs „Mein Leben“ (1999) vollends verständlich wird. Noch immer spürbar ist ihm in Deutschland um 1970 eine „dumpfe, offenbar häufiger empfundene als artikulierte Abneigung, ein tiefverwurzeltes und gereiztes Mißtrauen und schließlich die ungetarnte und aggressive Feindschaft, der Haß gegen die Kritik“, dem er mit seinem Lebenswerk entgegentritt.

          Die Hudler des Lobes, was wollen sie?

          Aber zur selben Zeit hat Reich-Ranicki auch schon eine andere Gegenkraft der Kritik im Blick, die bis zu seinem Lebensende immer stärker werden sollte: die „permanente Lobhudelei“. Auch die ist natürlich damals schon nicht mehr neu, und er führt herrliche Belege wie etwa den folgenden dazu an: „Aber die Hudler das Lobes . . . ich habe mich oft gefragt, was denn diese Leute bewegen mag, jeden Quark mit dem Prädikat ,bestes Buch der letzten siebenundfünfzig Jahre‘ auszuzeichnen.“ Diesen Satz schrieb Kurt Tucholsky im Jahr 1931. In welchem Maß sein Befund sogar noch übertroffen werden sollte, hat Marcel Reich-Ranicki zum Teil noch erlebt: in einem Literaturbetrieb, der die Unterscheidung von Kritik, Klappentext und Lobhudelei zunehmend einreißt, der in bestimmten Medien auch schon gar nicht mehr die Absicht erkennen lässt, überhaupt kritisch zu sein.

          Seinen Unmut darüber hat Reich-Ranicki bis zuletzt zum Ausdruck gebracht. Was das Fernsehen betrifft, etwa in einer Sternstunde 2008, als er diesem Medium – von dem er selbst lange profitiert hatte und es wiederum von ihm, wofür man ihm einen Preis geben wollte – live in ebendiesem Medium einen denkbar harten Verriss entgegenschleuderte: „Ich nehme diesen Preis nicht an . . ., und ich finde es auch schlimm, dass ich hier viele Stunden das erleben musste.“ In den betretenen Gesichtern derer, die damit gemeint waren, zeichneten sich in diesen historischen Fernsehminuten, die eine Fortsetzung und Aktualisierung des einführenden Essays zu „Lauter Verrisse“ darstellen, Reaktionen von Erstaunen bis Entsetzen ab, aus denen man vieles herauslesen konnte. Vielleicht blankes Unverständnis, worauf sich Reich-Ranickis Kritik bezog, vielleicht gereiztes Misstrauen oder sogar eine ungetarnte Feindschaft dagegen, solche Kritik überhaupt zu äußern.

          Seitdem sind wieder mehr als zehn Jahre vergangen, in denen sich die Lage noch mal verschärft hat. Der Platz für Literaturkritik schwindet zusehends, und dies auch entgegen der angeblichen Möglichkeit dazu „im Netz“, die von vielen beschworen wird, auch von Rundfunkintendanten, die damit rechtfertigen wollen, weniger Literaturkritik im Rundfunk zu wagen. Marcel Reich-Ranickis Frage, ob es manchmal geradezu eine „Verpflichtung zum Verriss“ gebe, scheint heute prekärer denn je: Wenn das Buch ohnehin keine Aufmerksamkeit mehr hat, werden manche sagen, warum dann Energie darauf verwenden zu sagen, welche Bücher warum schlecht sind? Die Antwort kann nur lauten, dass man dadurch die guten besser erkennt. Dass der Verriss nie „aus Milzsucht“ erfolgen sollte, wie Reich-Ranicki mit Christoph Friedrich Nicolai sagt, sondern nur um der Sache willen, sollte sich von selbst verstehen.

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