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Marcel Reich-Ranicki zum 100. : Der Entschiedene

  • -Aktualisiert am

Vorbereitung aufs Quartett: Iris Radisch, Hellmuth Karasek und Marcel Reich-Ranicki Bild: Picture-Alliance

Was machte Marcel Reich-Ranickis Qualität aus? Er war ein Übertreibungskünstler, aus Hingabe zur Literatur. Ein Gastbeitrag.

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          Die nachhaltigste und beständigste Erinnerung an Marcel Reich-Ranicki ist die an seine bedingungslose Entschiedenheit. Selbst diejenigen, die sich für seine literaturkritischen Urteile kaum oder gar nicht interessierten, weil sie die Voraussetzungen, auf denen sie beruhten, nicht teilten, bewunderten sein in der Literaturkritik unübertroffenes Übertreibungskünstlertum. Anerkannt war er weniger für das, was er sagte, sondern dafür, wie er es sagte. Seine obersten Maximen für seine Kritiken und seine Fernsehsendung „Das literarische Quartett“ im ZDF waren Unterhaltsamkeit und Klarheit, beides bis heute journalistische Grundtugenden, die jedoch in der ernstzunehmenden Literaturkritik der frühen Bundesrepublik noch nicht sehr verbreitet waren.

          Der bramarbasierende Ton der westdeutschen Kriegsgeneration empörte den 1958 aus Warschau in die Bundesrepublik übergesiedelten jüdischen Kritiker. Die gefürchtete und bewunderte Schärfe seines Urteils, in der manch verletzter Autor nichts als machtgierigen Lärm erkennen wollte, bildete sich vor allem im Widerstand gegen die intellektuelle Verschwurbelung der aus der dem Totalkonkurs hervorgegangenen deutschen Literaturkritik. Als deren elendste Ausprägung stand ihm die unkritische „Kunstbetrachtung à la Goebbels“ mahnend vor Augen. Dann schon lieber den dauerhaft erhobenen Zeigefinger. „Wer nicht übertreiben will, der soll nicht schreiben“ ist eines seiner Bonmots, das an keiner Journalistenschule mehr durchgehen würde.

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