https://www.faz.net/-gr0-9zz5b

Marcel Reich-Ranicki zum 100. : Die Mitspieler des Solisten

  • -Aktualisiert am

Teofila und Marcel Reich-Ranicki 1994 im Bahnhof von Augsburg. Bild: Stefan Moses

Marcel Reich-Ranickis Heimat war die deutschsprachige Literatur, doch seinen wahren Rückhalt fand er in der Familie. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Marcel Reich-Ranicki wäre liebend gern hundert geworden, so viel steht fest. Sein Alter war ihm, auch wenn er dessen Nebenwirkungen hasste, eine Genugtuung. Und es stand ihm, auch weil es den Respekt und die Bewunderung, mit dem die Menschen ihm begegneten, noch verstärkte. Den Beinamen „großer Meister“, mit dem auch ich ihn oft ansprach, hatte Frank Schirrmacher ihm verliehen, der es schaffte, in diese Anrede sowohl Ehrerbietung als auch Ironie zu legen, eine Kombination, die „Reich“, wie er in der Redaktion meist genannt wurde, durchaus zu schätzen wusste. In den letzten Jahren nannte er mich beim Vornamen. Ihn zu duzen wäre für mich unvorstellbar gewesen.

          Als ich ihn kennenlernte, 2001, mit meinem Eintritt in die Literaturredaktion, war er Anfang achtzig, ich siebenundzwanzig. Er war durch das „Literarische Quartett“ vom großen Literaturkritiker zum Star geworden, jemand, den Angehörige aller Altersgruppen auf offener Straße um ein Autogramm baten, der sogar Werbung fürs Telefonbuch machen konnte, ohne einen Deut an Format einzubüßen. Man hat mir oft gesagt, ich hätte einen bereits altersmilden, jedenfalls sanfteren Reich-Ranicki erlebt, der mit dem schwierigen, genialen, mitunter hemmungslos ungerechten und immer temperamentvollen Literaturchef nicht mehr viel gemein gehabt habe. Das mag sein. Tatsächlich habe ich in den gut zwölf Jahren unserer zunächst rein funktionalen – ich hob wöchentlich die von ihm 1974 gegen viele Unkenrufe gegründete und fortan über Jahrzehnte mit Liebe, Akribie und Stolz eigenhändig redigierte „Frankfurter Anthologie“ ins Blatt –, später vertrauten, fast familiären Beziehung keine Konflikte mit ihm auszutragen gehabt. Außer einmal, gleich zu Beginn, als unerklärlicherweise im Druck eine Gedichtzeile fehlte und er am Telefon tobte, dass mir angst und bange wurde.

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          F.A.Z. PLUS:

            im F.A.Z. Digitalpaket

          : Aktion

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Unterstützung für Fauci in Rockport, Massachussetts

          Trump-Berater Fauci : Immun gegen Absetzungsversuche?

          Amerikas oberster Immunologe Anthony Fauci war Donald Trump schon lange lästig. Mehrmals versuchte der Präsident, seinen Berater loszuwerden. Doch der lässt sich nicht mürbe machen.