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Marcel Reich-Ranicki zum 100. : Wunschlos kritisch

Marcel Reich-Ranicki in seinem Büro in der Frankfurter Redaktion. Bild: Helmut Fricke

Wie war Marcel Reich-Ranicki als Literaturchef dieser Zeitung? Er hatte ein Programm und Handreichungen für seine Rezensenten. Ihre Integrität war ihm so wichtig wie seine eigene.

          3 Min.

          Als Marcel Reich-Ranicki am 1.Dezember 1973 Literaturchef dieser Zeitung wurde, hatte er schon ein Programm dafür im Kopf und begonnen, rund um die Welt die ihm dafür passenden Autoren anzuwerben. So schrieb er am 7. November an den in Melbourne lehrenden Germanisten Gerhard Schulz: „Sind Sie bereit – dass Sie es können, weiss ich genau –, leicht und temperamentvoll und so ungermanistisch wie möglich zu schreiben?“ Schulz war es, und Reich-Ranicki köderte ihn zusätzlich mit „einem großen Brocken“: einem Sammelband über die deutsche Literatur der Weimarer Republik. Das waren die Schaffensjahre seiner eigenen Heroen, deren Werke Reich-Ranicki als Schüler in Deutschland noch kennengelernt und gelesen hatte. Die Beschäftigung mit Exilautoren war eine Säule seines künftigen Programms.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Eine weitere sollte Literatur aus der DDR werden, für die Reich-Ranicki ebenfalls aus biographischen Gründen großes Interesse besaß – und dezidierte Meinungen. Die erwartete er auch von seinen Rezensenten, und so sind seine Begleitbriefe zu vergebenen Büchern oftmals kleine Handreichungen hinsichtlich dessen, was Reich-Ranicki daran jeweils interessierte – und somit auch die von ihm beauftragten Kritiker zu interessieren hatte. Es war wiederum Schulz, der einen konkreten Ratschlag empfing, als Reich-Ranicki ihn 1974 mit der Besprechung von Günter Hofés Roman „Schlußakkord“ beauftragte: „Sie werden sich gewiß bemühen, in Ihrer Besprechung vor allem das Exemplarische und Symptomatische dieses DDR-Produkts zu betonen.“

          Reich-Ranicki war also nicht nur ein Erzieher der deutschen Nachkriegsgesellschaft, wie Karl Heinz Bohrer es in seinem obenstehenden Essay ausführt, sondern auch ein Zuchtmeister seiner Mitarbeiter. Das ging bis zu den Lyrikern, die ihm Gedichte zum Abdruck schickten – die dritte neue Säule seines literarischen F.A.Z.-Programms bildete die Lyrik. An Günter Kunert etwa schrieb Reich-Ranicki 1987 über dessen eingesandtes Gedicht „Das Komma“: „Ich habe überhaupt den revolutionären Einfall, die ersten beiden Zeilen und ebenso die letzten beiden ersatzlos zu streichen. Und schließlich schlage ich vor, den Titel zu ändern in: ,Steine‘ oder auch ,Steine und andere‘. Sie werden gleich sagen, ich solle mir meine Gedichte selber schreiben. Ich aber bin eher geneigt, einen Anteil am Honorar in Anspruch zu nehmen.“

          Doch die Integrität seiner Mitarbeiter war Reich-Ranicki in Wahrheit so wichtig wie die eigene. „Was tun?“, schrieb er in einer der für seine Rhetorik charakteristischen Selbstbefragungen, als ihn Anfang Dezember 1986 der Verriss eines Rezensenten zu einem Buch erreicht hatte, das ein anderer seiner regelmäßigen Mitarbeiter, zudem ein enger Freund seit Jahrzehnten, verfasst hatte. Und er antwortete dem Rezensenten: „Wir werden Ihre Kritik bringen, wir streichen kein einziges Wort.“ Doch etwas werde er für den Buchverfasser tun: „Nicht viel, doch dies, glaube ich, dürfen wir tun. Wir werden Ihre Rezension erst nach Weihnachten bringen, um so dem Autor weder das Weihnachtsgeschäft zu verderben noch Einfluß auszuüben auf andere Rezensenten.“ Es wurde Reich-Ranicki nicht gedankt: Der befreundete Buchautor beschwerte sich im Januar beim damaligen Herausgeber Joachim Fest über die Kritik. Reich-Ranickis Antwort ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Die Qualität der Rezension zu beurteilen bist Du nicht imstande. Der Autor weiß genau, was er wollte, und eben dieses Wissen versperrt ihm den Blick auf das reale Resultat, das er geliefert hat.“

          Solche Offenheit und Unbestechlichkeit machten Reich-Ranicki unbeliebt. Bei manchen Schriftstellern, die er als Mitarbeiter gewinnen wollte, scheiterte er, so etwa bei Günter Grass. „Ein für allemal sollten Sie wissen: Die Spalten dieser Zeitung stehen immer zu Ihrer Verfügung“, hatte er Grass kurz nach seinem Antritt als Literaturchef geschrieben. Das verfing nicht, und kurz vor dem Abschied von seinem Posten begnügte Reich-Ranicki sich damit, sardonisch anzumahnen, Grass möge wenigstens seine offenen Briefe künftig auch an die F.A.Z. verschicken.

          Man wird das Wort nicht so leicht mit ihm in Verbindung bringen, doch Reich-Ranicki ließ oft Milde walten, nicht beim Urteil selbst, sondern durch Unterdrückung des Urteils. Zwei Regeln galten bei ihm unumstößlich: Literarische Debüts werden nicht verrissen und auch nicht die Werke von verdienten älteren Autoren. Im Falle der anderen galt ihm: Hart auf hart, das macht Spaß. Als der Literaturwissenschaftler Herbert G. Göpfert sich bitter über einen im August 1980 erschienenen Artikel Reich-Ranickis zu Elias Canetti (dessen Lektor Göpfert gewesen war) beklagte, zögerte der Literaturchef seine Antwort zweieinhalb Monate hinaus und beschloss sie dann so: „Ich habe mich gefreut, von Ihnen, wenn auch unter etwas seltsamen Umständen, zu hören. Aber so ist es nun seit über zwanzig Jahren. Ich glaube nicht, daß sich da etwas ändern wird, daß ich also imstande sein werde, als Kritiker ihre Wünsche zu erfüllen.“ Wunscherfüllung war nie sein Metier.

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