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Prousts Fragebogen : Vertrauliches für eine Dame namens Blanche

Der französische Schriftsteller Marcel Proust Bild: Picture-Alliance

Die Kölner Bibliotheca Reiner Speck präsentiert das gelöste Geheimnis von Marcel Prousts erstem Fragebogen. Darin wird die Identität einer Verehrten Prousts aufgedeckt – mithilfe mühsamer Recherchearbeit.

          4 Min.

          Es gibt ein längst vergriffenes japanisches Buch, das sehr viel über Marcel Proust weiß. Weil Philip Kolb, der Herausgeber der Korrespondenz des Schriftstellers, nach 21 Bänden keine Energie mehr hatte, auch noch ein Gesamtregister zu erstellen – er starb unmittelbar nach dem redaktionellen Abschluss des Jahrzehnte währenden Projekts –, machte sich Kazuyoshi Yoshikawa gemeinsam mit elf weiteren Landsleuten an nicht weniger als einen Generalindex zu diesem gewaltigen Briefwechsel: mit allen Korrespondenzpartnern natürlich, aber auch mit allen darin erwähnten Personen, Orten, Büchern und Artikeln, jeweils kurz kommentiert – ein veritables Lexikon des Lebens Marcel Prousts. Das Ganze benötigte noch einmal achthundert Seiten und erschien 1998 auf Französisch. Da die gesamte höchst aktive japanische Proust-Gesellschaft die Arbeit der zwölf Philologen mit Hinweisen unterstützte, blieben nur sehr wenige Fragen ungeklärt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Eine davon war die Identität eines Mädchens, das Proust am 15. April 1887, wenige Tage nach seinem sechzehnten Geburtstag, in einem der frühesten erhaltenen Briefe erwähnt: eine gewisse Blanche. Sie hatte sich, so berichtet Proust der Adressatin des Schreibens, Antoinette Faure, in den Champs-Elysées einen Faustkampf mit einem anderen Mädchen geliefert. Die zweite Kombattantin wird von Proust mit vollem Namen genannt: Marie Benardaky. Kein Wunder, denn er war, so berichtet er es jedenfalls dreißig Jahre später, damals in Marie verliebt, ohne dass die es gewusst hätte.

          Man kennt das psychologische Muster der Beschwörung einer großen Liebe durch Nennung ihres Namens gegenüber gemeinsamen Bekannten, wie Antoinette Faure eine war: Sie, Marie und Marcel waren jugendliche Spielkameraden in den Champs-Elysées und somit Vorbilder für die entsprechenden berühmten Szenen im ersten Teil von Prousts Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Auch Blanche gehörte zu diesem Kreis, doch sie war dem jungen Marcel scheinbar nicht mehr wert als die Nennung ihres Vornamens. Mehr hatte auch Yoshikawas „Index générale de la correspondance de Marcel Proust“ nicht zu bieten: „Blanche – prénom d’une fille aux Champs-Elysées“.

          Fragebogen war über Generationen in Blanches Familie

          Doch urplötzlich ist diese Blanche in den Mittelpunkt des Interesses der Proust-Forschung gerückt, denn ihr Name ist seit diesem Sommer verknüpft mit der aufsehenerregendsten Neuentdeckung, die in jüngerer Zeit zu Proust gemacht wurde: dem im vergangenen Jahr aufgetauchten Fragebogen „Mes confidences“ (meine Vertraulichkeiten), den der damals noch Fünfzehnjährige am 25.Juni 1887, also nur drei Wochen vor seinem Brief an Antoinette Faure, ausgefüllt hatte. Im Fin de siècle war die Abgabe solcher Bekenntnisse zu privaten Vorlieben ein verbreitetes Gesellschaftsspiel in ganz Europa; Empfänger der jeweiligen „Vertraulichkeiten“ waren Freunde oder Bekannte der Antwortenden.

          Proust nahm offenbar besonders gerne an diesem jeu à la mode teil: Schon lange waren zwei ähnliche von ihm ausgefüllte Fragebogen bekannt, einer davon erst in jüngerer Zeit von Évelyne Bloch-Dano auf den 4.September 1887 datiert und für Antoinette Faure ausgefüllt, der andere zeitlich noch nicht genau bestimmbar, aber jedenfalls nach 1891 beantwortet, vielleicht für Jeanne Pouquet, eine weitere Jugendliebe. Diesen beiden Exemplaren verdankte sich der Ruhm des „Proustschen Fragebogens“, wie ihn auch diese Zeitung jahrelang in ihrem Magazin benutzt hat. Und nun gibt es also einen dritten, der – als einziger von Proust selbst datiert – zugleich wohl der früheste ist.

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