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Rilke-Nachlass in Berlin : Ein großer Tag für die deutsche Literatur

Was bietet das Rilke-Archiv Gernsbach konkret? Zum Beispiel diesen Brief von Paul Valéry an Rilke, wohl aus dem Jahr 1925. Bild: DLA Marbach

Die Dinge verstehn, dass du sie rühmst: In Berlin wurde der Nachlass des Dichters Rainer Maria Rilke vorgestellt, den das Deutsche Literaturarchiv in Marbach von seinen Erben erworben hat.

          3 Min.

          Ein hellgraues Blatt Papier, Kleinformat, mittig gefaltet, Bürobedarfs-Qualität. Auf der linken Seite, mit Bleistift geschrieben, neun Zeilen unterschiedlicher Länge: „Mitten im Hingang hats / keine andere Zuflucht / als dein verwandelndes / Herz um dort unsicht- / bar zu sein. / So bring von dieser / Neigung zum / Hiesigen das Deutliche mit –“. Eine Dichternotiz, das ist klar. Das wirklich Dramatische aber passiert auf der rechten Seite des Blattes. Hier beginnt der Text in Schräglage, scheint zu entgleisen, wird riesengroß und schließlich beinahe unlesbar: „im Hingang es hat keine andere Zuflucht“ – dann ist das Blatt voll.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wir sind im Jahr 1922, im Chateau Muzot im oberen Schweizer Rhonetal, es ist Anfang Februar, und Rainer Maria Rilke schreibt die „Duineser Elegien“. Er beendet, was er vor zehn Jahren im italienischen Schloss Duino begonnen hat, und wieder ist es, als hörte er Stimmen, die ihm sein Weltgedicht diktieren, als führte eine fremde Macht seine Hand. „Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur / Heilige hörten“: Er schreibt, wo immer er geht und steht, in Hefte und auf lose Blätter, und dies hier ist eines davon. „Im Hingang hats keine andere Zuflucht“ – der Satz gehört in die Notate zur neunten Ele­gie, die mit der Liebeserklärung des Dichters an die Erde endet, deren Traum es ist, „einmal unsichtbar zu sein“. Immer sei sie im Recht gewesen, schreibt Rilke, „und dein heiliger Einfall / ist der vertrauliche Tod.“ Vier Jahre später stirbt er in einem Schweizer Sanatorium an Leukämie.

          Rilkes „Taschenbuch 13“ von 1909 unter anderem mit Notizen zu den  „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“
          Rilkes „Taschenbuch 13“ von 1909 unter anderem mit Notizen zu den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ : Bild: DLA Marbach

          Seit heute gehört das Manuskriptblatt von 1922 zu den Schätzen des Deutschen Literaturarchivs in Marbach und damit zum jetzt weltweit größten Archivbestand zu Leben und Werk des in Prag geborenen Dichters, dessen Stimme auch im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht verstummen wird. Der Grund für die sensationelle Vergrößerung der Marbacher Bestände ist die Erwerbung des im badischen Gernsbach aufbewahrten Nachlasses aus den Händen von Rilkes Urenkelinnen (F.A.Z. vom 30. November). Über die ge­naue Höhe des einstelligen Millionenbetrags, der, wie man hört, für die Dokumente bezahlt wurde, schweigt sich das Literaturarchiv weiterhin aus, aber die Liste der Institutionen, die den Ankauf unterstützt haben, gibt es freimütig preis. Es sind ne­ben der Behörde von Kulturstaatsministerin Claudia Roth die Baden-Württemberg Stiftung, die Kulturstiftung der Länder, die Wüstenrot Stiftung, die Siemens Stiftung und die Berthold Leibinger Stiftung. Offenbar hält sich der Anteil des Bundes, gemessen an dem der Stiftungen, in Grenzen: ein kulturföderaler Triumph.

          Mehr als zehntausend handschriftliche Seiten, 8800 Briefe, davon zweieinhalbtausend von Rilke selbst, und gut vierhundert Bücher aus seiner Bibliothek umfasst der Gernsbacher Nachlass. Eine Auswahl da­von stellte das Marbacher Archiv zusammen mit seinen Förderern am Donnerstag in Berlin vor. Es war, man kann es nicht anders sagen, ein historischer Tag für die deutsche Literatur. Viel ist im kollektiven Gedächtnis ja nicht mehr übrig von der Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts; selbst Stefan George, der lange Zeit mit Rilke in einem Atemzug genannt wurde, ist inzwischen eine Angelegenheit für Spezialisten. Aus der ersten Jahrhunderthälfte haben Brecht, Rilke und Benn überdauert, aus der zweiten Bachmann und Celan. Ein ­Au­to­graph des Schöpfers der „Duineser Ele­gien“ und des „Stundenbuchs“ ist so ge­­sehen kein bloßes Schriftgut, sondern na­tionales Kulturerbe. Zehntausend solcher Erbstücke aber sind ein Schatz, dessen Wert sich mit Geld nicht beziffern lässt.

          Entwurfsblatt zur neunten „Duineser Elegie“, Februar 1922
          Entwurfsblatt zur neunten „Duineser Elegie“, Februar 1922 : Bild: DLA Marbach

          Etwa das Notizbuch von 1909, in dem Rilke Eindrücke einer Spanienreise festhält – überall sieht er El Grecos Bilder, in Madrid die „Auferstehung“ und die „Ausgießung des heiligen Geistes“, in Toledo das „Begräbnis des Grafen Orgaz“. Oder das erste der „Sonette an Orpheus“, das er in seiner schön geschwungenen, von großen O- und S-Bögen gekrönten Schrift für eine Verehrerin kopiert hat: „Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung!“ Lou Andreas-Salomé, die Frau, die ihm diese Schönschrift anerzogen hat, nimmt in einem ebenfalls in Berlin gezeigten Brief vom Ja­nu­ar 1901 von ihrem Ge­lieb­ten Ab­schied: „Jetzt wo alles um mich in lauter Sonne und Stille steht und die Lebensfrucht sich reiß und süß gerundet hat, kommt mir eine letzte Pflicht . . .“. Über der Seite steht, statt einer Anrede: „Letzter Zuruf“.

          So geht es weiter: ein Brief Rilkes an Hu­go von Hofmannsthal, in dem er ihm die Zusendung von Gedichten ankündigt; das Manuskript der Erstfassung der „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, eine Essenseinladung des Kollegen Paul Valéry mit der virtuosen Tuschezeichnung einer Schlange, eine mit Korrekturen versehene Fassung des fünften Orpheus-Sonetts. In drei Jahren, zum hundertfünfzigsten Geburtstag des Dichters, will das Marbacher Literaturarchiv seine Rilke-Bestände in einer großen Ausstellung ausbreiten, die ein ganzes Jahr lang, bis zum hundertsten Todestag, zu sehen sein soll. Bis dahin mag man sich mit der Einsicht trösten, dass dies alles, vom kleinsten Zettel bis zur Bibliothek, nun erst einmal ge­sich­tet, sortiert und digital aufbereitet werden muss.

          Die Notiz von 1922 hat Rilke übrigens nicht in die neunte Duineser Elegie übernommen. Statt dessen heißt es in der Endfassung des Gedichts, dass „diese von Hingang lebenden Dinge verstehn, daß du sie rühmst; vergänglich / traun sie ein Rettendes uns, den Vergänglichsten, zu“. Ein Rettendes: Das ist das Archiv.

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