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Manuskript-Ausstellung : Der Dämon testiert seine Niederlage

Victor Hugo schreibt nach Geisterdiktat: Protokoll der Séance am 4. Juni 1855 Bild: Dpt. des Manuscrits, BnF

Nach einer Séance, vor der Hinrichtung, aus dem Gefängnis oder dem Irrenhaus: Die Ausstellung „Manuscrits de l’extrême“ in der Pariser Nationalbibliothek versammelt außergewöhnliche Handschriften.

          In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sprang eine amerikanische Mode auf Europa über: Kommunikation mit Geistern, die sich durch das Ruckeln eines kleinen Tischchens mitteilten. Victor Hugo, 1852 mit seiner Familie, der Geliebten und einigen Getreuen im Exil auf der Kanalinsel Jersey angekommen, war für diesen Verkehr mit der Geisterwelt rasch gewonnen. Zwei Jahre lang, bis zum Herbst 1855, wurden im erweiterten Familienkreis regelmäßig Geister willkommen geheißen, die sich befragen ließen und dem Tischchen ihre Antworten mit geklopftem Alphabet diktierten.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Eine Fülle von Texten kam da zustande, die zwar nicht vollständig erhalten, aber doch in einem eindrückliches Konvolut auf die Nachwelt gekommen sind (sie wurden erst Jahrzehnte nach Hugos Tod publiziert). Unübersehbar ist, dass die in ihnen zu Wort kommenden Geister hugoesker Art sind. Schon dass nicht nur große Gestalten aller Zeiten unter ihnen defilieren, sondern etwa auch der Ozean, der Tod oder die Kritik, lässt das erkennen; und die Tonlage ihrer Diktate nicht minder. Welche sympathetischen Prozesse da während der Séancen am Werk waren, darüber lässt sich nur spekulieren, denn ein literarischer Scherz oder gar eine Täuschung scheiden als Erklärungen aus. Der Tisch jedenfalls war, selbst wenn kapriziöse Geister nicht immer mitspielten, ein produktiver Autor (sogar auch Zeichner), und Hugo dachte gar nicht daran, sich selbst zuzuschreiben, was er aus „dem Unbekannten“ geschöpft hatte. Für prophetisch anmutende Rede hatte er schließlich eigene Ressourcen genug.

          Besessenheit, Gefahr, Leidenschaft und Gefängnis

          In einer Ausstellung der Bibliothèque nationale in Paris kann man gerade zwei Protokolle von Séancen in Jersey in Augenschein nehmen. Da der visitierende Geist in einem Fall darauf bestand, dass alle Lichter gelöscht werden, verrutschten dem an diesem Abend zur Aufzeichnung bestellten Hugo die notierten Buchstaben und Worte, was sich eindrucksvoll „geisterhaft“ ausnimmt. Von diesen Seiten kann man kurzerhand zu einigen Blättern von Henri Michaux übergehen, entstanden während dessen ersten Meskalin-Trips Mitte der fünfziger Jahre. Auch hier hat man eine entgleiste Schrift vor Augen, ohne Geistereinwirkung zwar, aber um Unbekanntes ging es auch hier – um die Mechanismen, welche die eingespielten Wege der Wahrnehmung aufhoben.

          „Manuscrits de l’extrême“, so lautet der Titel der Pariser Ausstellung. Sie zeigt Manuskripte, die Schreiben unter Bedingungen äußerster Ausgesetztheit vor Augen führen. Unter vier Überschriften haben die Kuratoren diese Bedingungen dafür gebracht: Besessenheit, Gefahr, Leidenschaft und Gefängnis (im Französischen um einiges schnittiger: Possession, Péril, Passion, Prison). „Possession“ mag zwar für die Schreibsituationen von Hugo und Michaux etwas überdramatisiert wirken, aber ein paar Schritte weiter und man steht vor dem Dokument eines berühmten und oft untersuchten Falls von Besessenheit, nämlich der Nonnen im Ursulinenkloster von Loudun im Jahr 1634. Ausgestellt ist die vom Dämon Asmodeus der Priorin Jeanne des Anges diktierte und sogar von ihm unterzeichnete Erklärung, sich einem Exorzismus gefügt zu haben. Etwas später stößt man etwas überrascht auf Blaise Pascals „Mémorial“, mustert Robert Desnos‘ musterhaft surrealistische Traumprotokolle oder versucht Antonin Artauds „Fluch über Hitler“ – ein an die Berliner Reichskanzlei adressierter Brief, entstanden in einer psychiatrischen Anstalt 1939 –, zu entziffern.

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