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Schriftstellerin Ulla Hahn : Für mehr Achtsamkeit im Umgang mit der Sprache

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Worte können wie Gift in kleinen Dosen wirken: Ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit im Umgang mit der Sprache. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          „Die Sprache ist das Haus des Seins“, hat Martin Heidegger geschrieben. Sprache ist (auch) ein Werkzeug. Wie handhaben wir dieses Werkzeug und die Bausteine und mit welchen Folgen? Mit welchen Absichten und mit welchen Wirkungen? Sprache macht den Menschen aus, sie ist das Mittel jedes Menschen zur sozialen und politischen Kommunikation. Und hier besteht eine ganz besondere Verantwortung für jeden Demokraten. Trotz unterschiedlicher Beurteilungen von Tatsachen und trotz unterschiedlicher Interessen sollten Demokraten immer bemüht sein, so nahe wie möglich bei den Fakten zu bleiben und unterschiedliche Meinungen verständlich zur Sprache zu bringen: Denn schließlich sind die Empfänger der Botschaften zumeist keine Fachleute. Doch gerade in der Vereinfachung und Überspitzung liegt dann auch eine gefährliche Verlockung zu täuschender und verletzender Polemik. Das Wort auf die Goldwaage legen, das gilt nicht nur für Poeten.

          Als ich kürzlich von dem Wunsch einer Welt ohne Polizei las, verbunden mit dem Vorschlag, die endlich arbeitslosen Polizisten auf der „Mülldeponie“ zu beschäftigen, wo sie „unter ihresgleichen“ dann eben „wirklich nur von Abfall umgeben“ seien, erinnerte ich mich an die diffamierende Sprache vor Jahrzehnten im linksradikalen Lager, als aus Polizisten „Bullen“ wurden, aus Terroristen „Kämpfer“, aus Menschen „Typen“, aus Unternehmern „Kapitalisten“ und aus vielen Politikern „Schweine“ – und am Ende machte die RAF aus gewalttätigen Worten blutige Taten. Worte zeigten und erzeugten Gesinnung.

          Deutlich wird, damals wie heute: Jeder Streit um Worte ist nie ein Streit um Worte allein, sondern immer auch ein Streit um Absicht und Ziel. Jede Entscheidung im Bereich der öffentlichen Sprache ist auch eine politische Entscheidung. Mit Folgen in der Ding- und Körperwelt des Menschen. Und hier gibt es heute im Zeitalter der „neuen“ Medien viele neue Gelegenheiten, das „Haus des Seins“ zum Einsturz zu bringen.

          Die Frage ist, wer Herr ist

          Als ein Schüler Konfuzius fragte, was dieser tun würde, hätte er morgen die Leitung des Staates inne, antwortete der: „Ich würde zuerst die Bedeutung der Worte festlegen. Wenn die Bedeutungen nicht klar sind, stimmen die Worte nicht. Stimmen die Worte nicht, so kommen die rechten Werke nicht zustande. Kommen die rechten Werke nicht zustande, so gedeihen Kunst und Moral nicht. Darum sorge der Edle, dass er seine klaren Begriffe zu Worten und seine Worte zu Taten werden lasse, und dulde nicht, dass in seinen Worten irgendetwas in Unordnung ist.“

          Schriftstellerin Ulla Hahn, 2018.

          „Kannst du denn ein Wort so benutzen, wie du es willst?“, fragt Alice aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ den verrückten Hutmacher. Und der antwortet: „Die Frage ist nicht, was ein Wort wirklich bedeutet. Die Frage ist, wer Herr ist und wer nicht.“ Diktatoren waren und sind sich der Macht der Sprache stets bewusst. Lenin, der sich viel mit Sprachfragen beschäftigt hat, kam zu dem Schluss: „Die wesentliche Voraussetzung für die Zerstörung bestehender Ordnungen ist die Zerstörung der Sprache.“

          Unsere Vorfahren mussten das im Nationalsozialismus erleben. Propaganda war das Wort der Stunde, Propaganda, deren Erfolg natürlich vom optimal manipulativen Einsatz der Sprache abhängig war. Zum Beispiel mit dem Verbot des Gebrauchs gewisser Wörter: „Es gibt bestimmte Wörter, die wir scheuen müssen wie der Teufel das Weihwasser, dazu gehören zum Beispiel die Worte Sabotage und Attentat. Man darf solche Worte gar nicht erst in den Alltagsjargon gehen lassen“, so Joseph Goebbels, Chef des eigens für ihn geschaffenen Propagandaministeriums, der Radio und „Volksempfänger“ zu missbrauchen wusste wie heutzutage gewisse populistische Politiker Twitter.

          Worte können Arsendosen sein

          Wer wissen will, wie Gehirnwäsche durch Sprachsteuerung wirken kann, lese das heute wieder hochaktuelle Buch „LTI – Die unbewältigte Sprache“. Geschrieben hat dieses „Notizbuch des Philologen“ über die Lingua tertii imperii (die Sprache des „Dritten Reiches“) Victor Klemperer, Professor der Romanistik, den die Nazis wegen seiner jüdischen Abkunft aus der Universität verbannt hatten. In dem 1947 erschienenen Buch hat der sensible Sprachwissenschaftler seine Beobachtungen zu den Folgen infamer Manipulationen zusammengetragen und die Wirkung beschrieben, die er sogar bei sich selbst bemerkte. „Irgendwann“, so Klemperer. „überwältigte mich die gedruckte Lüge, wenn sie von allen Seiten auf mich eindringt, wenn rings um mich her nur von wenigen, von immer wenigeren und schließlich von keinem mehr Zweifel entgegengebracht werden..., die als Prahlen und Lügen erkannte Propaganda wirkt dennoch, wenn man nur die Stirn hat, sie unbeirrt fortzusetzen... Der Nazismus glitt in Fleisch und Blut in die Menge über durch Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewusst übernommen wurden... Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“

          Höchst aktuell, nicht wahr? Und nicht nur in der Twitterwelt. Bleiben wir wachsam: „Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen“, hat Dolf Sternberger 1957 in „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ festgestellt.

          Worte, Sätze, Sprache sind das Fundament nicht nur unserer kulturellen, sondern auch unserer politischen Verantwortung. Mit dem leichten Zugang zum öffentlichen Wort über die sozialen Medien ist unsere Verantwortung noch einmal gestiegen.

          Wie heißt es doch so zutreffend im Talmud?

          Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.

          Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.

          Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.

          Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.

          Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.

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