https://www.faz.net/-gr0-93n6h

Kaiserin Michikos Lyrik : So funkelt dieses Land

Bereits ihr Vater versorgte sie früh mit klassischer japanischer Lyrik: Kaiserin Michiko ist seit ihrer Kindheit eine begeisterte Lyrikerin. Bild: Reuters

In Japan dichtet die Kaiserin persönlich. Michiko, die Gattin des Heisei-Tenno Akihito, ist seit ihrer Kindheit eine begeisterte Lyrikerin. Nun sind erstmals Gedichte von ihr ins Deutsche übersetzt worden.

          Es sind alles Tanka, japanische Gedichte, die einem festen Silbenschema gehorchen, wie es auch die berühmteste Form, das Haiku, tut. Das aber ist ganz kurz: fünf Silben in der ersten Zeile, sieben in der zweiten, noch einmal fünf in der dritten. Ein Tanka bietet mehr Platz, weil es dem Schema 5 – 7 – 5 – 7 – 7 gehorcht, insgesamt also 31 Silben umfasst. Die Übersetzung in andere Sprachen ist extrem anspruchsvoll, und beim Tanka hat sich im Gegensatz zum Haiku eingebürgert, dass man dem vorgegebenen Silbenschema in anderen Sprachen nicht sklavisch folgt, wenn es der inhaltlichen Genauigkeit nutzt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So verhält es sich denn auch bei den deutschen Übersetzungen der Gedichte von Kaiserin Michiko, die der Bonner Japanologe Peter Pantzer besorgt hat. Niemand kann mehr Autorität für seine Versionen in Anspruch nehmen als Pantzer, denn die Übertragungen wurden in Tokio akribisch geprüft. Natürlich überlässt eine japanische Kaiserin nichts dem Zufall: So wurden alle deutschen Fassungen ihrer Gedichte von einem japanischen Germanisten ohne Kenntnis des Originals zurück in die Ausgangssprache übersetzt, um dann abzugleichen, wie nahe sie der ursprünglichen Version kamen. Gegebenenfalls musste nachgebessert werden, und so ist eine Textgestalt entstanden, die möglichst genau dem entspricht, was Kaiserin Michiko ausdrücken wollte – auch ohne Wahrung der klassischen Versform.

          Bilderstrecke

          Michiko, geboren 1934, ist seit 1959 mit Akihito verheiratet, dem damaligen Kronprinzen, der 1989 Kaiser von Japan werden sollte. Anlässlich des Todes seines Vaters und Vorgängers Hirohito, des Showa-Tenno, schrieb Michiko eines der fünf hier abgedruckten Gedichte. Dessen letzte Zeile charakterisiert mit der ungewöhnlichen Formulierung „Und erwachte, in tiefe Einsamkeit“ – erwartet hätte man „in tiefer Einsamkeit“ – die Dauerhaftigkeit der Trauer: Die Einsamkeit bleibt tief, auch übers Erwachen hinaus.

          Der eigene Vater versorgte die spätere Kaiserin früh mit klassischer japanischer Lyrik, und Michiko fand darin die ihr gemäße Ausdrucksform. Prägende eigene Erlebnisse wie die Geburt ihrer Kinder sind deshalb ebenso Thema ihrer Tanka wie markante Ereignisse, so etwa in unserer Auswahl die Sprengung der Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan durch die Taliban 2001. Dreißig Jahre zuvor hatte das japanische Kaiserpaar Afghanistan bereist und dabei die riesigen Skulpturen besichtigt, was damals Anlass für ein erstes Bamiyan-Gedicht von Michiko war. Das berührendste „aktuelle“ Werk der Kaiserin ist aber sicher das 2011 unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima entstandene Poem „Der Frühling in diesem Jahr“.

          Insgesamt hat Peter Pantzer fünfzig Gedichte übersetzt; sie erscheinen kommende Woche unter dem Titel „Nur eine kleine Maulbeere. Aber sie wog schwer“ als Buch im Herder-Verlag, jeweils ergänzt durch die auch von uns verwendeten Kalligraphien des Originaltextes, die Hakko Ishitobi angefertigt hat, der Berater des Kaiserhofs in kalligraphischen Fragen.

          Weitere Themen

          Hakuna Matata Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Der König der Löwen“ : Hakuna Matata

          25 Jahre nach dem Original kommt „Der König der Löwen“ als Neuverfilmung zurück in die Kinos. Die Tricktechnik überwältigt, doch der Spagat zwischen Königsdrama und Tierdoku will nicht so ganz gelingen.

          Topmeldungen

          CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer

          Kritik an AKK : „Eine Zumutung für die Truppe“

          Aus der Opposition gibt es heftige Kritik an der Ernennung von Annegret Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin. Kanzlerin und Union würden die „gebeutelte Bundeswehr“ für Personalspielchen missbrauchen, beklagt die FDP.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.