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Lese-Community „LovelyBooks“ : Die wahren Vorlieben der Leserschaft

  • -Aktualisiert am

Henriette Baronin Pereira-Arnstein mit ihrer Tochter Flor Pereira-Arnstein. Die Baronin, Gattin des Bankiers Heinrich Pereira-Arnstein, führte den literarisch-musikalischen Salon ihrer Mutter weiter. Hier ist sie auf einem Gemälde von Friedrich von Amerling zu sehen. Bild: Picture-Alliance

LovelyBooks heißt die führende deutschsprachige Lesegemeinschaft im Netz. Ist das eine Bestseller-Verkaufsmaschine oder eher das Lektüremodell der Zukunft? Ein Besuch bei den höflichsten Kommentatoren des Internets.

          Social Reading ist also das neue Ding. Dabei geht es nicht um betreutes, sondern um gemeinschaftliches, das heißt laufend durch alle Teilnehmer kommentiertes Lesen in Sozialen Netzwerken. Es könnte gut sein, dass dies zur vorherrschenden Art und Weise wird, Literatur zu konsumieren.

          Berührende Leseeindrücke mitzuteilen ist freilich nicht neu. Heinrich von Kleist etwa „postete“ am 22. März 1801 eine zackige Rezension zu Immanuel Kants dickster Schwarte an seine „Followerin“, vulgo Verlobte, Wilhelmine von Zenge. Der Drama-King von Berlin brach die „Kritik der reinen Vernunft“ auf die - an den Intentionen des Autors zwar stramm vorbeigehende, aber als Leseeindruck voll gültige - Einsicht in Twitterlänge herunter, dass nichts gewiss sei in Bezug auf die Erkenntnis: „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün“ - und ebendas gelte erschütternderweise auch für die Wahrheit.

          Noch weit erschütternder ist es jedoch, wenn man bemerkt, dass verschiedenfarbige Augengläser kursieren und die eigene Wahrheit längst nicht mehr derjenigen der Mehrheit entspricht. So steht man etwa als feuilletongeprägter Bestsellerlistenignorant zunächst einigermaßen entgeistert vor der größten deutschsprachigen Online-Literaturplattform LovelyBooks, auf der eine riesige Community beneidenswert enthusiastisch Bücher wälzt. Es ist der lebendige Buchmarkt - und man erkennt nichts wieder. Jamie McGuire, Emma Hart, Aileen P. Roberts, Kevin Hearne, Abby Clements, Tom Finnek, Martin Krist oder Samantha Young heißen etwa die auf der Startseite ins Auge springenden Edelfedern, die offenbar mordsbeliebte Liebes-, Ritter-, Fantasy-, Kriminal- und Erotikromane verfasst haben. Und so geht das immer weiter beim Durchklicken: Namen über Namen, die man noch nie gehört hat.

          Erst mit der Suchfunktion finden sich Kommentare zu anspruchsvollen Werken, die in einigen Fällen sogar über Inhaltsangabe plus Gefallensäußerung hinausgehen. Eine Ausnahme ist auch die Hitliste der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller nach 1945. Aktuell angeführt wird sie - wir sagen einmal: verdientermaßen - von Michael Ende, der sich knapp vorbeigeschoben hat an Susanne Ulrike Maria Albrecht, Urheberin des unterschätzten Meisterwerks „Verdächtige und andere Katastrophen“ im ebenfalls unterschätzten „Verlag 3.0 Zsolt Majsai“. Dahinter folgen Patrick Süskind, Bernhard Schlink, Daniel Kehlmann und Günter Grass. Martin Walser auf Rang acht mag sich darüber wundern, dass die Frauenromane am laufenden Band hervorwuppende Kerstin Gier ihn locker überholt hat. Ihm dicht auf den Fersen ist Karsten Kruschel, laut Selbstbeschreibung „Krankenpfleger, Lehrer, Funker, Kfz-Lagerist, Pförtner, wissenschaftlicher Assistent, Projektleiter, Chefredakteur, Public-Relations-Berater, eBay-Shop-Betreiber und Call-Center-Agent“, ein Multitalent also, das nun auch Seiten vollschreibt unter Titeln wie „Galdäa - Die ungeschlagene Schlacht“.

          Fast alle anderen Hitlisten sind bis zum Rand mit Unterhaltungsliteratur gefüllt. Vermutlich ist das lediglich ein Abbild der wahren Vorlieben der deutschen Leserschaft. Doch es ist etwas anderes, was an LovelyBooks auffällt: der respektvolle Umgangston. Statt Zynismus und Aggression, wie sonst so verbreitet in großen Internetforen, gibt es hier nichts als Wohlwollen. Das mag daran liegen, dass Frauen in der Mehrheit sind. Vielleicht sind Leser auch einfach bessere Menschen.

          Vor etwa zehn Jahren schwappte eine wahre Gründungswelle für Online-Bücherplauderzirkel durch das Netz. Fast immer ging es um individuelle Buchregalvergleiche im Sozialen Netzwerk, eine typische Idee aus der Hochphase des Web 2.0. So hat auch LovelyBooks im Jahr 2006 begonnen und seinen Grundstock an Lesermeinungen aufgebaut. Heute stehen hinter den größten Social-Reading-Netzwerken längst die Branchenriesen, schließlich lassen sich hier nicht nur mengenweise Bücher verkaufen, sondern auch aussagekräftige Kundenprofile gewinnen. LovelyBooks, betrieben von der Aboutbooks GmbH, einer hundertprozentigen Tochter der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, hat die übrigen hiesigen Bücher-Communities wie Buechertreff, Reliwa, Vorablesen oder Bloggdeinbuch abgehängt, steht aber international großen, mehrsprachigen Konkurrenten gegenüber. Der Schatten eines guten Bekannten fällt auch über diese Branche, wenngleich Sandra Dittert, die Geschäftsführerin von LovelyBooks, im Gespräch mit dieser Zeitung keineswegs von einem Angstgegner sprechen möchte.

          Amazon sammelt Leserkommentare nicht nur auf seiner Hauptseite an. Der Gigant aus dem Silicon Valley übernahm im Jahr 2008 auch das große Buchnetzwerk Shelfari und kaufte sich via Abebooks als Minderheitsgesellschafter in das ähnliche Angebot Librarything ein. Vor allem aber besitzt Amazon seit 2013 - und längst elegant mit den Digitalangeboten aus dem Kindle-Universum verwoben - das Portal Goodreads, das heute dreißig Millionen Mitglieder zählt. Bei Amazons Töchtern geht es allerdings immer aggressiver um Marketing und Verkauf, nicht mehr so sehr um das Community-Erlebnis. Das könnte ein entscheidender Fehler sein.

          Die Konkurrenz machte oft keine gute Figur. Englische Verlage beteiligten sich im Jahre 2010 am Kauf des aus Hongkong stammenden Portals Anobii, das unter Führung des Medienunternehmens HMV zur Amazon-Alternative ausgebaut werden sollte. Die Anteilsmehrheit aber ging schon 2012 an die Supermarktkette Sainsbury’s über, welche den zugehörigen E-Book-Store abtrennte und die Plattform weiterverkaufte an den italienischen Verlagskonzern Mondadori.

          Was von der Community nach der Odyssee übrig blieb, wirkt nicht gerade aufregend. Gewissermaßen das amerikanische Pendant zu Anobii sollte Bookish sein, ein weiteres Buchportal mit allem Empfehlungs-Klimbim, das drei der größten amerikanischen Verlagshäuser - Hachette, Penguin und Simon & Schuster - nach vielen Querelen 2013 an den Start brachten. Bereits ein Jahr später wurde es dem jungen E-Book-Anbieter Zola Books zur Ausschlachtung überlassen. Das im Jahr 2009 mit viel Tamtam gegründete Sozialnetzwerk Bookarmy des amerikanischen Verlags HarperCollins, der zu Rupert Murdochs News Corporation gehört, hielt sogar nur ein Jahr durch.

          Fast alle Portale - auch Reader2, Bookjetty, Bookswelike oder Listal gehören dazu - greifen neben eigenen Datenbanken auf den Amazon-Katalog zu. Die meisten von ihnen liefern aber auch nicht viel mehr als Amazon selbst, nämlich eine Vielzahl an individuellen Bewertungen und diverse Bücherlisten. LovelyBooks hebt sich von den meisten Wettbewerbern ab durch die Strategie, die Autoren sehr viel stärker einzubinden. Permanent finden hier autormoderierte „Leserunden“ statt (als Köder dienen Freiexemplar-Verlosungen). Häufig gibt es Livestream-Lesungen, bei denen Rückfragen aus der Community möglich sind. Außerdem sind viele Autoren jederzeit im Netzwerk erreichbar. Auch Self-Publishing-Autoren sollen in Zukunft stärker eingebunden werden.

          Der Grundgedanke von LovelyBooks, so Sandra Dittert, sei immer noch derselbe wie bei der Gründung: Es gehe um das Entdecken, Diskutieren und Empfehlen von Büchern sowie um Autor-Leser-Vernetzung. Doch die Ansprüche der Nutzer hätten sich verändert, vor allem in den letzten Jahren, in denen auch die Bedeutung des E-Books zugenommen habe. Die Mitglieder legten nun mehr Wert auf Community-Funktionen zum quasi lesesimultanen Austausch und auf das Stöber-Erlebnis wie in einer Buchhandlung. In diesem Sinne wurde LovelyBooks vor zwei Jahren umfassend überarbeitet. Das Portal unterscheidet sich seither in der Optik stark von Angeboten, die für die gezielte Suche nach Titeln optimiert sind. Stattdessen bekommt man zum Einstieg zahlreiche Kategorien mit Empfehlungen aus der Community, Autoren-Aktionen und nutzergenerierte Hitlisten angeboten. Kurzkommentare poppen neben großen Buchcovern auf.

          „Wir wollen eine Wohlfühlatmosphäre schaffen, die es Lesern leichtmacht, immer etwas Neues und Unerwartetes in der Bücherwelt zu entdecken und sich miteinander zu vernetzen“, sagt die Geschäftsführerin in vollendeter Werberhetorik. Der „Social Reading Stream“ kann in andere Websites eingebaut werden oder ist gleich aus dem E-Book erreichbar. Mit der neuen Funktion des prozentgenauen „Lesestatus“ sei man einem Nutzerwunsch nachgekommen. „Lesechroniken“ nach dem Muster „Schnappatmung auf Seite 187“ lassen sich mit anderen Nutzern teilen. Das Konzept bewährt sich offenbar. Die Nutzerzahlen haben sich in den letzten beiden Jahren verdreifacht auf heute 1,2 Millionen Unique User im Monat bei 165 000 angemeldeten Mitgliedern.

          Ökonomisch betrachtet, handelt es sich um effektive Verlags-PR, bei der die Holtzbrinck-Verlage übrigens keineswegs bevorzugt behandelt werden. Zahlen zum Budget gibt man bei LovelyBooks nicht heraus, aber die Rechnung scheint aufzugehen; immerhin muss ein Team von zehn Mitarbeitern und viel Technik bezahlt werden. Die Nutzung der Website ist für Leser und Autoren kostenlos. Das Geschäftsmodell beruht auf Werbe- und Affiliate-Erlösen. Geld kommt also vor allem herein durch Anzeigen auf der Website, durch Verlinkungen zu Buchhändlern - etwa zur Amazon-Seite - oder durch individuelle Paketangebote an Verlage: LovelyBooks übernimmt dann beispielsweise die gesamte Abwicklung einer Livestream-Lesung.

          Unkritisch sind die „Rezensionen“ auf LovelyBooks nicht, von denen es knapp eine halbe Million gibt. Allerdings folgt Kritik fast immer dem „Gefällt mir

          nicht“-Muster: Thema nicht ansprechend, der Held verhält sich falsch, die Geschichte scheint nicht glaubhaft. Das ist oft sympathisch direkt: „Naja. Das Ende ist nicht ganz so schlimm, wie es hätte sein können, aber trotzdem einfach nur doof.“ Auch die begeisterten Rezensionen stellen so gut wie immer auf den Inhalt ab, bewerten Rührungspotential und Glaubwürdigkeit: „Die Charaktere sind echt und mitfühlend. Ich kann nur eins sagen: lest es, lest es, lest es!!!!!!! Unbedingt!!!!)“ Die 4200 registrierten Autoren treten gern als Werkerklärer in Erscheinung, wie in diesem Fall Kerstin Hohlfeld: „Liebe Wiebke, tut mir leid, dass dich das Ende enttäuscht hat. Aber bitte vergiss nicht: Luisa liebt Björn, das macht sie sich am Schluss auch noch einmal deutlich klar.“ Den Tod des Autors konnten sich nur weltfremde Poststrukturalisten ausdenken. Der Autor ist im Zeitalter der digitalen Zersplitterung mehr Autorität denn je.

          Die Inhalts- und Geschmacksfixierung markiert den Hauptunterschied zur etablierten Literaturkritik, die sich vor allem für die Form zu interessieren hat. Natürlich sind auf Fantum oder gefühlter Abneigung basierende Empfehlungen legitim, notwendig scheint diese Ausrichtung aber nicht. Damit stellt sich die Frage, ob nicht auch anspruchsvollere Autoren von einer solchen selbstmoderierten Debatte über ihre Bücher profitieren könnten, wenn man sie mehr aufs Stilanalytische lenkte. Sich zu engagieren sei ja auch immer Typenfrage, sagt Sandra Dittert. Da hätten die Bestsellerautoren die Nase vorn. Was eine ziemliche Untertreibung ist: Es machen bislang kaum Autoren des gehobenen Spektrums mit. Einige Deutsche-Buchpreis-Longlistkandidaten wie Ulrike Draesner, Martin Lechner, Sasa Stanisić oder Thomas Melle haben sich immerhin kurz den Fragen der Community gestellt. Letzterer gab sich ganz angetan: „Es war jetzt doch ein Fulltime-Dayjob, aber es hat viel mehr Spaß gemacht, als ich Skeptiker es erwartet hatte.“

          Vor allem die Verlage betonen unisono, wie wichtig die Präsenz in Buchnetzwerken ist. Beim Rowohlt Verlag heißt es, verkaufstechnisch seien die Aktivitäten von LovelyBooks „auf jeden Fall spürbar“. Aber auch jenseits des Holtzbrinck-Kosmos ist das Angebot gefragt. Der DuMont Buchverlag arbeitet in Sachen Social Reading sogar beinahe ausschließlich mit LovelyBooks zusammen. Hier erreiche man die meisten Multiplikatoren, deren Meinungen dann auch an vielen anderen Stellen im Netz auftauchten, sagt die für „digitale Entwicklungen“ zuständige Mitarbeiterin Katharina Waltermann. Das wäre also der Marketing-Grund für ein Vorpreschen unserer Besten in die Online-Zirkel.

          Noch wichtiger ist aber vielleicht, dass ein Massenportal wie LovelyBooks nicht einfach nur Massengeschmack abbildet - nicht umsonst sind Bestseller ja Bestseller -, sondern diesen immer stärker kanalisiert. Wenn man da nicht mitmischt, kann es sein, dass irgendwann alle Menschen durch rosalila Gläser auf Bücher blicken und nichts als rosalila Literatur sehen.

          OLIVER JUNGEN

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