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Lese-Community „LovelyBooks“ : Die wahren Vorlieben der Leserschaft

  • -Aktualisiert am

Unkritisch sind die „Rezensionen“ auf LovelyBooks nicht, von denen es knapp eine halbe Million gibt. Allerdings folgt Kritik fast immer dem „Gefällt mir

nicht“-Muster: Thema nicht ansprechend, der Held verhält sich falsch, die Geschichte scheint nicht glaubhaft. Das ist oft sympathisch direkt: „Naja. Das Ende ist nicht ganz so schlimm, wie es hätte sein können, aber trotzdem einfach nur doof.“ Auch die begeisterten Rezensionen stellen so gut wie immer auf den Inhalt ab, bewerten Rührungspotential und Glaubwürdigkeit: „Die Charaktere sind echt und mitfühlend. Ich kann nur eins sagen: lest es, lest es, lest es!!!!!!! Unbedingt!!!!)“ Die 4200 registrierten Autoren treten gern als Werkerklärer in Erscheinung, wie in diesem Fall Kerstin Hohlfeld: „Liebe Wiebke, tut mir leid, dass dich das Ende enttäuscht hat. Aber bitte vergiss nicht: Luisa liebt Björn, das macht sie sich am Schluss auch noch einmal deutlich klar.“ Den Tod des Autors konnten sich nur weltfremde Poststrukturalisten ausdenken. Der Autor ist im Zeitalter der digitalen Zersplitterung mehr Autorität denn je.

Die Inhalts- und Geschmacksfixierung markiert den Hauptunterschied zur etablierten Literaturkritik, die sich vor allem für die Form zu interessieren hat. Natürlich sind auf Fantum oder gefühlter Abneigung basierende Empfehlungen legitim, notwendig scheint diese Ausrichtung aber nicht. Damit stellt sich die Frage, ob nicht auch anspruchsvollere Autoren von einer solchen selbstmoderierten Debatte über ihre Bücher profitieren könnten, wenn man sie mehr aufs Stilanalytische lenkte. Sich zu engagieren sei ja auch immer Typenfrage, sagt Sandra Dittert. Da hätten die Bestsellerautoren die Nase vorn. Was eine ziemliche Untertreibung ist: Es machen bislang kaum Autoren des gehobenen Spektrums mit. Einige Deutsche-Buchpreis-Longlistkandidaten wie Ulrike Draesner, Martin Lechner, Sasa Stanisić oder Thomas Melle haben sich immerhin kurz den Fragen der Community gestellt. Letzterer gab sich ganz angetan: „Es war jetzt doch ein Fulltime-Dayjob, aber es hat viel mehr Spaß gemacht, als ich Skeptiker es erwartet hatte.“

Vor allem die Verlage betonen unisono, wie wichtig die Präsenz in Buchnetzwerken ist. Beim Rowohlt Verlag heißt es, verkaufstechnisch seien die Aktivitäten von LovelyBooks „auf jeden Fall spürbar“. Aber auch jenseits des Holtzbrinck-Kosmos ist das Angebot gefragt. Der DuMont Buchverlag arbeitet in Sachen Social Reading sogar beinahe ausschließlich mit LovelyBooks zusammen. Hier erreiche man die meisten Multiplikatoren, deren Meinungen dann auch an vielen anderen Stellen im Netz auftauchten, sagt die für „digitale Entwicklungen“ zuständige Mitarbeiterin Katharina Waltermann. Das wäre also der Marketing-Grund für ein Vorpreschen unserer Besten in die Online-Zirkel.

Noch wichtiger ist aber vielleicht, dass ein Massenportal wie LovelyBooks nicht einfach nur Massengeschmack abbildet - nicht umsonst sind Bestseller ja Bestseller -, sondern diesen immer stärker kanalisiert. Wenn man da nicht mitmischt, kann es sein, dass irgendwann alle Menschen durch rosalila Gläser auf Bücher blicken und nichts als rosalila Literatur sehen.

OLIVER JUNGEN

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