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Hiesige Hörbuch-Vorlieben : Lokales Glück

  • -Aktualisiert am

Neu ist die nordische Nähe zu Drachen nicht: Tierkopfpfosten aus dem Schiffsgrab von Oseberg in Norwegen. Bild: Picture-Alliance

Ratgeber im Südwesten, Elfenhaftes im Norden, Biographien in der Hauptstadt: Die Daten einer Hörbuch-Plattform offenbaren die regionalen Präferenzen. Durchaus vielsagend.

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          Im Zeitalter der Globalisierung ist „regional“ die neue Leitkultur. Ob im Biomarkt, bei Urlaubszielen oder in Kriminalromanen, überall herrscht die Devise „brutal lokal“. Weil sich daraus bisweilen interregionale Spannungen ergeben, gibt es inzwischen sogar Coaches für interkulturelles, also entschärfendes Training. Sie wollen dem Münsteraner, der auf die Oberpfälzerin trifft, den Kulturschock nehmen. Gerade bei erotischen Präferenzen jedoch offenbaren sich deren Grenzen – folgerichtig auch beim Humor –, worüber der Bayer lacht, will der Sachse gar nicht wissen –, und nicht zuletzt bei Tisch, wenn der Hesse allein zurückbleibt vor seinem in Essig und Zwiebeln getränkten Käse.

          Regionale Ethnologie betreibt nun auch die Amazon-Tochter Audible. Dort hat man die Hörbuch-Downloads des Jahres 2017 ausgewertet und einen Atlas hiesiger Hörgewohnheiten erstellt. Die Bundesländer, so viel wird schnell deutlich, unterscheiden sich auch da nicht unerheblich voneinander. So werden in Bayern mehr Regionalkrimis gehört als irgendwo sonst im Land; man darf annehmen, dass es sich um solche handelt, die im Bayerischen spielen, denn auch im Verbrechergewerbe wird gelten: „Mia san mia.“ In Berlin hingegen schätzt man die biographische Erzählung. Sicher ist es kein Zufall, dass gerade die Hauptstädter nach Lebensgeschichten gieren, die von Großem und Außergewöhnlichem künden: Steve Jobs, Warren Buffett oder Alexander von Humboldt – drunter machen sie es nicht.

          Dass Berlin sich auch als Zukunftslabor versteht, verrät die Vorliebe für Science Fiction, während dort fiktive Romanzen, anders als etwa bei den liebestollen Mecklenburgern, verschmäht werden. Warum aber steht bei Brandenburgern die Verschwörung so hoch im Kurs? Und haben die Ostdeutschen wirklich so wenig zu lachen, dass ihnen der Sinn vor allem nach humoristischen Romanen wie „Ich schenk Dir die Hölle auf Erden“ steht? Die Badener und die Württemberger konsultieren am häufigsten Ratgeber in Sachen Lebensführung: Ausgerechnet in Freiburg und Tübingen will man wissen, wie das geht mit der Kunst des guten Lebens.

          Während Drachen, Elfen und Trolle vor allem in Küstennähe von sich reden machen: In Niedersachsen und Schleswig-Holstein leben die Vielhörer des Einhorn-Genres. Doch was nur fängt man an mit derlei Erkenntnissen? Werden bayerische Verlage künftig noch mehr Semmeldiebe auf den Markt bringen, und wird Brandenburg mit weiteren konspirativen Spreewaldgurken versorgt? Oder werden sie kontratopisch vorgehen und Berliner Schnulzen oder hessische Comedy anregen? Dass man in Schleswig-Holstein von Lebenshilfe nichts hören will, liegt jedoch auf der Hand: Im Norden weiß man längst, wie es sich gut lebt: Dem jüngsten Glücksatlas zufolge leben dort – brutal lokal – die glücklichsten Deutschen.

          Sandra Kegel
          (S.K.), Feuilleton

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