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Lob des Lesens : Ungefesselte Phantasie

Zur Not reicht eine Leiter: Blaustrumpf, ins Lesen vertieft, Illustration aus den zwanziger Jahren. Bild: Mary Evans Picture Library / Picture-Alliance

Es könnte sein, dass weniger gelesen wird, und vielleicht sogar, dass die Autoren flachere Bücher schreiben. Aber es wird immer eine Gemeinschaft von Lesenden geben. Sie hat das bessere Leben.

          6 Min.

          Vor vielen Jahren sprach eine junge Frau an einer deutschen Universität zum Thema „Student und Arbeitsmarkt“. Es ging um die Frage, wie all diese Philologen und Philologinnen im Hörsaal jemals einen Job kriegen sollten. Die junge Frau am Podium hatte an ebendieser Universität eine Magisterarbeit über Flaubert geschrieben, doch nun sprach sie als eine, die es draußen in der Welt geschafft hatte: Sie leitete die Presseabteilung eines Dachverbands der holzverarbeitenden Industrie, und sie bekam ganz offenbar Geld dafür. Kein übler Sprung, dachten wir, von „Madame Bovary“ dorthin! Natürlich saß uns allen derselbe Zweifel im Nacken: Was war unser Lesen überhaupt wert in einer Gesellschaft, die Holz nicht nur zu Büchern, sondern auch zu Obstkisten, Barhockern und Industriepaletten verarbeitete?

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Seitdem haben die Universitäten um Bücher und das Lesen praxisnahe Studiengänge geschaffen. Aber auch wir selbst, die Leser, die Leserinnen, fühlen uns mächtig umworben. Offenbar muss man sich um uns Sorgen machen – um unsere Zahl, den entsprechenden Artenschutz und auch um die Industrie, die uns beliefert. Dabei weiß jeder Leser, dass das Lesen unendlich und unzerstörbar ist. Verlage sind „gut“, wenn sie unsere Lieblingsautoren in schöner Ausstattung herausbringen, entlegene Texte aufspüren und dergleichen. Ob sie damit am Markt überleben, ist nicht mehr unser Problem. Am krassesten zeigt sich das, wenn wir im Antiquariat ein nagelneues Buch zu einem Viertel des Ladenpreises erwerben; für den Verlag waren das mal Remittenden, und irgendwann wurden sie für einen lächerlichen Preis verramscht.

          Das Gesums, das sich um das Lesen erhoben hat, ist also mehrstimmig – einerseits ermutigend, andererseits ein Dekadenzphänomen. Und ob manche Bücher Signale kultureller Selbstvergewisserung oder aber von Nostalgie senden, steht auch noch nicht fest. Ein charmanter Bestseller wie „84, Charing Cross Road: Eine Freundschaft in Briefen“ ist so ein Buch. Helene Hanff erzählte darin – 1970! – von einer Londoner Buchhandlung in der Nachkriegszeit. Doch erst 2002 wurde das Werk ins Deutsche übersetzt und ein riesiger Erfolg. Bücher werden darin tatsächlich zu einer Welt für sich, einer Sache, die Menschen auf verschiedenen Kontinenten verbindet und auch von Entbehrungen ablenkt. Kaum weniger aufwühlend ist „Lolita lesen in Teheran“ von Azar Nafisi (deutsch 2008), denn hier geht es um die Freiheiten des Lesens in einer unfreien Gesellschaft.

          Eine aussterbende Art

          Heute, heißt es, drohe etwas anderes: Die Leser sterben aus. Die Nachgeborenen daddeln vor allem auf digitalen Endgeräten. Sind die Hürden beim Lesen wirklich so hoch? Nein, sagen jene, die seit dem achten oder neunten Lebensjahr regelmäßig lesen, mit Büchern aufgewachsen sind und abends vorgelesen bekamen. Lesen ist eine Gewohnheit, auch eine Sucht. Für Junkies wie uns hat Alberto Manguel vor zwanzig Jahren seine „Geschichte des Lesens“ verfasst. Eine der unerwarteten Erfahrungen, die er in seinem Vorwort beschreibt, hätte eigentlich die erste, die allergewöhnlichste Erwartung sein müssen: dass es eine „weltweite Gemeinde von Lesern“ gab, die an anderen Orten und unter ganz anderen Lebensumständen ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie er und von den gleichen „Initiationsriten, Offenbarungen und Obsessionen“ zu berichten wussten. Wir sind wirklich eine große Familie, könnte man sagen, all die Büchernarren und Lesewütigen, die Schatzjäger und Bibliophilen. Doch niemand von uns weiß, wie unsere hübsche Bücherwelt in zwanzig Jahren aussehen wird.

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