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Lob des Lesens : Ungefesselte Phantasie

Zur Not reicht eine Leiter: Blaustrumpf, ins Lesen vertieft, Illustration aus den zwanziger Jahren. Bild: Mary Evans Picture Library / Picture-Alliance

Es könnte sein, dass weniger gelesen wird, und vielleicht sogar, dass die Autoren flachere Bücher schreiben. Aber es wird immer eine Gemeinschaft von Lesenden geben. Sie hat das bessere Leben.

          Vor vielen Jahren sprach eine junge Frau an einer deutschen Universität zum Thema „Student und Arbeitsmarkt“. Es ging um die Frage, wie all diese Philologen und Philologinnen im Hörsaal jemals einen Job kriegen sollten. Die junge Frau am Podium hatte an ebendieser Universität eine Magisterarbeit über Flaubert geschrieben, doch nun sprach sie als eine, die es draußen in der Welt geschafft hatte: Sie leitete die Presseabteilung eines Dachverbands der holzverarbeitenden Industrie, und sie bekam ganz offenbar Geld dafür. Kein übler Sprung, dachten wir, von „Madame Bovary“ dorthin! Natürlich saß uns allen derselbe Zweifel im Nacken: Was war unser Lesen überhaupt wert in einer Gesellschaft, die Holz nicht nur zu Büchern, sondern auch zu Obstkisten, Barhockern und Industriepaletten verarbeitete?

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Seitdem haben die Universitäten um Bücher und das Lesen praxisnahe Studiengänge geschaffen. Aber auch wir selbst, die Leser, die Leserinnen, fühlen uns mächtig umworben. Offenbar muss man sich um uns Sorgen machen – um unsere Zahl, den entsprechenden Artenschutz und auch um die Industrie, die uns beliefert. Dabei weiß jeder Leser, dass das Lesen unendlich und unzerstörbar ist. Verlage sind „gut“, wenn sie unsere Lieblingsautoren in schöner Ausstattung herausbringen, entlegene Texte aufspüren und dergleichen. Ob sie damit am Markt überleben, ist nicht mehr unser Problem. Am krassesten zeigt sich das, wenn wir im Antiquariat ein nagelneues Buch zu einem Viertel des Ladenpreises erwerben; für den Verlag waren das mal Remittenden, und irgendwann wurden sie für einen lächerlichen Preis verramscht.

          Das Gesums, das sich um das Lesen erhoben hat, ist also mehrstimmig – einerseits ermutigend, andererseits ein Dekadenzphänomen. Und ob manche Bücher Signale kultureller Selbstvergewisserung oder aber von Nostalgie senden, steht auch noch nicht fest. Ein charmanter Bestseller wie „84, Charing Cross Road: Eine Freundschaft in Briefen“ ist so ein Buch. Helene Hanff erzählte darin – 1970! – von einer Londoner Buchhandlung in der Nachkriegszeit. Doch erst 2002 wurde das Werk ins Deutsche übersetzt und ein riesiger Erfolg. Bücher werden darin tatsächlich zu einer Welt für sich, einer Sache, die Menschen auf verschiedenen Kontinenten verbindet und auch von Entbehrungen ablenkt. Kaum weniger aufwühlend ist „Lolita lesen in Teheran“ von Azar Nafisi (deutsch 2008), denn hier geht es um die Freiheiten des Lesens in einer unfreien Gesellschaft.

          Eine aussterbende Art

          Heute, heißt es, drohe etwas anderes: Die Leser sterben aus. Die Nachgeborenen daddeln vor allem auf digitalen Endgeräten. Sind die Hürden beim Lesen wirklich so hoch? Nein, sagen jene, die seit dem achten oder neunten Lebensjahr regelmäßig lesen, mit Büchern aufgewachsen sind und abends vorgelesen bekamen. Lesen ist eine Gewohnheit, auch eine Sucht. Für Junkies wie uns hat Alberto Manguel vor zwanzig Jahren seine „Geschichte des Lesens“ verfasst. Eine der unerwarteten Erfahrungen, die er in seinem Vorwort beschreibt, hätte eigentlich die erste, die allergewöhnlichste Erwartung sein müssen: dass es eine „weltweite Gemeinde von Lesern“ gab, die an anderen Orten und unter ganz anderen Lebensumständen ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie er und von den gleichen „Initiationsriten, Offenbarungen und Obsessionen“ zu berichten wussten. Wir sind wirklich eine große Familie, könnte man sagen, all die Büchernarren und Lesewütigen, die Schatzjäger und Bibliophilen. Doch niemand von uns weiß, wie unsere hübsche Bücherwelt in zwanzig Jahren aussehen wird.

          Das größte Vergnügen beim Lesen? Man kann immer und überall eine andere Gedankenwelt betreten. Meistens eine, die sich lohnt, die einen beschäftigt, ergreift, bezaubert. Lesen ist erst einmal zweckfrei. Es hat kein „Ergebnis“. Dabei geht die Beschäftigung so tief, als stünde ein Leben auf dem Spiel. Sind Lesende einmal in die Lektüre versenkt, kann um sie herum ruhig Getöse herrschen, eine Tür zufallen und eine Espressomaschine zischen. Sie sind längst abgetaucht, unerreichbar. Allein zu sein, ohne einsam zu sein, auch das definiert den Idealzustand der Leserin.

          Wie schnell man liest, wählt man selbst, und man braucht keinen Knopf dafür. Oder wie viel und wie lange. Hier ist nichts zu leisten, nichts zu schaffen oder zu beweisen: Das Buch dient mir, nicht umgekehrt. Manche lesen mit Bleistift, mehr ohne. Die allermeisten Leser ziehen Papier dem Bildschirm vor, weil sie wissen, dass die Erinnerung sich am liebsten an physische Merkmale klammert – Textur, Farben, Gerüche, die Materialität des Einbands, die Bewegung beim Umblättern der Seite. Deshalb wirken auch ungelesene Bücher im Regal, die man täglich sieht, subtil auf uns ein. Hier sind wir, sagen sie. Lass dich nicht stören. Vielleicht brauchst du drei Jahre, um uns herauszunehmen, vielleicht sieben. Aber irgendwann wird es so weit sein. Nichtleser kann man übrigens schlecht vom Sinn des Lesens überzeugen. Leser dagegen finden einander immer und fühlen sich verbunden. Nichtleser haben: nichts.

          Reiche der Sehnsucht

          Ich habe mal herumgefragt, was das Lesen für andere bedeutet. Ein Freund sagte: „Allein zu sein! In Ruhe gelassen zu werden, meine eigene Welt zu haben.“ Ob er schon als Kind so viel gelesen habe, fragte ich ihn. „Ja“, lautete die Antwort. „Nur zwischen fünfzehn und achtzehn habe ich Blödsinn gemacht.“ Ich fragte den Nächsten. „Lesen ist ubiquitär“, sagte der, „ich kann es im Himalaja ebenso tun wie am Meeresboden, vorausgesetzt, ich habe eine Tauchkugel.“

          Aufschlussreich ist, dass die mit Lesen verbrachten Stunden in der Rückschau nicht bereut werden, obwohl wir viele der Bücher, die wir damals gelesen haben, nicht wieder anrühren würden. Die verlesene Zeit erlebt in der Erinnerung oft einen wundersamen Wertzuwachs, wie Aktien, die lange in der Truhe lagen und unbemerkt gestiegen sind.

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          Das hat verschiedene Gründe. Einer ist, dass man als Leser – wie als Mensch, als Sportler oder Schachspieler – einen Weg mit den üblichen Kurven zurückzulegen hat. Bücher verbinden uns mit unserer eigenen Geschichtlichkeit. Wir erkennen uns noch in unseren Lektüren. Deshalb ist die Lesegruppe, der Lesezirkel ein so reizvolles Band zwischen innerem und äußerem Leben. Ein weiterer Grund ist, dass aktive Leser das Gelesene in der Phantasie nachbearbeiten. Schon der Anblick des gelesenen Buchs im Regal erinnert sie daran. Auch wer sich nur noch bruchstückhaft an das Aussehen früherer Wohnungen oder der vor dreißig Jahren abgelegten Kleidung erinnert, bewahrt ein genaues, manchmal leuchtendes Bild von den Geschichten, mit denen er sich vor langer Zeit einmal beschäftigt hat – je weiter zurück, desto intensiver.

          Denn dies waren Welten, die er oder sie bewohnen wollte. Orte der Zuflucht, Reiche der Sehnsucht, der ungefesselten Phantasie. Kaum etwas in der Kindheit ist so positiv besetzt wie das „heimliche Lesen“. Offenbar gibt es ein Bewusstsein davon, dass Bücher zu bestimmten Zeiten wichtig sind, weil sie uns auf einen Weg bringen, den wir anderenfalls nicht gefunden hätten; weil sie uns helfen in einer Zeit, in der andere Hilfe nicht zu haben gewesen wäre; weil sie uns auf eine Weise beschäftigen, animieren und antreiben, uns festhalten, orientieren und trösten, wie es zu dieser Zeit nichts und niemand anderes gekonnt hätte.

          Mitleben, Mitempfinden, Mitreflektieren

          Zwischen Lesen und Erinnerung besteht ein magisches Verhältnis. Deswegen erinnern wir uns nicht nur an Gelesenes, sondern auch an Orte, an denen wir bestimmte Autoren gelesen haben. Filmabende mit Freunden könnten nie dasselbe leisten, denn für dieses innere Erleben muss man allein sein. Der Segen des Lesens ist, unter anderem, die völlige Kommunikationsstille. Nur ein Mensch und ein Buch. Dann ein erster Satz wie: „Anfang Juli, es war außerordentlich heiß, trat gegen Abend ein junger Mann aus seiner Kammer, die er in der S.-Gasse zur Untermiete bewohnte, auf die Straße hinaus...“ (Dostojewskij, „Verbrechen und Strafe“). Oder: „An einen Spaziergang war an diesem Tag nicht zu denken.“ So beginnt Charlotte Brontës „Jane Eyre“, einer der größten Romane über die Emanzipation des Menschen durch neugieriges Lesen.

          Schopenhauer, der so viele kluge Sachen zu Büchern geschrieben hat – etwa, dass wir die Zeit, sie zu lesen, beim Erwerb von Büchern nicht mit kaufen –, lag ausgerechnet bei der menschlichen Phantasieleistung während der Lektüre falsch: „Wenn wir lesen“, schrieb er, „denkt ein anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Prozess.“ Daher, so dachte Schopenhauer, werde uns die Denkarbeit beim Lesen abgenommen; eigentlich sei unser Kopf „nur der Tummelplatz fremder Gedanken“.

          Stimmt aber nicht ganz. Die fremden Gedanken laufen ja durch uns hindurch, setzen ihrerseits Gedanken und Gefühle frei, die nichts mit den Absichten des Autors zu tun haben müssen, und während wir das eine tun (Lesen), geschieht im Inneren der Lesenden etwas sehr komplexes anderes, für welches das Wort „Denken“ nicht ausreicht: Es ist Mitleben, Mitempfinden, Mitreflektieren, und wer wissen will, wie daraus eine Schule der Wahrnehmung werden kann, greife nach dem Roman „Bildnis einer Dame“ von Henry James.

          Wie ein Pianist ein Klavierstück zum Leben erweckt, hat die britisch-jamaikanische Schriftstellerin Zadie Smith einmal gesagt, so sind auch gute Leser(innen) gefordert, ein Buch mit allen Sinnen lebendig zu machen. „Ein Text“, sagt Smith, „kann einem nur geben, was man hineinsteckt.“ Und weil das Lesen literarischer Werke verschiedene Arten von Sensibilität voraussetzt, dazu Geduld, Offenheit, Engagement, sieht Zadie Smith im guten Lesen eine „Erziehung des Herzens“ und eine „Analogie zum guten Leben“.

          Was genau dieses gute Leben sei, ist dadurch immer noch nicht gesagt. Aber die Suche danach wird mit Sicherheit leichter, wenn man liest.

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