https://www.faz.net/-gr0-8femg

Literaturgeographie : Schweizsucht

Dort, wo Tell angeblich seinen Schwur leistete, ist nicht immer viel los: Das Rütli am westlichen Ufer des Urnersees Bild: Getty

Wo spielt Literatur und warum? Diese vermeintlich simple Frage will die Literaturgeographie beantworten. Besonders aussichtsreich ist der Versuch auf dem Vierwaldstättersee.

          6 Min.

          Das Schiff heißt „Gotthard“, ein fünfzig Jahre alter Kasten aus Glas und Stahl, der beim Auslaufen leicht vibriert. Die Gäste an Bord blicken auf die Luzerner Uferpromenade, auf die hohen, verzierten Fassaden der teuren Hotels, die im Morgennebel verschwimmen. Die Stadt ist bald nur noch ein weißer Flecken am Rand des Vierwaldstättersees, Berge überragen das Boot. Die Kontur des Pilatus erinnere an den gezackten Buckelrücken eines Sauriers, hat der Schweizer Publizist Peter von Matt einmal geschrieben. Das Boot gleitet vorüber.

          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten.

          Gegenüber liegt die Rigi, ein Berg wie ein grünes Sofa auf knapp zweitausend Metern. 1878 stand Mark Twain am Fuße dieses Berges, mit Alpenstöcken, Taschen, Mänteln und Tabak. Die Zahnradbahn interessierte ihn nicht, er wollte den Berg auf eigenen Füßen besteigen. Als er an Höhe gewann, begegnete ihm ein jodelnder Sennenbub nach dem anderen, die er erst dafür bezahlte, dass sie weiterjodelten, und dann dafür, dass sie wieder aufhörten. Seine erlebten und erfundenen Abenteuer hat Twain im „Bummel durch Europa“ aufgeschrieben. Heute gibt es den Mark-Twain-Weg an der Rigi, um seinen Weg nachzuverfolgen. Die „Gotthard“ macht nur kurz Halt, dann rollt sie weiter.

          Da sein, wo Weltliteratur spielt

          Der Himmel ist inzwischen aufgeklart, nur in den Schluchten hängen noch Wolken, von der Sonne beschienen. Als der amerikanische Schriftsteller Henry James das sah, glaubte er sich in der gigantischen Maschinerie einer großen Opernaufführung: die Sonne als Bühnenbeleuchter, der Wind als Kulissenschieber.

          Das Ausflugsschiff ist nun seit fast zwei Stunden unterwegs. Dann, endlich: „Wir sind am Ziel, hier ist das Rütli.“ So sagt es Schillers Melchtal, und so haben es schon unzählige Reisende gesagt, die sich mit einem Boot über den Vierwaldstättersee zu der kleinen Lichtung haben übersetzen lassen. Sie alle wollten den Originalplatz des Schwurs sehen, wollten da sein, wo Weltliteratur spielt. Aber warum? Weshalb zieht der Vierwaldstättersee in der Zentralschweiz nicht nur die Dichter so sehr an, sondern auch so viele Leser, die deren Geschichten hier noch einmal nachfühlen wollen - wo doch jeder weiß, dass das meist eine ziemliche Enttäuschung ist?

          Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, muss man von der „Gotthard“ steigen und vom Steg aus mit Barbara Piatti zum Rütli und zur Tellsplatte schauen. „Literarische Schauplätze sind für die Lesenden ein Anknüpfungspunkt in der eigenen Lebenswirklichkeit“, sagt Barbara Piatti. Figuren sind ausgedacht, die Zeit liegt oft in der Vergangenheit, aber der Ort ist in vielen Fällen konkret benannt und wiedererkennbar geschildert. Obwohl Schriftsteller auch hier alle Freiheit hätten, verorteten sie ihre Geschichte doch erstaunlich oft in bekannten Landschaften oder berühmten Städten wie Rom, Paris oder Berlin. Wenn man auf die topographischen Angaben in den Büchern achtet, kann man einen Atlas der Literatur erstellen. Genau das hat Barbara Piatti gemacht.

          Die Schweizerin ist Literaturgeographin, eine Disziplin, die ständig hin und her hüpft zwischen Literaturwissenschaft, Geographie und Kartographie und es dementsprechend schwer hat, ihren Platz zu finden. Dabei gab es vor etwa hundert Jahren schon einmal großes Interesse an der Erforschung literarischer Orte, doch anders als in Frankreich und Großbritannien ist es in Deutschland der Literaturgeographie bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht besonders gut ergangen. Das lag an den Schriften von Josef Nadler, der völkische und rassistische Bemerkungen in den dreißiger und vierziger Jahren in die literaturtheoretische Diskussion brachte, und generell am Nationalsozialismus, der den Raumbegriff für sich vereinnahmte.

          Der Knotenpunkt auf der europäischen Literaturlandkarte

          Dann passierte etwas, das Glück und Unglück für die Literaturgeographie zugleich war: Der Literaturtourismus erlebte eine neue, bis dahin ungekannte Hochphase. Die Leser wollten sich die Orte anschauen, an denen Literatur spielt. Das freute die wenigen Literaturgeographen und noch viel mehr die Orte, für die sich ihre manchmal nur zufällige Prominenz auszahlte. So ist es im „Brontë Country“ in Nordengland oder in Stratford-upon-Avon und selbst in Uwe Tellkamps Dresden. So etwas Profanes aber musste wiederum der Germanistik suspekt sein. Die Literaturgeographie stand deswegen weiterhin am Rand. Dabei stellt sie doch eine ebenso simple wie kluge Frage: Wo spielt Literatur und warum?

          Eine Antwort scheint einfach, wenn man mit dem Schiff mitten durch die Wetter-Oper des Vierwaldstättersees fährt. Jedes Mal aufs Neue wird Unsichtbares sichtbar. Das will die promovierte Literaturgeographin Barbara Piatti auch mit ihrer Arbeit leisten. Die Zentralschweiz drängt sich für dabei regelrecht auf, denn hier findet zahlreiche Literatur ihren Handlungsort. Barbara Piatti nennt die Region in ihrem Buch „Es lächelt der See - Literarische Wanderungen in die Zentralschweiz“ den Knotenpunkt auf der europäischen Literaturlandkarte. Das liegt nicht nur an den spektakulären topographischen Gegebenheiten, sondern auch an der Lage der Schweiz mitten in Europa. Wer nach Italien wollte, kam hier vorbei. Wer ans Meer wollte, auch. Wer vor den Nationalsozialisten floh, strandete oft zunächst hier. Hinzu kamen viele regionale Autoren, die ihre Heimat beschrieben.

          Gleichzeitig in zwei Welten

          Über den Vierwaldstättersee schrieben unter anderen Schiller, Hölderlin, Heine, Daudet, Tolstoi, Twain, Scott, Flaubert, Keller, Frisch, Canetti. Wenn man dazu eine Literaturkarte anfertigt, wie es Barbara Piatti gemacht hat, sieht man, wie sich unzählige Erzählebenen überlagern und gegenseitig beeinflussen. Im Mittelpunkt dabei stets: Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“.

          Wenn man sich über dem See langsam dem Rütli nähert, bekommt man ein Gefühl dafür, das Schillers „Tell“ nicht dafür gemacht wurde, um zwischen zwei gelbe Buchdeckel eines Reclam-Bändchens zu stecken, sondern um leibhaftig gesehen zu werden: wie er gespielt wird und wo er gespielt hat.

          Letzteres ist natürlich riskant. Denn es ist hoffnungslos, Text und Landschaft deckungsgleich übereinander legen zu wollen. Das literarische Reisen zielt auf ein ästhetisches Erlebnis ab, das Lesen des Textes soll nacherlebt werden. Man bewegt sich also gleichzeitig in zwei Welten: in der imaginierten des Textes und der realen. Da muss man aufpassen, dass man nicht stolpert.

          Tell und all die anderen waren viel unterwegs

          Nehmen wir das Rütli, das an diesem Tag in der Sonne liegt und hell strahlt. Es ist der Ort, an dem der Gründungsmythos der Schweiz spielt, so auch bei Schiller. Ein zauberhafter Ort - bei Schiller. Bei Licht betrachtet ist das Rütli aber nicht viel mehr als eine kleine Wiese mit einer Holzhütte, umstanden von Wald. Ein schöner Platz, ohne Zweifel - aber einer von großer Bedeutung? Ja, sagt Mark Twain: „Ein abgelegener Flecken, eine kleine Wiese, aber ich wüsste kein anderes Stück Erde, das heiliger wäre und mehr wert, Ozeane und Kontinente zu durchqueren, um es zu sehen.“

          Mark Twain fand nichts interessanter, als einen Ort anzuschauen, der in einem Buch geschildert wird. Das Rütli ist über Land nur schwer zu erreichen, er ließ sich also wie viele andere vor und nach ihm mit dem Boot übersetzen. 150 konkrete topographische Angaben gibt es im „Tell“, aber keine hat solche Anziehungskraft entfaltet wie das Rütli. Barbara Piatti hat eine Karte erstellt, auf denen die Wege der Figuren nachgezeichnet sind. Tell, Melchtal und all die anderen waren viel unterwegs. Im Drama konkretisieren sich diese Wege nicht, der Leser oder Zuschauer erfährt sie nur durch Erzählungen der Figuren. Der Literaturatlas aber macht sie sichtbar.

          Das Rütli als „blockierte Zone“

          Direkt nach der Publikation von Schillers Drama reisten bereits erste Begeisterte in die Schweiz und folgten Tells Spuren. Dabei hat Schiller selbst die Region nie bereist. Stattdessen ließ er sich von seinem ortskundigen Freund Goethe vieles beschreiben, sammelte Karten und Schilderungen der Region, mit denen er sein Arbeitszimmer tapezierte. So entwickelte Schiller eine Art 3D-Modell der Zentralschweiz in seinem Kopf, das verblüffend mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

          Was nicht genau zu ihren Geschichten passt, wurde von den Schriftstellern seit je passend gemacht. In Walter Scotts Novelle „Anne of Geierstein“ taucht eine Burgruine auf, die es am Vierwaldstättersee nie gab. In Mary Shelleys „Frankenstein“ tauchen kleine Inseln im See auf, die nie jemand gesehen hat. Es sind erfundene Orte, die aber in der realen Landschaft verankert sind. Und selbst in einer so archaischen Landschaft wie der Innerschweiz ist Science-Fiction angesiedelt: Von der Mitte der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts an, mit dem ersten Tunnelbau, wird das Innere des Gotthardmassivs mit Geschichten gefüllt - ein Beispiel für eine Landschaft, die literarisch seitdem immer wieder neu beschrieben wird. Es gibt aber auch Orte, mit denen das nicht mehr möglich scheint, und hierfür ist das Rütli ein Beispiel. Barbara Piatti nennt die Wiese eine „blockierte Zone“, weil es bisher kein Autor geschafft habe, diesen Ort komplett neu in Szene zu setzen. Figuren, die hier auftreten, zitieren immer Tell.

          Warum arbeiten sie sich ab an diesem Ort?

          Für Orte, die aus derart vielen unsichtbaren Schichten bestehen, hat die Unesco den Begriff der „associative cultural landscape“ geschaffen. Barbara Piatti versteht nicht, dass der Zentralschweiz dieser Titel noch nicht verliehen wurde.

          Natürlich gibt es auch Regionen, die ganz anders aufgebaut sind und in der Literatur verarbeitet wurden. Nordfriesland zum Beispiel, eine amphibische Landschaft zwischen Wasser und Land. Zwar ist sie im Vergleich zur Innerschweiz sehr gleichförmig, an „kulturellen Beschriftungen“ ist sie kaum weniger reich. Das verdankt sie vor allem Theodor Storm. Und diese Landschaft wird immer wieder aktualisiert, zum Beispiel von Nis-Momme Stockmann in seinem gerade erschienenen Roman „Der Fuchs“. Hanns-Josef Ortheil wiederum hat gemeinsam mit seinen Hildesheimer Studenten die kulturellen und literarischen Schichten dieser Stadt offengelegt.

          Nach drei Stunden legt die „Gotthard“ in Flüelen an, wir sind am untersten Zipfel des Vierwaldstättersees. Viele Autoren sind diese Strecke schon gefahren, und noch mehr haben sie beschrieben und werden das wahrscheinlich in der Zukunft weiter tun. Warum sie sich an diesem Ort weiter abarbeiten? Diese Frage muss man mit einem Zitat beantworten, es stammt von Peter Handke: „Manchmal die Vorstellung, ein Schriftsteller hätte vor allem eine Pflicht; eine Landschaft zu verewigen. Aber wie? Mit den Geschichten von Menschen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          EU-Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen, Präsident Joe Biden und der Präsident des Europäischen Rates, Charles Michel, am Dienstag in Brüssel

          EU-Spitze trifft Biden : Die langen Schatten der Ära Trump

          Das erste Treffen der EU-Spitze mit Präsident Biden hat gezeigt, dass mit dem neuen Mann im Weißen Haus nicht auf einen Schlag alles besser wird. Es gab Fortschritte, aber nicht alle Konflikte wurden gelöst.
          Wolfgang Schäuble am 20. Juni 1991 während seiner Rede im Bonner Bundestag

          Schäuble im F.A.Z.-Interview : „Als ich sprach, spürte ich: Du hast den Saal“

          Wolfgang Schäuble spielte bei der Entscheidung, Parlaments- und Regierungssitz nach Berlin zu verlegen, eine sehr wichtige Rolle. Im Interview spricht der Bundestagspräsident über seine historische Rede, die Bedeutung seines Rollstuhls dabei – und das Charisma von Angela Merkel.
          Die Regenbogenflagge in Budapest: Demonstranten protestieren am Montag gegen das einen Tag später von Ungarns Parlament beschlossene Gesetz

          Parlament billigt Gesetz : Ungarn verbietet die Darstellung von Homosexualität

          In Ungarn stellt die Darstellung von Homosexualität und Geschlechtsumwandlung in für Jugendliche zugänglichen Medien unter Strafe. Die Gegner des neuen Gesetzes der Orbán-Regierung sehen eine Unvereinbarkeit mit der Europäischen Menschenrechtskonvention.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.