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Literaturgeographie : Schweizsucht

Dort, wo Tell angeblich seinen Schwur leistete, ist nicht immer viel los: Das Rütli am westlichen Ufer des Urnersees Bild: Getty

Wo spielt Literatur und warum? Diese vermeintlich simple Frage will die Literaturgeographie beantworten. Besonders aussichtsreich ist der Versuch auf dem Vierwaldstättersee.

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          Das Schiff heißt „Gotthard“, ein fünfzig Jahre alter Kasten aus Glas und Stahl, der beim Auslaufen leicht vibriert. Die Gäste an Bord blicken auf die Luzerner Uferpromenade, auf die hohen, verzierten Fassaden der teuren Hotels, die im Morgennebel verschwimmen. Die Stadt ist bald nur noch ein weißer Flecken am Rand des Vierwaldstättersees, Berge überragen das Boot. Die Kontur des Pilatus erinnere an den gezackten Buckelrücken eines Sauriers, hat der Schweizer Publizist Peter von Matt einmal geschrieben. Das Boot gleitet vorüber.

          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten und Politik Online.

          Gegenüber liegt die Rigi, ein Berg wie ein grünes Sofa auf knapp zweitausend Metern. 1878 stand Mark Twain am Fuße dieses Berges, mit Alpenstöcken, Taschen, Mänteln und Tabak. Die Zahnradbahn interessierte ihn nicht, er wollte den Berg auf eigenen Füßen besteigen. Als er an Höhe gewann, begegnete ihm ein jodelnder Sennenbub nach dem anderen, die er erst dafür bezahlte, dass sie weiterjodelten, und dann dafür, dass sie wieder aufhörten. Seine erlebten und erfundenen Abenteuer hat Twain im „Bummel durch Europa“ aufgeschrieben. Heute gibt es den Mark-Twain-Weg an der Rigi, um seinen Weg nachzuverfolgen. Die „Gotthard“ macht nur kurz Halt, dann rollt sie weiter.

          Da sein, wo Weltliteratur spielt

          Der Himmel ist inzwischen aufgeklart, nur in den Schluchten hängen noch Wolken, von der Sonne beschienen. Als der amerikanische Schriftsteller Henry James das sah, glaubte er sich in der gigantischen Maschinerie einer großen Opernaufführung: die Sonne als Bühnenbeleuchter, der Wind als Kulissenschieber.

          Das Ausflugsschiff ist nun seit fast zwei Stunden unterwegs. Dann, endlich: „Wir sind am Ziel, hier ist das Rütli.“ So sagt es Schillers Melchtal, und so haben es schon unzählige Reisende gesagt, die sich mit einem Boot über den Vierwaldstättersee zu der kleinen Lichtung haben übersetzen lassen. Sie alle wollten den Originalplatz des Schwurs sehen, wollten da sein, wo Weltliteratur spielt. Aber warum? Weshalb zieht der Vierwaldstättersee in der Zentralschweiz nicht nur die Dichter so sehr an, sondern auch so viele Leser, die deren Geschichten hier noch einmal nachfühlen wollen - wo doch jeder weiß, dass das meist eine ziemliche Enttäuschung ist?

          Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, muss man von der „Gotthard“ steigen und vom Steg aus mit Barbara Piatti zum Rütli und zur Tellsplatte schauen. „Literarische Schauplätze sind für die Lesenden ein Anknüpfungspunkt in der eigenen Lebenswirklichkeit“, sagt Barbara Piatti. Figuren sind ausgedacht, die Zeit liegt oft in der Vergangenheit, aber der Ort ist in vielen Fällen konkret benannt und wiedererkennbar geschildert. Obwohl Schriftsteller auch hier alle Freiheit hätten, verorteten sie ihre Geschichte doch erstaunlich oft in bekannten Landschaften oder berühmten Städten wie Rom, Paris oder Berlin. Wenn man auf die topographischen Angaben in den Büchern achtet, kann man einen Atlas der Literatur erstellen. Genau das hat Barbara Piatti gemacht.

          Die Schweizerin ist Literaturgeographin, eine Disziplin, die ständig hin und her hüpft zwischen Literaturwissenschaft, Geographie und Kartographie und es dementsprechend schwer hat, ihren Platz zu finden. Dabei gab es vor etwa hundert Jahren schon einmal großes Interesse an der Erforschung literarischer Orte, doch anders als in Frankreich und Großbritannien ist es in Deutschland der Literaturgeographie bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht besonders gut ergangen. Das lag an den Schriften von Josef Nadler, der völkische und rassistische Bemerkungen in den dreißiger und vierziger Jahren in die literaturtheoretische Diskussion brachte, und generell am Nationalsozialismus, der den Raumbegriff für sich vereinnahmte.

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