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Literaturfestival lit.Cologne : Da brettern die Herzen blind aufeinander zu

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Autor des Anti-Brexit-Romans „Die Mauer“: Der britische Schriftsteller John Lanchester Bild: dpa

Amor vincit omnia: Auf dem Literaturfestival lit.Cologne zeigt sich, dass die Briten auf dem Festland immer noch geliebt werden.

          Galgenhumor besitzen sie jedenfalls, Tobias Bock, Regina Schilling und Eva Schuderer, die Programmplaner des Literaturfestivals lit.Cologne, das soeben mit der enormen Zahl von (abermals) 111.000 Besuchern zu Ende ging. Mit fast schon britischer Ironie hatten sie den Auftritt von John Lanchester just auf den lange Zeit vorgesehenen Tag des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union gelegt. Der Autor, der mit der Dystopie „Die Mauer“ – die zur Tyrannis heruntergekommene Insel schottet sich mit einem gigantischen Bollwerk gegenüber ankommenden Bootsflüchtlingen ab – das ultimative Buch zum Brexit verfasst hat, war davon angetan. Bevor die ganze Chose verschoben wurde, habe er nämlich vorgehabt, gleich um Asyl zu bitten – das er als Halbire gar nicht bräuchte, aber „besser, man geht auf Nummer Sicher“.

          Weil sich am selben Tag das Chaos von Westminster noch einmal vergrößert hatte, ließ Lanchester es sich nicht nehmen, unter viel Applaus auf die „dumme und gefährliche Idee“ des Referendums einzudreschen: Eine neuerliche Abstimmung ginge schon aus dem simplen Grund anders aus, dass 750.000 steinalte Leave-Wähler inzwischen gestorben seien, junge Remainer hingegen nachreiften. Den Generationenkonflikt hat der Autor im Roman ebenfalls verarbeitet, besteht aber darauf, dass dessen Plot ihm vor dem „Brexit-Desaster“ im Traum zugefallen sei. Eigentlich gehe es darin nur um die Folgen des Klimawandels. Wie auch immer: Literatur als Anwalt der Opfer von morgen, das fühlte sich an diesem „Friday for Future“ äußerst erhebend an.

          Bräuchten traumatisierte Briten eine weitere Bestätigung, dass sie auf dem Festland immer noch geliebt werden, die lit.Cologne – die daneben natürlich auch vieles anderes ist – wäre eine gute Adresse, gerade in diesem Jahr. Es begann schon mit der Lesung Ian Kershaws, des Historikers aus Manchester, der im zweiten Band seiner Universalgeschichte Europas gegen das Fortschrittsnarrativ anschreibt. Weil sich die Zeit seit 1945 keineswegs überall als stetige Verbesserung ausnehme, hätten die Populisten derzeit solchen Zulauf.

          Erkenntnis, Verständnis, Vergebung

          Auch der ziellose Brexit erkläre sich aus dem bei Benachteiligten voll angekommenen Versuch britischer „Schnösel“-Politiker wie Boris Johnson – „ich versuche immer, mich höflich auszudrücken“ –, für Fehler der eigenen Regierung einen Schuldigen zu suchen. Einen Ausweg sah Kershaw nicht. Besonders skeptisch zeigte er sich in Bezug auf ein gesamteuropäisches Identitätsgefühl. Gegen die globalen Kräfte des Turbokapitalismus müsste es lokale, aber liberale Identitätsangebote geben. Die Losung der Stunde laute freilich, alle Kräfte gegen die falschen Versprechen der Abendland-Populisten zu mobilisieren.

          Um zumindest die englischen Verhältnisse seit 1945 besser zu verstehen, bietet sich eine Versenkung in Alan Hollinghursts „Sparsholt-Affäre“ an. Die in Oxford beginnende, von einem nur angedeuteten Sexskandal überschattete Lebensgeschichte des Ingenieurs Sparsholt weitet sich gekonnt zur Milieustudie. Im Gespräch unterstrich Hollinghurst, seine Literatur habe durch die Reduktion auktorialer Allwissenheit an Lebensnähe gewonnen. Inzwischen gestehe er seinen Figuren Erinnerungslücken und ungelüftete Geheimnisse zu. Liebe und Freiheit, diese zwei.

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