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Literaturauszeichnung : Elke Erb erhält Büchnerpreis 2020

Die Schriftstellerin Elke Erb Bild: dpa

Die 82 Jahre alte Lyrikerin Elke Erb bekommt die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung. In Hinsicht auf Qualität wie auf Quote eine kluge Entscheidung.

          2 Min.

          Dass Elke Erb den diesjährigen Büchnerpreis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung erhält, wird die eskalierende Debatte um die Gerechtigkeit der Vergabe wichtiger Literaturauszeichnungen – und der Büchnerpreis ist nach wie vor die wichtigste in Deutschland – nicht verstummen lassen. Das „Glück“, das der Nobelpreis im vergangenen Jahr hatte, als zugleich ein Mann (Peter Handke) und eine Frau (Olga Tokarczuk) ausgezeichnet werden konnten, mochte man der Darmstädter Akademie nicht wünschen, denn die Stockholmer Doppelvergabe hatte ihre Ursache im vorangegangenen Skandal innerhalb der Schwedischen Akademie, der im Jahr 2018 zu einem Verzicht auf die Benennung eines Literaturnobelpreisträgers geführt hatte. Und man möchte sich nicht vorstellen, was losgewesen wäre, wenn ein Jahr später zwei Männer gekürt worden wären. Die Jury stand mit ihren zwei Optionen eher unter mehr Druck, als das mit einer einzigen der Fall gewesen wäre.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die unterschiedliche Wahrnehmung der beiden jüngsten Nobelpreisträger, zugegebenermaßen auch bedingt durchs Skandalpotential rund um Handke, zeigte die Doppelschneidigkeit einer rein auf die Frage Mann oder Frau reduzierten Betrachtung: Olga Tokarczuk ging in der öffentlichen Wahrnehmung neben Handke weitgehend unter und galt Traditionalisten mehr als Quotenfrau denn als ernsthafte Gewinnerin - eine angesichts der literarischen Qualitäten ihrer Bücher groteske Einschätzung. Sie droht Elke Erb nicht, weil die Dichterin ganz anders als ihre polnische Kollegin schon seit Jahrzehnten eine bekannte, vor allem anerkannte Größe in Deutschland ist. Über die Qualität ihrer Lyrik besteht Einigkeit.

          Es brauchte keinen Jugendbonus

          Im Vorfeld der heutigen Bekanntgabe war mahnend angemerkt worden, dass in den letzten zwanzig Jahren gerade einmal fünf Frauen in Darmstadt ausgezeichnet wurden. Aber der Büchnerpreis versteht sich, gerade weil er um seine Bedeutung weiß, als Ehrung für ein Lebenswerk, und so lange haben wir es in Deutschland noch nicht mit einem numerischen Gleichgewicht zwischen wichtigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu tun. Von der Darmstädter Jury zu verlangen, sie möge das mit ihren Entscheidungen korrigieren, ist unhistorisch. Allenfalls könnte man anführen, dass früher öfter jüngere Autoren zu Büchnerpreisträgerin gewählt wurden als heute – Hans Magnus Enzensberger und Durs Grünbein sind berühmte Beispiele –, und würde das wieder gewagt, wäre es in der Tat unmöglich, die starke Rolle von Frauen in der deutschen Gegenwartsliteratur zu ignorieren. Elke Erb aber ist zweiundachtzig Jahre alt; es brauchte keinen Jugendbonus, um sie auszuzeichnen.

          Ihr Alter allerdings wird auch wieder vielen nicht gefallen. Denn längst geht es bei der öffentlichen Diskussion über Literaturpreise gar nicht mehr vorrangig um ästhetische Fragen, sondern eben um solche wie Frau oder Mann. Auch um alt oder jung. Noch. Denn es ist jetzt schon abzusehen, dass alsbald Fragen nach ganz anderer Diversität dazukommen werden: geschlechtlicher durch die wachsende Akzeptanz selbstdefinierter Sexualität und natürlich auch ethnischer Diversität, die die Kritiker der Büchnerpreisentscheidungen jetzt schon vermissen. Elke Erb begann ihre Karriere als Dichterin in der DDR, was zumindest ein Stück der eingeklagten Gerechtigkeit bei den Preisentscheidungen einlöst. So gesehen eine exzellente Entscheidung: sowohl in Hinsicht auf Qualität wie auf Quote.

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